Frau Weber, Sie betreiben das vegane Magazin Vlowers und das gleichnamige Pop-up Frühstückscafé in Zürich Wipkingen. Warum veröffentlichen sie jetzt noch ein Ratgeber?

Mit dem Ratgeber habe ich einen weiteren Weg gefunden, wie ich Interessierten die vegane Lebensweise näher bringen kann. Gerade bei den monatlichen veganen Brunchs die ich ausrichte, werden mir immer wieder ähnliche Fragen gestellt. Mit dem Ratgeber kann ich sie spezifisch nochmals und gesammelt beantworten.

Und wie geht man vor, wenn man vegan leben will?

Ich empfehle eine schrittweise Umstellung der Ernährung. Entweder man geht pro Mahlzeit vor, stellt zuerst das Frühstück um, dann in einem zweiten Schritt das Mittagessen und so weiter. Oder man stellt nach Lebensmittelgruppen um. Das heisst, ich schaue zuerst alle meinen Fleisch- und Wurstprodukte an und suche nach pflanzlichen Alternativen. Dann nehme ich mir die Milchprodukte vor.

Muss man so nicht viele Lebensmittel die man zu Hause hat, wegwerfen?

Das würde ich nicht empfehlen. Wenn man beispielsweise noch einen Topf Honig zu Hause hat, sollte man diesen zuerst aufbrauchen. Beim nächsten Einkauf kann man dann süsse vegane Brotaufstriche wählen und ausprobieren. Das empfehle ich auch für alle anderen Lebensmittel, sowie bei Kosmetikprodukten und Kleidern. Auch hier gibt es vegane Lösungen. Sogar ich habe nach vier Jahren als Veganerin noch Kleider oder Accessoires aus Wolle oder Leder zu Hause. Es wäre unökologisch intakte Ware wegzuwerfen. Das bringt niemandem etwas. Alles was ich nachkaufe, kaufe ich jedoch in veganer Version.

Zurück zum Essen. Lässt sich denn tatsächlich alles mit pflanzlichen Nahrungsmitteln ersetzen?

Pflanzliche Alternativen gibt es heute für praktisch alle Lebensmittel. Die Auswahl an veganen Esswaren ist in den letzten Jahren deutlich gewachsen. Es ist jedoch eine persönliche Entscheidung, ob man Lebensmittel eins zu eins ersetzen, oder je nachdem auch ganz weglassen will. Ich habe nicht das Gefühl, auf etwas verzichten zu müssen, und meinen Cappuccino am Morgen trinke ich jetzt einfach mit Biosoya-, Hafer- oder Mandelmilch.

Ihr Ratgeber «Vegan mit Herz und Kopf» beginnt mit einem Kapitel das Aber-Argumente heisst. Wollen Sie damit den Skeptikern den Wind aus den Segeln nehmen?

Aber-Argumente bei Gesprächspartnern stehen häufig für Ausreden und Abwehr. Oder für nicht vorhandenes Wissen. Es kann auch sein, dass sie mit dem Verkauf von Tierprodukten ihr Geld verdienen und deshalb Aber-Argumente benötigen, um die vegane Ernährung schlecht zu reden.

Skeptiker warnen vor Mangelerscheinungen bei veganer Ernährung.

Alle Nährstoffe, die in tierischen Produkten enthalten sind, kommen auch in den pflanzlichen Lebensmitteln vor. Abgesehen das Vitamin B12. Aber auch dafür gibt es eine Lösung.

Welche denn?

Ich persönliche setze hier zwei Mal wöchentlich auf eine Nahrungsmittelergänzung. Der Mensch benötigt nicht viel von diesem Vitamin, aber für den Körper ist es zwingend. Der Mangel kann alle betreffen, auch Fleischesser.

Welche Lebensmittel braucht man für eine gesunde und ausgewogene Ernährung?

Sicher die Grundnahrungsmittel, die sowieso vegan sind. Also Früchte, Gemüse, Hülsenfrüchte, Nüsse und Vollwertgetreide.

Warum wurden Sie Veganerin?

Seit Kindesalter lebte ich vegetarisch. Trotzdem habe ich ab und zu Fisch gegessen. Ich redete mir ein, dass das schon in Ordnung sei. Vor ein paar Jahren habe ich den Entschluss gefasst, die vegetarische Ernährung konsequent umzusetzen. Deshalb habe ich mich über Ernährung und Tierhaltung informiert und dabei gemerkt, dass ich hinter der vegetarischen Ernährung nicht stehen kann. Auch dort sterben Tiere und werden unter widrigen Umständen gehalten. Ich wollte diesen Markt mit meinem Geld einfach nicht mehr unterstützen.

Da war kein Kompromiss mehr möglich?

Wenn jemand von omnivorer Ernährung zur vegetarischen übergeht, ist das ökologisch gesehen schon ein Schritt in die richtige Richtung. Oft glauben Vegetarier, dass mit ihrer Ernährungsweise keine Tiere mehr sterben. Das stimmt aber nicht. Wenn eine Kuh keine Milch mehr geben kann, weil sie von den häufigen Schwangerschaften erschöpft ist, kommt sie auf die Schlachtbank. Oder denken sie an die Kälber. Das sind Nebenprodukte der Milchherstellung. Männliche Kälber können in diesem Prozess gar nicht gebraucht werden. Also kommen sie direkt auf den Schlachthof.

Hand aufs Herz. Ob Käse, Eier oder Honig, fehlen ihnen gewisse Lebensmittel nicht manchmal?

Die Umstellung meiner Ernährung ist mir einfacher gefallen, als ich anfänglich erwartet habe. Gerade weil ich sehr gern Yoghurt und Hüttenkäse ass. Ich bin mit den pflanzlichen Alternativen aber zufrieden und esse heute noch mein Birchermüesli zum Frühstück. Das ganze Wissen über die Tierhaltung hat mir die Umstellung vereinfacht – und das sage ich ihnen mit der Hand auf dem Herzen.

Aber pflanzliches Essen schmeckt doch nicht gleich?

Die vegane Ernährung gibt es tatsächlich noch nicht lange. Doch in den letzten Jahren hat sich einiges getan. Mittlerweile gibt es auch beim Käse Lösungen, die geschmacklich wirklich gut sind. Eine Firma im Thurgau bietet sogar veganes Fondue und Raclette an. Ich selber mache bei meinen veganen Brunchs jeweils ein Käse aus Cashewkernen. Und der kommt bei meinen Gästen sehr gut an. Wenn man seine Ernährung umstellt, sollte man sich bewusst sein, dass ein Lebensmittel, das anders gemacht wird, auch anders schmecken darf.

Wie sieht es mit Restaurantbesuchen aus in der Stadt Zürich?

Sehr gut. Es gibt vier Restaurants, die komplett vegan kochen. Dann gibt es die vegetarischen Restaurants Hiltl und Tibits, die innerhalb ihres Sortiments eine gute vegane Auswahl haben. Ganz viele Gastrobetriebe haben heute mindestens ein veganes Gericht auf der Karte. Es ist mittlerweile ein beliebtes Marketinginstrument geworden. Sie sehen, als Veganer verhungert man nicht.