Zürich/Hinwil
An einem nebligen Abend vor 80 Jahren geschah das Unglück...

Vor 80 Jahren ereignete sich in Oerlikon eines der schlimmsten Bahnunglücke der Zürcher Geschichte. Markus Feurers Urgrossvater war beim Unglück dabei, erfahren hat es der Urenkel aber erst vor wenigen Monaten.

Anna Wepfer
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Die zerstörten Bahnwagons des Schnellzugs Zürich–Uster beim Bahnunglück in Oerlikon vom 17.12.1932. Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH)

Die zerstörten Bahnwagons des Schnellzugs Zürich–Uster beim Bahnunglück in Oerlikon vom 17.12.1932. Staatsarchiv des Kantons Zürich (StAZH)

Eigentlich sind Henri Feurer und Hans Keller am Abend des 17. Dezembers 1932 noch zu einem Jass eingeladen. Die beiden Herren haben gerade eine Sitzung in Zürich hinter sich und könnten einen gemütlichen Abend im Restaurant Du Nord anhängen. Doch sie entscheiden sich dagegen und machen sich stattdessen gemeinsam auf den Heimweg nach Hinwil. Am Hauptbahnhof besteigen sie den Schnellzug nach Uster und Rapperswil. Er verlässt Zürich pünktlich um 17.50 Uhr. Nur sechs Minuten später prallt der Zug kurz vor Oerlikon in eine auf dem Gleis stehende Lokomotive.

Hans Keller kommt bei dem Zusammenstoss ums Leben. Henri Feurer überlebt schwer verletzt. Markus Feurer erzählt von diesem Unglück, als habe er damals vor 80 Jahren zusammen mit seinem Urgrossvater im Zug gesessen. In Tat und Wahrheit sind sich die beiden allerdings nie begegnet. Als Markus Feurer 1968 auf die Welt kam, lebte Henri Feurer schon lange nicht mehr. Vom Unfall, der seinen Urgrossvater einst beinahe das Leben gekostet hätte, erfuhr Markus Feurer erst vor wenigen Monaten.

Die Mappe in der Holztruhe

Darauf gestossen ist er beim Stöbern in einer alten Holztruhe, in welcher Henri Feurer – ein leidenschaftlicher Sammler – seinerzeit Erinnerungsstücke aufbewahrte. Bald einmal hielt Markus Feurer eine vergilbte Kartonmappe in den Händen. Vier A4-Seiten mit handschriftlichen Notizen kamen zum Vorschein: eine feinsäuberliche Chronik der Ereignisse vom 17. Dezember 1932. Sogar das Billett der Unglücksfahrt lag noch in der Mappe.

Der Zug, den Henri Feurer und Hans Keller an jenem Winterabend nehmen, ist gut besetzt. Auf die Aufforderung eines Kondukteurs hin, steigen sie im vordersten Wagen ein. Dort, in einem Raucherabteil der dritten Klasse, finden sie sogar einen Sitzplatz. Andere Passagere müssen stehen. Der Zug rollt an. Erster planmässiger Halt ist Wallisellen. Durch den dichten Nebel und die Dunkelheit sind die vorbeiziehenden Häuser kaum zu erkennen.

Blockiert auf dem Gleis

Nachdem Markus Feurer im vergangenen Sommer die Notizen seines Urgrossvaters gelesen hatte, liess ihn das Zugunglück nicht mehr los. Er erfuhr, dass es 1934 einen Prozess gegeben hat gegen drei in den Vorfall involvierte Bahnarbeiter. Sie wurden alle freigesprochen. Feurer recherchierte darauf im Staatsarchiv, wo er die Prozessakten einsehen durfte.

Während am Hauptbahnhof der Schnellzug nach Rapperswil noch auf die letzten Passagiere wartet, startet Lokführer Karl Siegrist in Oerlikon ein Rangiermanöver. Siegrist soll eine Dampflok vom Bahnhof zu einem nahe gelegenen Güterschuppen fahren. Er setzt die Maschine in Bewegung und fährt einige hundert Meter Richtung Zürich. Dort wartet er darauf, dass der Stellwerkwart die Weiche umstellt. Erst dann kann er die Lok vom Hauptgleis wegführen.

Doch der Stellwerkwart reagiert nicht. Während der Gerichtsverhandlung wird er aussagen, er sei über das Manöver nicht informiert gewesen. Wegen des Nebels habe er die wartende Lok nicht bemerkt. Sie bleibt deshalb minutenlang auf dem Hauptgleis stehen – jenem Gleis, auf dem auch der Schnellzug nach Rapperswil den Bahnhof Oerlikon passieren soll.

Damit nimmt das Unglück seinen Lauf. Statt die Dampflok wegzulotsen, erteilt der nichts ahnende Stellwerkwärter dem Schnellzug die Durchfahrterlaubnis. Normalerweise hätte er erst kontrolliert, ob das Gleis frei ist. An jenem Abend ist das aufgrund des schlechten Wetters jedoch unmöglich. Als der Lokführer des Schnellzuges die wartende Dampflok auf dem Gleis wahrnimmt, ist es bereits zu spät. Mit einer Geschwindigkeit von 75 Kilometern pro Stunde rast der Schnellzug in die stehende Maschine.

Der Gepäckwagen, der sich zwischen Lokomotive und Personenwagen befindet, bäumt sich beim Aufprall auf und reisst die Vorderseite des ersten Drittklasswagons auf. Beide Wagen entgleisen, wobei die ineinander verkeilten Loks vom Rest des Zuges abgetrennt und auf den Schienen bis vor das Stationsgebäude Oerlikon getrieben werden. Der Heizer der Rangierlok kommt dabei ums Leben.

Die vordere Hälfte des Drittklasswagons, in dem sich Henri Feurer kurz zuvor noch befunden hat, ist beim Entgleisen völlig zerschmettert worden. Manche Passagiere wurden aufs Trassee geschleudert, andere sind im Wagon eingeklemmt. Zwei Personen sterben noch vor Ort. Rund 60 Verletzte rufen um Hilfe. Erste Sanitäter sind wenige Minuten nach dem Unglück vor Ort. Henri Feurer kauert benommen neben dem entgleisten Zug. Er ist schwer verletzt. Vom Rücken bis zum Kopf reicht eine klaffende Wunde, die Augenlider sind eingerissen. Hans Keller erleidet lebensgefährliche Verletzungen, von denen er sich nicht erholen wird.

Als er stirbt, ist er 39-jährig. «Sein Tod muss für meinen Urgrossvater schmerzhaft gewesen sein», sagt Markus Feurer. Henri Feurer wird an Silvester aus dem Spital entlassen. «Meine Kopfwunden heilten ziemlich rasch, nicht aber die Verstauchungen und Quetschungen an beiden Beinen», steht in seinen Notizen.

«Er hatte grosses Glück»

Markus Feurer fährt auf dem Weg zur Arbeit jeden Tag am Bahnhof Oerlikon vorbei. Im Tram, nicht im Zug. Dennoch geht ihm dabei immer wieder die Geschichte seines Urgrossvaters durch den Kopf. «Er hat sehr grosses Glück gehabt. Ein paar wenige Zentimeter entschieden damals über Tod und Leben.» Das Ergebnis seiner Recherche möchte Markus Feurer der Öffentlichkeit zugänglich machen. Der ortsgeschichtliche Verein Oerlikon sei daran interessiert, sagt er. Vielleicht überlässt er die Dokumentation aber auch dem Ortsmuseum Hinwil. Sein Urgrossvater Henri Feurer hat es 1925 gegründet.