Frauenquote
An der Uni Zürich sind Frauen in höheren Positionen noch immer untervertreten

Heute hat eine Studentin an der Universität Zürich mehr Kommilitoninnen als Kommilitonen. Die Wahrscheinlichkeit, dass ihr Seminar von einer Frau geleitet wird, ist hingegen klein.

Sophie Rüesch
Drucken
Teilen
Bei den Studierenden haben die Frauen die Männer bereits überholt. Auf der Professurstufe sieht dies jedoch anders aus.

Bei den Studierenden haben die Frauen die Männer bereits überholt. Auf der Professurstufe sieht dies jedoch anders aus.

Keystone

Der Frauenanteil an der Universität Zürich steigt stetig; trotzdem sind Frauen in den höheren Chargen nach wie vor untervertreten. 2010 waren knapp 17 Prozent aller Professuren von Frauen besetzt, wie dem Gleichstellungsmonitoring-Bericht der Universitätsleitung zu entnehmen ist.

«Das Gleichstellungsproblem spitzt sich nach der Doktoratsstufe zu», sagt Karin Gilland Lutz, die bei der Abteilung für Gleichstellung für die Nachwuchsförderung und die Projektleitung Mentoring zuständig ist. Im internationalen Vergleich stellt die Schweiz damit keine Ausnahme dar: Der geringe Frauenanteil in höheren akademischen Positionen sei im gesamten europäischen Raum feststellbar, hält Gilland Lutz fest. Auch in Ländern wie Schweden, das als familienpolitisches Vorzeigeland gilt, sei der Professorinnenanteil nur leicht höher als in der Schweiz.
Auf der Abteilung Gleichstellung spricht man von der sogenannten «leaky pipeline», einem «tropfenden Rohr». Diese Bezeichnung geht zurück auf die grafische Darstellung von Frauen- und Männeranteilen über verschiedene Ausbildungsgrade hinweg. Diese zeigt zwei zunehmend auseinanderdriftende Linien: Je höher die akademische Position, desto weniger Frauen sind vertreten. Die Erhebungen aus dem Monitoring-Bericht 2010 weisen jedoch auf eine leichte Veränderung dieser Kurven hin. Bei den Studierenden und Doktorierenden haben die Frauen die Männer bereits überholt; nach wie vor dominieren aber die Männer die oberen Ränge.

Betreuung bleibt an Frau hängen

Die Gründe dafür sind laut Gilland Lutz vielfältig. «Eine wichtige Rolle spielt sicher die Familienplanung», meint sie. Die Lebensphase, in der sich Frauen für oder gegen Kinder entscheiden müssten, falle zeitlich oft zusammen mit der Frage, ob sie eine universitäre Karriere weiterverfolgen sollen. Im Falle einer Familiengründung bleibe die Betreuung in den meisten Fällen noch immer an der Frau hängen - für viele ein Grund, sich von der akademischen Welt zu verabschieden. Zudem werde einer jungen Familie die Arbeitsteilung oft erschwert, da Teilzeitstellen, besonders in gut bezahlten Positionen, rar seien.

Eine weitere Ursache für den geringen Professorinnenanteil liege in der Natur der Habilitationsphase selbst. «Auf dieser Stufe gibt es weniger Stellen und mehr Konkurrenz», sagt Gilland Lutz. Zudem würden feste Betreuungsstrukturen und klare Zukunftsperspektiven fehlen. Wichtige Gründe für die Geschlechterdifferenzen auf der Professurstufe seien auch im Bereich Mobilität und Vernetzung zu verorten. «Wir stellen fest, dass Männer tendenziell viel besser integriert sind», so Gilland Lutz. Dabei sei ein gutes Netzwerk zentral für eine universitäre Karriere.

Keine männliche Domäne

Auch Brigitte Tag, die Präsidentin der universitären Gleichstellungskommission, die eng mit der Abteilung zusammenarbeitet, sieht in diesem Bereich Handlungsbedarf. «Viele junge Frauen sind zu wenig darüber informiert, welche Möglichkeiten es gibt, den Beruf der Professorin erfolgreich anzugehen, wie Beruf und Familie vereinbart werden können und wer in diesen Fragen Rat geben kann», so die Strafrechtsprofessorin. Wichtig sei auch, dass den Studentinnen früh vermittelt wird, dass die Professur keine männliche Domäne sein muss. «Die Professorinnen von heute werden von vielen Studierenden als ‹Role Model› wahrgenommen», so Tag.

Der Frauenanteil ist aber nicht nur auf Professurniveau tief. Die Universitätsleitung übergab der Abteilung Gleichstellung zwar bereits 2007 den Leistungsauftrag, für «die tatsächliche Gleichstellung von Frau und Mann und eine ausgewogene Vertretung beider Geschlechter in allen universitären Funktionen und Gremien» zu sorgen. Doch die Universitätsleitung befand sich während der letzten 13 Jahre selbst fest in Männerhand.

Ab August dieses Jahres wird mit Andrea Schenker-Wicki wieder eine Frau in der Universitätsleitung Einsitz nehmen. Vor ihr haben das erst zwei Frauen geschafft. Die Wirtschaftsprofessorin hat selbst zwei Kinder und kennt die Schwierigkeiten, denen man als Frau im Hinblick auf eine universitäre Karriere begegnen kann. Für sie waren diese aber nie ein reales Hindernis. «Konfliktpotenzial gibt es immer, davon können alle berufstätigen Mütter ein Lied singen», sagt sie. Wichtig sei, «den Nachwuchs besser zu vernetzen und frühzeitig in die akademische Welt einzuführen», meint sie. Damit spricht sie Strategien an, die die Abteilung Gleichstellung bereits heute verfolgt. Die Nachwuchsförderung, die unter anderem durch Mentoring-Projekte angestrebt wird, ist ein integraler Bestandteil ihrer Arbeit.

Karriere und Familie möglich

Ein weiteres Anliegen, für das sich Schenker-Wicki in der Universitätsleitung einsetzen will, sei, «dass unsere Nachwuchswissenschafterinnen auch ein Familienleben und Kinder haben können, ohne dass die Karriere allzu sehr beeinträchtigt wird». Die künftige Prorektorin betont, dass dazu ein ausreichendes Angebot an Krippenplätzen gehöre. Die Kinderbetreuung ist auch für die Abteilung Gleichstellung ein zentrales Thema. Die von Universität und ETH ins Leben gerufene Stiftung Kinderbetreuung im Hochschulraum Zürich (KIHZ) biete zwar ein umfangreiches Angebot, doch ausreichen würde dieses nicht. «Der Bedarf ist fast bodenlos», so Gilland Lutz.

Andrea Schenker-Wicki ist überzeugt, dass sich der Frauenanteil auf Professurniveau mit der Zeit von selbst regulieren wird. «Die Feminisierung der Wissenschaft hat erst in den letzten 20 Jahren stattgefunden», sagt sie. Dass Frauen heute mehr als die Hälfte der Studierenden ausmachen, ist für sie eine Garantie, dass es mit der Zeit auch mehr Professorinnen geben wird.

Anders sieht das Gilland Lutz: Sie geht nicht davon aus, dass sich das Geschlechterverhältnis auf Professurstufe automatisch ausgleichen wird, nur weil Frauen die Mehrheit im Studium stellen. «Da die weiblichen Austritte nach dem Doktorat so überdurchschnittlich hoch sind, vermute ich, dass der Professorinnenanteil auch über einen längeren Zeitraum hinweg nur leicht ansteigen wird», meint sie. Davon lässt sie sich aber nicht entmutigen. «Das Gleichstellungsanliegen wird es geben, solange es zwei Geschlechter gibt. Doch der Weg ist genau so wichtig wie das Ziel», sagt sie.

Und das Ziel sei klar: «Erst wenn das Geschlechterverhältnis auch bei den Professuren ausgewogen ist, werden Frauen als vollwertige Mitglieder des Systems betrachtet werden», so Gilland Lutz.
Gleichstellungskommissions-Präsidentin Tag ist zuversichtlich, dass man dieses Ziel früher oder später erreichen wird: «Wie heisst es so schön? Steter Tropfen höhlt den Stein. Manchmal trifft der Tropfen auf Kalk, manchmal auf Granit. Je nachdem dauert es etwas kürzer oder länger, bis das Wasser seinen Weg durch den Fels findet.»