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Amoklauf in Zürich: «So ein Vorfall kann überall passieren»

Dass in Zürich auf Somalier geschossen wurde, sei Zufall, sagt ein Mitglied des Somalischen Vereins Zürich. Er suchte gestern den Tatort auf wie andere Moscheebesucher.

Von Deborah Stoffel
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Vor der geschlossenen Moschee wurden Blumen niedergelegt.

Vor der geschlossenen Moschee wurden Blumen niedergelegt.

Katrin Oller

Die Tür der Moschee an der Eisgasse gleich hinter der Europaallee in Zürich ist seit Montagabend verriegelt. Am Tag darauf stehen die weissen Busse der Forensiker der Stadt Zürich vor dem Gebäude. Eine Kerze und ein Schild mit der Aufschrift «Liebe als Antwort auf Hass» weisen auf Montag hin, als ein 24-jähriger Schweizer drei Moscheebesucher angeschossen hat.

«Ich habe ein Blumenmeer erwartet», sagt eine Frau, die täglich auf dem Weg zur Arbeit hier vorbeigeht. Mit Arbeitskollegen ist sie am Mittag zurückgekommen und hat weisse Amaryllen neben die Tür gestellt. «Als Zeichen gegen die Ohnmacht», sagt sie.

Das Mittagsgebet sollte eigentlich um 12.30 Uhr stattfinden. Kurz nach 12 Uhr schauen ein paar Muslime bei der Moschee vorbei, gehen aber weiter, als sie sehen, dass die Tür verschlossen ist. «Wir wohnen ausserhalb der Stadt und kommen nur hierher, wenn wir in Zürich sind», sagen zwei junge Somalier. Ein Mann aus Bangladesh bleibt stirnrunzelnd stehen. Er habe vom Angriff in der Zeitung gelesen. «Das macht mir Angst, ich war auch schon mit meinen Kindern hier.»

«Das Leben geht weiter»

Auch Abdulahi Mohamud Qalimow schaut bei der Moschee vorbei. Der 54-jährige Somalier hat den Somalischen Verein Zürich initiiert, war lange dessen Vorsteher und ist heute noch Mitglied. Den Vorstand der Moschee an der Eisgasse kennt er deshalb gut. Auch die drei Angeschossenen, wie er sagt.

Abdulahi Mohamud Qalimow

Abdulahi Mohamud Qalimow

Deborah Stoffel

Qalimow spricht für die somalische Diaspora in der Schweiz. Total sind es etwa 16 000 Somalier, davon 3000 im Kanton Zürich. Er habe am Morgen mit aufgewühlten Landsleuten telefoniert, erzählt er. Einige hätten sich auffallend normal verhalten, sich zum Beispiel wie an einem ganz normalen Tag verabschiedet: «Tschau, ich muss jetzt zur Arbeit.» Er rate seinen somalischen Bekannten, sich nicht zu sorgen, sagt Qalimow. Denn der Angriff habe nicht seinen Landsleuten gegolten. «Nur ein kranker Mensch kann das machen», sagt er. Und: «Das Leben geht weiter.»

Qalimow selbst war 1995 vor dem Bürgerkrieg in Somalia in die Schweiz geflüchtet. Nach nur einem Jahr habe er Arbeit gefunden. Viele seiner Landsleute seien jahrelang von der Sozialhilfe abhängig. Auch weil viele nur vorläufig aufgenommen würden. «Sie wissen, dass die Schweizer Steuern bezahlen, damit sie hier leben können», sagt Qalimow. Und sie seien dankbar dafür und für die Sicherheit in diesem Land.

Bombe neben Hotel explodiert

Als er für einen Kongress im letzten Juni nach Mogadischu reiste, sei gleich neben dem Kongresszentrum eine Bombe in einem Hotel explodiert, erzählt Qalimow. «Die Situation in Somalia kann man nicht mit der in der Schweiz vergleichen», sagt er. Daran ändere auch der Vorfall in Zürich nichts. «So etwas kann überall passieren.»