Zürich
Amerikanistin Bronfen über Trump: «Es ist die Fantasie, dass man die Uhr zurückdrehen kann»

Die Zürcher Amerikanistik-Professorin mit amerikanischen Wurzeln spricht über Donald Trumps Sieg und ähnliche Tendenzen in Europa.

Matthias Scharrer
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Elisabeth Bronfen.

Elisabeth Bronfen.

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Frau Bronfen, Sie sind halb Amerikanerin und haben die US-Wahlen intensiv verfolgt. Nun ist Donald Trump gewählt. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Elisabeth Bronfen: Ich bin erschüttert.

Was erschüttert Sie besonders?

Ganz abgesehen davon, dass jetzt ein inkompetenter Mensch, der auch emotional instabil ist, ins Weisse Haus gewählt wurde: Mich erschüttert, wie es möglich ist, dass sich so viele Amerikaner überhaupt nicht auf Diskussionen und Darstellungen dessen, was Hillary Clinton machen würde und was Trump nicht kann, eingelassen haben. Sondern wirklich aus Wut gewählt haben.

Aus Wut?

Ja. Leider ist der Vergleich mit Brexit passend. Das war eine Wahl gegen das Establishment, gegen professionelle Politiker – gegen alles, was irgendwie im Zentrum ist, vermitteln könnte, international vernetzt ist. Einfach eine Wahl im Sinne von: «Wir sind wütend über die Regierung. Wir sind wütend darüber, was aus dem Land geworden ist», sprich: wütend auf die ethnische Diversifikation.

Warum konnte die Wut so mächtig werden?

Dahinter steckt die Kluft zwischen Stadt und Land, gebildet und nicht gebildet, Digitalisierung versus Arbeitsformen des 20. Jahrhunderts, die sogenannten «left behinds» (dt.: «Zurückgelassenen»; Anm. d. Red.). Das hatte man unterschätzt. Trumps Wähler sind ja nicht die ganz Armen, sondern die, denen es noch gut geht, die aber merken, dass sie ihren Wohlstand nicht unbedingt halten können. Die wollten sagen: Wir brauchen jetzt eine Veränderung.

Elisabeth Bronfen: «Die Sehnsucht nach einer charismatischen Führerfigur kennen wir auch aus Europa.»

Elisabeth Bronfen: «Die Sehnsucht nach einer charismatischen Führerfigur kennen wir auch aus Europa.»

ZVG

Gibt es auch in Europa und in der Schweiz Tendenzen, die in diese Richtung gehen?

Ja. Das ist leider eine Welle in der westlichen Welt. Trumps Sieg gibt dem natürlich noch mehr Unterstützung.

Wie erklären Sie sich, dass in der westlichen Welt gerade jetzt so eine Welle entstehen kann?

Es ist die Fantasie, dass man die Uhr zurückdrehen kann. Dass man die Globalisierung zurückdrehen kann. Dass man eine diversifiziertere Öffentlichkeit wieder vereinheitlichen kann. Das sieht je nach Land anders aus. Aber es läuft darauf hinaus: Wir wollen eine weniger komplexe Welt.

Was meinen Sie mit «diversifiziertere Öffentlichkeit»?

Man muss sich zunehmend damit auseinandersetzen, dass der öffentliche Raum nicht nur weiss und christlich ist. Und: Man muss sich damit auseinandersetzen, dass man Globalisierung nicht ausschliessen kann, wenn man billige Kleider und billige Flüge haben will. Wahrscheinlich muss man sich auch damit auseinandersetzen, dass wir seit Jahrhunderten von der Ausbeutung der Dritten Welt leben – und jetzt kommt die Dritte Welt zu uns. Das ergibt einen komplexen öffentlichen Raum, komplexe Politik. Zu komplex für viele.

Und dann fällt man zurück auf ganz einfache Formeln. Trump hat diese einfachen Formeln geliefert. Frau Clinton hingegen hat die ganze Zeit versucht zu sagen: Hier gibts ein Problem, wir müssen uns damit auseinandersetzen, und die Lösungen könnten vielleicht so aussehen. Von Trump haben wir nie Lösungen gehört, sondern nur: Wir wollen wieder stark werden. Wie das hinzukriegen ist, interessiert die Leute, die ihn gewählt haben, nicht.

Sondern?

Sie sehen, die Schule bröckelt, hier sind so viele Leute anders als ich, die Busse fahren nicht mehr richtig, ich bin mir nicht sicher, ob meine Kinder noch in dem Haus, in dem ich jetzt wohne, leben können. Der Denkschluss ist dann: Gut, dann wollen wir jetzt jemanden, der uns verspricht, dass alles wieder gut wird.

Ist es die Sehnsucht nach dem starken Mann, die Trump zum Sieg verholfen hat?

Das auch, ja. Die Sehnsucht nach einer paternalen Figur. Nach einer charismatischen Führerfigur, leider. Das kennen wir auch schon aus Europa.

Was hat Trumps Wahl für uns in Europa und in der Schweiz für Folgen?

Schwer zu sagen. Es gibt Handelsverbindungen mit den USA. Wenn es wirklich auf nationalen Protektionismus und Isolationismus hinausläuft, wird das den Handel erschweren. Und wenn Trump ernst macht und das Geld der USA aus der Nato zurückzieht, steht die Nato alleine da. Dann ginge mehr Macht an Putin, Erdogan, China.

Haben Sie mit Trumps Wahl ernsthaft gerechnet?

Nein. Ich habe immer gesagt, es ist möglich. Aber dass Clinton im Mittleren Westen so sehr verlieren würde, hätte ich niemals gedacht. Ich habe gedacht, sie würde vielleicht knapp gewinnen. Weil ich gedacht habe, dass Amerika tatsächlich im 21. Jahrhundert angekommen ist: ein multiethnisches Land, das mit seinen inneren Konflikten umgehen kann. Ich hatte gedacht, man setzt eher auf Versöhnung und nicht auf Hass.

Hat Hillary Clinton auch verloren, weil sie eine Frau ist?

Diese Erklärung wäre zu einfach. Man hat sie weniger als Frau wahrgenommen, mehr als eine, die man schon seit 30 Jahren kennt. Mit ihr wäre das Gepäck der Clinton-Jahre aus den 1990er-Jahren noch einmal ins Weisse Haus gekommen. Ich glaube, das ist es, was gegen sie gesprochen hat.

Elisabeth Bronfen

Elisabeth Bronfen (58) ist Professorin für englische und amerikanische Literatur an der Universität Zürich.

In ihren Büchern befasst sie sich auch intensiv mit Filmen, zuletzt etwa im Buch «Mad Men» über die gleichnamige US-Fernsehserie, oder mit «Hollywoods Kriege». Bronfen wurde als Tochter eines jüdisch-amerikanischen Anwalts und einer Deutschen geboren und lebt in Zürich. (mts)