Der Mittelalter-Markt, der ab Freitag auf dem Münsterhof stattfindet, ist seiner Zeit voraus, denn er verschreibt sich passend zum Jubiläumsjahr der Reformation. Deswegen nennt er sich neu auch Münster-Märt. «Das Spätmittelalter, dessen Ende auf 1500 datiert wird, endete nicht am 31. Dezember 1499. Die Übergänge waren fliessend», sagt Katharina Altherr, OK Präsidentin Münster-Märt und Mitglied der Gesellschaft zu Fraumünster. Da Huldrych Zwinglis Amtseintritt im Grossmünster im Januar 1519 erfolgte und dies als Schlüsseldatum der Zürcher Reformation gilt, wird dieser Zeit Rechnung getragen. Das Motto des dreitägigen Spektakels spiegelt die damalige Situation wieder: «Es brodelt im Volk».

Jene Zeit war geprägt vom Teufel, dem Fegefeuer und der Hölle. Für die römische Kirche ein «Glücksfall»: Mit diesen Ängsten liess sich leicht Geld scheffeln. Käufliche Ablassbriefe bescheinigten dem Erwerber den Erlass seiner Sünden. Dieser Handel gilt als eigentlicher Auslöser der Reformation; für Martin Luther war es die Motivation für seine 95 Thesen im Jahr 1517, die er gegen den Missbrauch und Handel beim Ablass schrieb.

«Die Reformation war eine spannende Zeit», so die Marktvögtin Altherr, die mit drei weiteren Frauen der Gesellschaft zu Fraumünster für die gesamte Organisation zuständig ist. Deren frühere Märkte konzentrierten sich bis anhin auf unbeschwerte Mittelalter-Spektakel. Der erste fand schon 1999 statt. «Wir haben schon fast eine Pionierrolle inne», so Altherr. Erst in den Jahren danach schossen Mittelalter-Märkte wie Pilze aus dem Boden. Auch in Zürich kann man heuer wiederum mittelalterliche Spezialitäten geniessen oder entsprechende Handwerkskunst ersteigern. Theatralische Darbietungen lassen die Besucher aber spüren, wie es in der Zeit der Reformation war.

Vorabend der Reformation

Am Münster-Märt wird deswegen auch die Posse «Der Ablässkrämer» des Berner Dichters Niklaus Manuel, welche 1525 verfasst wurde, aufgeführt. Manuel wird als «Kind der Renaissance» beschrieben; als eine bis heute bedeutende Persönlichkeit, welche die Strömungen des Aufbruchs miterlebte. Neben Texten verarbeitete er seine Erlebnisse auch mit Malerei und Holzschnitten, zudem war er Politiker und Reformator. Dennoch wurde seine Schrift «Der Ablasskrämer» praktisch nie aufgeführt – bis die Theatermacherin Esther Huss auf den Plan trat: «Der Stoff hat mich fasziniert, weil er die Stimmung des Vorabends der Reformationen festhält.» In Zusammenarbeit mit dem Historiker Dr. Martin Illi bearbeitete sie die Posse.

«Es wird keine Geschichtsstunde werden und ich legte Wert auf unterhaltende Elemente», so Huss, die das Stück bereits 2008 für die Gesellschaft zu Fraumünster aufführte, der sie ebenfalls angehört. Für die neue Inszenierung schrieb sie zusätzliche Szenen wie das Vorspiel dazu. 25 Berufsschauspielende und Laien geben die fiktive Geschichte wieder, in welcher ein Ablässkrämer überführt wird. Die Dramaturgie nimmt dabei den ganzen Markt ein: Schillernde Gestalten treffen ein und verschaffen sich Gehör, um nur wenig später am Schiffssteg die Äbtissin Katharina von Zimmern zu empfangen, welche sich ein Bild der Situation verschaffen will.

Der Hauptteil der Posse findet im Kreuzgang des Fraumünsters statt. Dort nehmen sich sieben mutige Frauen mit klingenden Namen wie Zilia Nasentutter oder Trine Filzbengel den Ablasskrämer Rycardus vor und zwingen ihn mit unzimperlichen Methoden zu einem Geständnis. Das Stück wird an drei Tagen insgesamt siebenmal gespielt und die Darbietungen sind kostenlos, aber: «Auch Gaukler möchten anständig leben», so Huss mit dem Hinweis auf die Kollekte.

Die Sicht der Frauen

In «Der Ablasskrämer» haben Frauen das Sagen – wie auch am Münster-Märt selbst. Es handelt sich aber nicht um eine späte Genugtuung. «Die Stellung der Frau war im Mittelalter besser als in nachfolgenden Zeiten, aber selbstverständlich war von Gleichberechtigung keine Spur», so Huss. Der Fakt aber, dass sieben starke Frauencharaktere die Posse dominieren, sei grossartig. Der Reformator Zwingli selbst, der mit dem Mysterienspiel «Akte Zwingli» zeitgleich im Grossmünster aufersteht, wird aus der Sicht seiner Frau Anna Reinhart dargestellt. Das Stück aus der Feder von Christoph Sigrist und Hans-Jürgen Hufeisen soll eine «Korrektur des tradierten Bildes» vermitteln, wie die Organisatoren schreiben.

Auf dem Münsterhof selbst werden bis Sonntag rund 20 000 Personen erwartet. «Im Münster-Märt stecken mehr als 4000 Stunden Freiwilligenarbeit, wir verdienen dabei nichts», so Altherr. Aber sie und die mehr als 70 Frauen der Gesellschaft sind mit Leidenschaft dabei, wenn es ab heute auf dem Münsterhof heisst: Es brodelt im Volk – den Frauen sei Dank.