Pink Apple
Am schwullesbischen Filmfestival werden Regenbogenfamilien zum Thema

Gleichgeschlechtliche Elternpaare kommen kaum in Kinderbüchern oder Filmen vor – deshalb macht das Pink Apple Festival Regenbogenfamilien an seinem Jubiläumsanlass zum Thema.

Lina Giusto
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Laut Schätzungen leben zwischen 6000 und 30 000 Kinder in der Schweiz in Regenbogenfamilien.

Laut Schätzungen leben zwischen 6000 und 30 000 Kinder in der Schweiz in Regenbogenfamilien.

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Zwischen 6000 und 30 000 Kinder in der Schweiz wachsen mit gleichgeschlechtlichen Eltern – also in Regenbogenfamilien – auf. Dies zeigen Schätzungen der Lesbenorganisation Schweiz, des Dachverbandes von Schwulen Pink Cross sowie des Dachverbandes Regenbogenfamilien. Die von den Verbänden gemachte Hochrechnung beruht auf Zahlen aus dem Ausland. Diese Familienform und ihre Rolle in den Unterhaltungsmedien ist Thema eines Podiums im Rahmen des Jubiläumsanlasses des schwullesbischen Filmfestivals Pink Apple in Zürich, das heute beginnt.

Zum ersten Mal werden am Festival zudem animierte Kinderfilme gezeigt – sie sind frei von heteronormativen Stereotypen. Was also in den Animationsfilmen für Kinder ab sechs Jahren nicht vorkommt, sind heterosexuelle Eltern- oder Bezugspaare. Doris Senn, Co-Leiterin des a 20. Pink Apple Festivals, erklärt, warum man auf das stereotype Elternbild – bestehend aus einer Frau und einem Mann – gezielt verzichtet: «Zum einen entsprechen heterosexuelle Eltern nicht der Realität von Kindern, die in Regenbogenfamilien leben. Zum anderen wird dieses Muster zur Genüge in der Werbung und anderen Medien gedankenlos wiederholt.»

Die Filmauswahl haben die Organisatoren des Festivals zusammen mit den Köpfen des internationalen Animationsfilmfestivals Fantoche getroffen. Bei den ausgewählten Filmen stehen laut Senn Kinder und ihre Fantasiewelt im Mittelpunkt. Zu sehen gäbe es kleine Abenteuergeschichten, Geschichten über Freundschaft, über das Kleinsein und Grosswerden. «Es geht um Selbstbestimmung oder, um ein englisches Trendwort zu nennen, um das ‹self-empowerment› von Knaben und Mädchen», so Senn.

In den Medien untervertreten

Parallel zu den Filmvorführungen am Samstag unterhalten sich Regenbogeneltern, Psychologen, Filmproduzenten und Verbandsvertreter auf einem Podium über das Thema «Regenbogenfamilien im Mainstream?». Sie wollen der zentralen Frage nachgehen, welche Familienbilder in den Unterhaltungsmedien transportiert werden und wie sich das gesellschaftliche Bild der Regenbogenfamilien entwickelt hat.

«Für Kinder ist die Norm, wie sie in der Familie leben. Sie bemerken Unterschiede erst dann, wenn sie in die Kinderkrippe oder den Kindergarten gehen.»

Christina Caprez, Moderatorin am 20. Pink Apple Filmfestival

Zumindest in der Schweizer Fernsehlandschaft kam es im Januar diesbezüglich zu einem Novum. So war in der zweiten Folge der jüngsten Staffel der SRF-Serie «Bestatter», die im Januar ausgestrahlt wurde, ein gleichgeschlechtliches Elternpaar zu sehen. Christina Caprez, Buchautorin und Moderatorin des Podiums, befasste sich in ihrem 2012 erschienenen Buch «Familienbande» mit den in der Schweiz existierenden unterschiedlichen Lebensformen.

Rechtliche Sicherheit in Sicht

Zur gesellschaftlichen Akzeptanz von gleichgeschlechtlichen Elternpaaren sagt Caprez: «Diskriminierung von Regenbogenfamilien existiert eher auf einer latenten Ebene. Diese Familien kommen zum Beispiel kaum in Schul- und Kinderbüchern oder Filmen vor.» Hinzu komme aber auch die rechtliche Diskriminierung. «Mit der voraussichtlichen Einführung der Stiefkindadoption 2018 erhalten lesbische und schwule Paare nun zumindest eine Möglichkeit, ihre Familie rechtlich abzusichern.» Das Verbot der Adoption und Fortpflanzungsmedizin bleibe für gleichgeschlechtliche Paare aber weiterhin bestehen. Maria von Känel, Geschäftsführerin des Dachverbandes Regenbogenfamilien und Teilnehmerin des Podiums, lebt mit ihrer langjährigen Partnerin und zwei Kindern im Zürcher Oberland und teilt diese Einschätzung: «Die gesellschaftliche Akzeptanz von Regenbogenfamilien hat sich dank der Öffentlichkeitsarbeit und der politischen Debatte rund um die Öffnung der Stiefkindadoption positiv verändert.» Man nehme diese Familienform als möglichen Lebensentwurf wahr.

Eltern mit gleichen Sorgen

Laut Caprez gibt es natürlich Menschen, die diesem Thema gegenüber weiterhin skeptisch sind. Dennoch beobachtet die Buchautorin, dass durch Nähe Verständnis entstehen kann: «Leben Regenbogenfamilien im gleichen Quartier oder im näheren Umfeld, werden sie relativ schnell als Eltern mit denselben Problemen und Sorgen wahrgenommen, wie sie heterosexuelle Eltern eben auch haben.» Unter den Kindern, da sind sich Caprez und von Känel einig, herrsche eine grosse Offenheit.

Lesen Sie hier den Kommentar der Redaktorin

Die Fragen zur Familienkonstellation mit gleichgeschlechtlichen Eltern seien in der Regel schnell geklärt. «Diese Offenheit unter den Kindern entlastet die Eltern jeweils ungemein.» Auch die Schulen und Kindergärten seien gegenüber Regenbogenfamilien aufgeschlossen und würden den Verband Regenbogenfamilien um Unterstützung bei der Aufklärung bitten, so von Känel weiter.

Dennoch sind gleichgeschlechtliche Elternpaare medial untervertreten. Deshalb fordert Caprez: «Es ist für alle Kinder – wie auch für die Erwachsenen – wichtig zu verstehen, dass es sehr unterschiedliche Lebensformen gibt.» Für Kinder sei es wichtig, eine grosse Bandbreite an unterschiedlichen Vorbildern zu haben. Für von Känel ist klar: «Die Wertschätzung aller Familienformen sollte positiv besetzt werden und jeweils nicht nur jene bestehend aus Mann und Frau.» Die Familienkonstellation sage nichts darüber aus, wie sich die Angehörigen fühlen. Die Beziehungsqualität spiele hier die zentrale Rolle.