Wissen Sie, wo in Zürich eine günstige Wohnung frei ist?

Peter Schmid:Die Chance ist relativ klein. Es gibt natürlich immer günstige Wohnungen, nur sind die schon vermietet oder unter der Hand vergeben. Freie günstige Wohnungen gibt’s in Zürich schlichtweg nicht.

Der Trend ist deutlich: Seit Jahren verschwinden günstige Wohnungen und werden durch teurere Neubauten ersetzt …

… was aber objektiv nicht stimmt. Angenommen, alle 100 Jahre muss ein Haus ersetzt werden. Dann müsste 1 Prozent der Wohnungen jährlich ersetzt werden. Viel mehr ist es nicht, was heute ersetzt wird.

Es mag in jedem einzelnen Moment keine grosse Zahl sein, aber jedes Mal verschwinden günstige Wohnungen und werden durch teurere ersetzt. Ist es denn normal, dass man als Familie in Zürich unter 3000Franken pro Monat praktisch keine Wohnung mehr findet?

Die meisten angebotenen Familienwohnungen auf dem privaten Markt kosten heute über 2500 Franken, das ist so.

Wie beurteilen Sie das?

Wir haben ein Problem mit dem Markt. Boden ist ein knappes Gut, daraus wird spekulativ das Maximum herausgeholt. Das führt bei Privaten zum Teil zu Ersatzbauten, damit sie eine höhere Rendite herausholen können. Das ist der Marktmechanismus. Über diese Bodenpolitik redet man aber grundsätzlich nicht. In Zürich und Umgebung gibt es einen enormen Nachfragedruck, das heisst, eine erhöhte Zahlungsbereitschaft. Viele Vermieter – Genossenschaften ausgenommen – nutzen jede Gelegenheit, eine Wohnung teurer zu vermieten. Das hat in den letzten zehn Jahren in Zürich zu einer Verteuerung der angebotenen Wohnungen um 60 Prozent geführt – deutlich mehr als die durchschnittliche Teuerung der Konsumentenpreise. Und das trotz der Mieten der Genossenschaften, die fast nicht angestiegen sind.

Das heisst, viele Leute können es sich gar nicht mehr leisten, in der Stadt zu wohnen?

Das ist ein riesiges Problem. Man nennt es Segregation. Am Schluss sind nur noch «Dinks» in der Stadt, Doppelverdiener ohne Kinder, oberer Mittelstand aufwärts. Der Mittelstand selbst kann es sich nicht mehr leisten. Dahin geht die Tendenz in der Stadt Zürich, auch wenn es von gewissen Kräften verneint wird. Zum Glück hat Zürich so einen hohen Anteil an gemeinnützigem Wohnungsbau. So gibt es auch weiterhin noch Wohnraum für Familien und andere mit kleinerem Portemonnaie.

Aber auch bei Genossenschaften gibts Fünf-Zimmer-Wohnungen für 3000 Franken Miete.

Es gibt Ausnahmen, das heisst eine oder zwei Genossenschaften, die bei Neubauprojekten sehr grosse und damit auch teure Wohnungen bauen und so in diese Preislage kommen. Dies ist auch branchenintern sehr umstritten. Allerdings kochen alle beim Bauen mit dem gleichen Wasser. Auch wenn Genossenschaften bauen, können sie das nicht einfach 50Prozent günstiger machen als alle anderen. Aber die Genossenschaften sind ja der Kostenmieten unterworfen. Das heisst, dass die Wohnungen am Anfang, wenn sie neu sind, auch teuer sind und erst mit den Jahren günstiger werden. Auch die Reiheneinfamilienhäuser der ABZ aus den 1940er-Jahren in Zürich Oerlikon konnte sich ein Arbeiter nicht leisten, als sie gebaut wurden. Aber bevor sie kürzlich ersetzt wurden, kosteten sie nur noch 800Franken pro Monat.

Also ist es normal, dass Neubauten für Arbeiter zu teuer sind?

Ja. Aber die Genossenschafswohnungen, die heute teuer sind, gehören irgendwann auch zu den billigen, weil sie die Spekulation oder die Aufwertung von Boden nicht mitmachen. Das ist der Grund, warum Genossenschaften heute vermehrt auch neu bauen oder verdichten müssen: Damit es später mehr günstige Wohnungen gibt. Das sehen viele Leute nicht ein. Wir haben einen überdurchschnittlich grossen Bestand an Wohnungen aus den 1930er- und 40er-Jahren. Wenn man die jetzt nicht ersetzt, kommt das in dreissig Jahren, und zwar geballt. Man muss diese Wohnungen Stück für Stück ersetzen, und jetzt anfangen, damit es langfristig sozialverträglich ist.

Die ABZ bietet in Zürich neue Vier-Zimmer-Wohnungen für weniger als 2000 Franken Miete an. Wie machen Sie das?

Was das Preis-Leistungs-Verhältnis beim Bauen betrifft, sind wir tatsächlich im Moment an der Spitze. Es hängt einerseits mit dem Landpreis zusammen. So sind die Mieten von Ersetzneubauten auf dem eigenen sehr günstigen Land viel günstiger als auf teuer gekauftem. Auch wenn wir es im Baurecht erhalten, ist es günstiger. Zudem achten wir in der ABZ schon beim Wettbewerb bei der Auswahl von Projekten auf Preisgünstigkeit. Auch kostet es weniger pro Wohnung, eine grosse Zahl von Wohnungen zu bauen als eine kleine. Wichtig ist auch, von Anfang an zu wissen, was man will und dann richtig zu vergeben. Nicht zuletzt können wir uns – dank unserer Grösse – günstig finanzieren. Und schliesslich vergünstigen wir noch Wohnungen mithilfe der Wohnbauförderung, damit auch Haushalte mit kleinerem Einkommen in unseren Neubauten Platz finden.

Wie kann die Politik verhindern, dass sich nur noch «Dinks» ein Leben in der Stadt leisten können?

Die öffentliche Hand muss eigenes Land ausschliesslich den gemeinnützigen Wohnbauträgern abgeben, um kostengünstigen Wohnungsbau zu betreiben. Hat sie kein Land, kann sie auch kaufen und es im Baurecht abgeben. Sie kann auch Zonen für den preisgünstigen Wohnungsbau ausscheiden. Und sie kann nicht zuletzt mithilfe der Wohnbauförderung des Kantons neue Wohnungen um rund 25Prozent für Haushalte mit beschränktem Einkommen vergünstigen. Dabei darf das steuerbare Einkommen bei Bezug heute rund 60000Franken nicht überschreiten.

Zürich hat schweizweit den grössten Anteil an gemeinnützigem Wohnungsbau, trotzdem findet eine Verdrängung der Einkommensschwachen statt …

… die sonst noch viel schlimmer wäre. Aber der Druck in Quartieren wie dem Seefeld, Wollishofen, Höngg steigt immer mehr. Auch entlang der früheren Westtangente steigen die Mieten stark an.

Nehmen die Genossenschaften ihre soziale Verantwortung noch war, oder lassen sie sich mitreissen vom Trend zu immer grösseren, schickeren Wohnungen?

Ich glaube, dieser Trend besteht heute nicht mehr. Aber es gab zu Beginn des Jahrtausends einen Hype in die von Ihnen skizzierte Richtung. Damals gab es zu wenige grosse Wohnungen in Zürich. Nun müssen sich die Genossenschaften wieder vermehrt auf ihre sozialpolitische Verantwortung besinnen.

Letztes Jahr lancierte der von Ihnen präsidierte Genossenschaftsverband ein Projekt unter dem Titel «Wohnen für alle». Was schaut dabei heraus?

Wir versuchen Gemeinden zu animieren, ihr Land Genossenschaften zur Verfügung zu stellen. In einigen Gemeinden am Zürichsee haben wir bereits etwas erreicht. Aber es braucht einen gewissen Leidensdruck, damit etwas passiert. Es sind zudem langwierige Prozesse, bis eine Gemeinde Land zur Verfügung stellt. Wir hoffen, dass wir 2011 erste Ergebnisse haben.

Welche Gemeinden haben Sie im Visier?

Wir können noch nicht genau Auskunft geben. Auf jeden Fall ist das Zürcher Oberland einer der Schwerpunkte, dann das Limmattal und ebenso die Zürichsee-Region.

Wie kommt Ihre Botschaft an?

Noch nicht so stark, wie wir das möchten.

Woran hapert es?

Am Leidensdruck. Viele Gemeinden fürchten um Steuereinnahmen, wenn sie Land günstig zur Verfügung stellen – und um Einnahmen aus Landverkauf. Dann kommt auch noch die Parteipolitik ins Spiel, und nicht zuletzt gibt es immer wieder Opposition bedingt durch den Egoismus von Nachbarn. Küsnacht ist jetzt ein Vorbild: Die geben ihr Land nur noch an Genossenschaften ab.