Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft
«Am liebsten würden wir täglich beide Raddampfer in Betrieb setzen»

Die beiden über 100 Jahre alten Raddampfer sind die Aushängeschilder der Zürichsee Schifffahrtsgesellschaft (ZSG). Aber sie sind teuer im Unterhalt. Zweifel an der Zukunft der Dampfschiffe räumt ZSG-Direktor Roman Knecht aber aus.

Christian Dietz-Saluz
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ZSG-Direktor Roman Knecht stellt sich vor die beiden alten Dampfschiffe, weil sie als Image- und Werbeträger wichtig sind für das Unternehmen.

ZSG-Direktor Roman Knecht stellt sich vor die beiden alten Dampfschiffe, weil sie als Image- und Werbeträger wichtig sind für das Unternehmen.

Kürzlich stand die «Stadt Rapperswil» vor Küsnacht still. Und das, nachdem das Schiff nach einer Unfallhavarie und Folgeschäden fast zwei Jahre ausgefallen war. Für die Fans der Raddampfer ist das ein Stich ins Herz. Was empfinden Sie, wenn ein Dampfschiff ausfällt?

Roman Knecht: Primär geht es mir bei einem Ausfall der Raddampfer «Stadt Rapperswil» und «Stadt Zürich» um die sachliche Ebene, nämlich dass wir ab diesem Moment ein Schiff weniger einsetzen können. Ich bin mir aber des emotionalen Werts der beiden Schiffe bewusst. Mir liegen sie auch am Herzen, sie sind schon etwas Besonderes.

Muss man sich über die Zukunft der beiden Raddampfer auf dem Zürichsee Sorgen machen?

Nein. Grund zur Sorge sehe ich keinen. Ich vertraue meinen Leuten. Sie haben die Raddampfer bisher immer in Fahrt gebracht.

Was unterscheidet einen Defekt an einem Dampfschiff gegenüber einem Problem an einem Motorschiff in der ZSG-Flotte?

Wichtig ist zu wissen, dass man sich an die Störungen oder die Probleme der beiden Dampfschiffe herantasten muss. Das geht nicht mit Computeranalyse wie bei einem modernen Auto und Ersatzteilen aus dem Regal, sondern dauert länger. Am Ende muss man vielleicht das defekte Teil aufwendig nachfertigen. Da spielen Erfahrung, Übung und manchmal Glück oder Pech mit. Das gelingt mal besser, mal weniger gut, je nach Bauteil.

Wie gross ist das Know-how in der ZSG zur Wartung der beiden Dampfschiffe?

Mir fehlt ein Vergleich. Aber ich behaupte, das Know-how bei uns ist gross. Uns kommt zugute, dass wir viele langjährige Mitarbeiter haben und eine integrierte Unternehmung sind mit Personal, das im Winter mit den jeweiligen handwerklichen Berufsausbildungen den Unterhalt besorgt. Das ergibt einen geschlossenen Erfahrungskreis und die Mitarbeitenden sind mit Herzblut dabei.

Auf dem Vierwaldstättersee oder Brienzer-/Thunersee fahren ebenfalls Dampfschiffe: Tauschen die Betriebe technische Erfahrungen aus?

Nein, zumindest nicht im Detail. Jedes Schiff ist ein Unikat und somit nicht vergleichbar. Nicht einmal unsere beiden Dampfschiffe sind identisch gebaut.

Der Revisions- und Reparaturaufwand der Dampfschiffe seit 2010 beläuft sich auf mehrere Millionen Franken: Kann sich das die ZSG leisten?

Wir können uns diesen Luxus leisten – mit der Konsequenz eines schlechten Kostendeckungsgrads (2016: 37 Prozent; Anm. d. Red.). Andere Unternehmen können den höheren Betriebsaufwand in ihren Ticketpreisen einberechnen, wir im ZVV nicht. Ein Dampfschiff-Kilometer mit Betriebsstoffen, Personal inklusive Unterhalt kostet rund dreimal so viel wie ein Motorschiff mit gleicher Passagierkapazität.

Darf man den Dampfschiffen den Dienst im normalen Kursfahrplan noch zumuten?

Das ist eine Glaubensfrage. Man kann in der Gestaltung des Fahrplans durchaus Rücksicht nehmen auf die Dampfschiffe. Ihr Einsatz auf dem Zürichsee ist sicher anstrengender als auf anderen Schweizer Seen, weil wir es hier mit kurzen Stationsabständen zu tun haben. Das ergibt eine raschere Abfolge von An- und Ablegemanövern. Diese belasten die Technik.

Sollte man die Dampfschiffe schonen?

Am liebsten würden wir täglich beide Raddampfer in Betrieb setzen. Die Einteilung ist aus heutiger Sicht aber vor allem eine finanzielle Frage. Wenn ich mit einem Motorschiff die gleiche Kapazität anbieten kann wie ein Schiff mit dreifachen Kosten, dann ist das natürlich ein Entscheidungskriterium. Darum setzen wir in der Hauptsaison täglich ein Dampfschiff ein, an -speziellen Tagen sind beide unterwegs.

Welche Rolle beim Betrieb der Schiffe spielt der Verein «Aktion pro Raddampfer», der im ZSG-Vorstand Einsatz hat?

Der Verein hat für grosse Revisionen und Umbauten wie 2004 bei der «Stadt Zürich» und 2006 bei der «Stadt Rapperswil» schon wesentliche Summen gespendet. Das ist an Erwartungshaltungen gebunden. Der Verein ist Interessenvertreter für die Dampffreunde und will, dass die Schiffe möglichst oft fahren.

Wie wichtig sind die Raddampfer für die ZSG?

Betrieblich sind sie Teil des Schiffsparks, zum anderen sind sie emotionaler Bestandteil jeder Flotte. Zu einer richtigen Schifffahrtsgesellschaft gehören für mich Dampfschiffe. Man darf sich fast «von» schreiben, wenn man so ein Relikt in seiner Flotte hat.

Sind die Raddampfer also auch wichtige Werbeträger der ZSG?

Ja, weil es faszinierend ist zu sehen, wie eine Dampfmaschine funktioniert, wie sie sich bewegt, dampft und zischt. Das erinnert viele an die Kindheit und ihre Schulreisen. Die Raddampfer sind Träger von Erinnerungen und Emotionen. Somit sind sie auch Werbeträger für die ZSG.

Zurück zu den Reparaturkosten: Der Ersatz der Schaufelräder für die «Stadt Rapperswil» kostete 2014 rund 200 000 Franken. Kaum ein Jahr später ging eines bei der Grundberührung vor Hurden erneut kaputt. Wie finanziert die ZSG solche Beträge?

Unsere Schiffe sind versichert. Ungeplante Reparaturkosten aufgrund von Havarien oder Unfällen sind grundsätzlich über diese Versicherung gedeckt. Planmässige Arbeiten an den Schiffen werden in Absprache mit dem Zürcher Verkehrsverbund (ZVV) budgetiert und finanziert. Ich glaube, es müssten Riesenprobleme vorliegen, um eines oder beide Dampfschiffe stilllegen zu müssen.

Wechselvolle Geschichte der Dampfschiffe auf dem Zürichsee

Die Dampfschiffe «Stadt Zürich» (gebaut 1909) und «Stadt Rapperswil» (1914) sind heute die Prunkstücke der ZSG-Flotte. Eine solch hohe Wertschätzung besassen sie aber nicht immer.

Die «Stadt Rapperswil» sollte Anfang 1970 ersatzlos aus dem Dienst genommen werden, weil sie in technisch schlechtem Zustand war. Zudem machte die ZSG damals geltend, dass der Personalbedarf mit acht Mann doppelt so hoch wie bei einem Dieselmotorschiff gleicher Kapazität und für den heissen Maschinenraum kaum noch qualifizierte Mitarbeiter zu finden seien. Eine Erneuerung des Raddampfers hätte rund 2 Millionen Franken gekostet. Der Verwaltungsrat der ZSG folgte dem Antrag der Direktion, den Raddampfer ausser Dienst zu stellen. Doch das wollte ein Aktionskomitee nicht zulassen und gründete den Verein «Aktion pro Raddampfer». Dessen Zweck: Erhaltung der beiden Dampfschiffe in gutem Zustand und deren häufiger Einsatz.

1972 sicherten 200 000 Franken dringende Renovationen der «Stadt Zürich», 1976 ermöglichten ein Dampferfest und Spenden Verbesserungen der beiden Raddampfer. Aber erst 1983 waren sie definitiv gerettet. Damals beschloss der Verwaltungsrat die Erhaltung der Dampfschiffe, nachdem erneut ihre Ausserdienststellung aus Kostengründen kontrovers diskutiert worden war.

Doch das Bekenntnis zum Erhalt bedeutet seither immer auch die Bereitschaft zum Unterhalt der alten und bei Reparaturen teuren Technik. Es gibt zwar noch die alten Baupläne, aber nicht alle Umbauten und Reparaturen in der über hundertjährigen Geschichte der Schiffe wurden dokumentiert. Die meisten Ersatzteile müssen anhand des Originals ausgemessen und individuell neu angefertigt werden.

«Stadt Zürich»

- 2004: Umbau (1,7 Millionen Franken).

- 2010: Bruch eines Schaufelrads vor Erlenbach (Materialermüdung).

- 2011/2012: Revision mit 12 000 Arbeitsstunden (2 Millionen Franken). Im Juli 2012 sollte das Schiff wieder in Betrieb genommen werden, doch technische Probleme (Klopfen der Maschine) verhinderten dies. Der Raddampfer fiel bis Ende Jahr aus.

- 2013: Totalrevision; Klopfgeräusche minimiert.

- 2016: Antrieb justiert, Vibrationen und Klopfgeräusch komplett eliminiert.

«Stadt Rapperswil»

- 2006: Umbau (2,05 Millionen Franken).

- 2012: Bruch eines Schaufelrads vor Richterswil (Materialermüdung).

- 2014: Neue Schaufelräder (circa 200 000 Franken).

- 17. Juli 2015: Das Dampfschiff wird vor Hurden von einer Sturmbö erfasst und läuft auf eine Sandbank auf – Ende der Saison (Schaufelrad, Welle und Teile der Maschine kaputt – 350 000 Franken).

- 2016 Ausfall für ganze Saison wegen Druckverlusts (Kolbenringe im Hochdruckzylinder).

- 2. April 2017: Wiederinbetriebsetzung.

- 26. Juni 2017: Fahrtabbruch in Küsnacht wegen gesprungenen Glases im Flammwächter des Brenners – zwei Tage Ausfall. (di)