Maria Mehr kennt die Vorurteile gegenüber den Schweizer Jenischen. Über ihr Volk, das angeblich in Wohnwagen rumhängt, sich mit Betrügereien über Wasser hält und Dreck hinterlässt, wenn es wieder weiterzieht. «Früher, in den 1980er-Jahren, da nahmen wir Zigeuner diese Behauptungen hin und mieden die Öffentlichkeit», sagt sie. «Heute ist das anders. Die Jungen wollen sich nicht mehr verstecken und kämpfen für ihre Rechte.» Wie Ende April, als Schweizer Jenische in Bern für mehr Standplätze protestierten.

Die 71-jährige Mehr hört es gern, wenn sich ausser ihr auch die jüngere Generation für die Kultur der Jenischen einsetzt. Seit 1986 tourt sie mit ihrem Wohnwangen durch die Schweiz, baut ihr kleines Kulturzentrum auf, schart Jenische, Sinti und Roma um sich und zeigt der Bevölkerung, wie der Alltag der Fahrenden aussieht. Ab heute bis zum Sonntag gastiert ihr Zentrum erneut auf dem Schütze-Areal beim Escher-Wyss-Platz in Zürich. Auch in diesen Tagen sollen die Vorurteile beim Namen genannt, die Probleme offen angesprochen werden.

Die kleine, drahtige Frau, die heute von ihrer AHV lebt und sich mit Kartenlesen ein Zubrot verdient, blüht auf, wenn sie von ihrer grossen Familie berichtet. Vom früheren Leben mit Ross und Wagen, vom Zusammenhalt und den Begabungen ihrer Nachkommen. Nur wenn sie erzählt, wie sie unter Androhung von Waffengewalt von Plätzen vertrieben wurden, wie Behörden ihr Nachtlager absperren wollten – dann verengen sich ihre Augen und es wird spürbar, dass sie den Kampf für die Rechte der anerkannten Minderheit so lange wie möglich weiterführen will.

Ständige Suche

Vor elf Jahren hat das Bundesgericht entschieden, dass Schweizer Fahrende ein Anrecht auf Plätze haben: Sowohl auf Standplätze, auf denen sie überwintern und Hausrat lagern, als auch auf Durchgangsplätze für die mehrwöchigen Aufenthalte zwischen Frühling und Herbst. Dann, wenn die Fahrenden unterwegs sind, und sich wie einst mit Scherenschleifen, Korben, Stuhlflechten, Schirmflicken oder anderem traditionellem Handwerk den Lebensunterhalt verdienen und nach ein paar Wochen, wenn die Klientel in der Umgebung abgeklappert ist, wieder weiterziehen. Immer auf der Suche nach dem nächsten Abstellplatz.

Häufig wären Grundeigentümer bereit, Platz zur Verfügung zu stellen, sagt Maria Mehr. «Es sind dann oft die Gemeinden, die intervenieren und uns wegschicken.» Natürlich gebe es die schwarzen Schafe, die Schmutz hinterlassen, klauen und so das Image schädigen. «Aber dort, wo wir mit der Bevölkerung in Kontakt treten, funktioniert das Zusammenleben.»

Markus Notter, ehemaliger Zürcher SP-Regierungsrat und Präsident der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, setzt sich seit langem für die Minderheit ein. Mit dem Bundesgerichtsentscheid wurde einiges erreicht, sagte Notter unlängst in einem Interview mit Radio SRF, doch seien damit noch keine Plätze gebaut. «In der Schweiz braucht es 80 Durchgangsplätze. Wir haben nicht mal die Hälfte. Und auch von den 30 benötigten Standplätzen gibt es nur halb so viele.» Im Bestreben um mehr Plätze findet es Notter wichtig, dass Leute wie Maria Mehr den Fahrenden ein Gesicht geben. «Denn dort, wo Jenische auftreten, ist viel Goodwill zu spüren. Nur wo es abstrakt um sie geht, wo Politiker über sie reden und vermeintlich den Volkswillen zum Ausdruck bringen, dort sieht es schlecht für sie aus.»

«Kein einfaches Thema», sagt Jörg Kündig, Präsident des Zürcher Gemeindepräsidentenverbandes, auf die Konflikte zwischen Fahrenden und Gemeinden angesprochen. Obschon unter seinen Amtskollegen selten darüber gesprochen wird, sind ihm die Anliegen vertraut. In Gossau, der Gemeinde des FDP-Kantonsrats, steht ein Durchgangsplatz, der alle paar Wochen von ein bis zwei Familien frequentiert wird. «Meist funktioniert das gut», sagt Kündig. Die Fahrenden melden sich bei der Verwaltung, zahlen die Gebühr und verhalten sich anständig. «Es gibt aber jene, die mitten in der Nacht kommen und gehen und eine Sauerei hinterlassen. Von daher habe ich Verständnis für die Zurückhaltung der Gemeinden.»

Neue Standorte geplant

Die Problematik der fehlenden Plätze will der Kanton Zürich im Dialog mit den Gemeinden lösen. «Mit der Brechstange können keine neuen Plätze geschaffen werden», sagt Markus Pfanner, Mediensprecher der Baudirektion. Deshalb arbeitet die Direktion derzeit am Konzept «Fahrende im Kanton Zürich». Dabei wird geklärt, wie die bestehenden Plätze langfristig gesichert und zusätzliche evaluiert werden können.

Beide Aufträge hat der Zürcher Kantonsrat mit der Neufestsetzung des kantonalen Richtplans im März dieses Jahres erteilt. Darin ist auch festgehalten, dass der Kanton den Bau der Plätze finanziert und die Betriebskosten übernimmt, falls die Einnahmen aus den vermieteten Flächen nicht ausreichen.

Konkret sollen den Fahrenden künftig 5 Standplätze und 13 Durchgangsplätze im Kanton Zürich zur Verfügung stehen. Momentan gibt es 4 Standplätze. Sie befinden sich in Zürich (30 Stellplätze), Winterthur (4), Dietikon (5) und in Kloten (8). Die derzeit 8 Durchgangsplätze mit 2 bis 8 Stellplätzen stehen in Gossau, Hausen am Albis, Hittnau, Horgen, Meilen, Rorbas, Schlieren und Wädenswil. Einen Zeitpunkt für die Realisierung dieser zusätzlichen Plätze gibt es gemäss Markus Pfanner nicht.

Das Umziehen im Blut

Maria Mehr kann nun zumindest damit rechnen, dass nächste Generationen von ihrem Lebenswerk profitieren. Ein paar Monate darf sie noch auf dem Schütze-Areal bleiben, Schulklassen empfangen, ihre Geschichten erzählen, ab und zu Tarotkarten legen, um Mitte Oktober an der Messe Basel neben Schaustellern ihren Wohnwagen zu parkieren: «Mitten in der Stadt, 50 Meter vom Milieu entfernt – ein Traum.» Ob sie manchmal genug habe vom ständigen Umziehen? «Nein, niemals», antwortet sie: «Ich habe das im Blut.»