Eingemeindung
Altstetter und Höngger fühlen sich noch immer nicht als Stadtzürcher

Altstetten und Höngg waren zwei der letzten von Zürich einverleibten Limmattaler Gemeinden – über 80 Jahre später sind Bewohner im Herzen noch immer Bewohner ihrer Dörfer.

Alex Rudolf
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Mitte der 1990er wollten einige Höngger wieder eine selbstständige Gemeinde werden.

Mitte der 1990er wollten einige Höngger wieder eine selbstständige Gemeinde werden.

AZ-Archiv

Sollen sich Schlieren und Dietikon dem grossen Nachbar Zürich anschliessen? Diese Frage wird im Limmattal derzeit heiss diskutiert. Anstoss dazu gaben der Dietiker AL-Gemeinderat Ernst Joss, der im Stadtparlament ein Postulat einreichte, und der Schlieremer Thomas Ragni mit seiner Einzelinitiative. Während sich die Stadt Zürich offen gegenüber Fusionen zeigt, stehen Politiker aus Dietikon und Schlieren der Idee kritisch gegenüber. Letztmals wurden im Jahr 1934 Gemeinden von Zürich einverleibt. Drei davon aus dem Limmattal: Höngg, Altstetten und Albisrieden. Hört man sich bei Präsidenten der dortigen Quartiervereine um, dann wird schnell klar, dass noch viel Dorfgeist in ihnen steckt.

Höngger wollten Abspaltung

«Ich sehe mich als Höngger, aber auch als Zürcher», sagt Alexander Jäger, Präsident des Quartiervereins Höngg. Spaziere man durch sein Quartier, das mit seinen rund 22 000 Einwohnern etwas grösser ist als Schlieren, seien die dörflichen Strukturen noch deutlich ersichtlich. «Trotzdem sind wir mit der Anbindung an den öffentlichen Verkehr und diverser Überbauungen stark mit der Stadt zusammengewachsen.» Der Weinbau und das alle zwei Jahre stattfindende Wümmet-Fest gäben dem Quartier einen eigenen Charakter.
Das Quartier war Zürich jedoch nicht immer so zugeneigt.

In den 1990er-Jahren wurde eine Interessensgemeinschaft ins Leben gerufen, die aus Höngg wieder eine eigenständige Gemeinde machen wollte. Bei den Gemeinderatswahlen 1994 erreichte die damals 150 Mitglieder zählende IG sogar sieben Prozent aller in Höngg abgegebenen Stimmen. Bereits zwei Jahre später war jedoch Schluss, weil «sich nur ein halbes Dutzend Männer und Frauen zur aktiven Mitarbeit entschliessen konnten», heisst es im Buch «Ortsgeschichte Höngg». Das Unbehagen gegenüber der Stadt Zürich habe sich aber bis heute teilweise gehalten. Als Beispiele werden das umstrittene Verkehrskonzept am Meierhofplatz oder die Überbauung Ringling ins Feld geführt, die beide auf Widerstand aus dem Quartier stiessen.

Für Jäger steht fest: «Wäre Höngg damals nicht eingemeindet worden, hätte es noch heute einen dörflichen Charakter.» Dietikon und Schlieren rät er, nichts zu überhasten. Es sei besser aus einer Position der Stärke mit Zürich zu fusionieren, anstatt als schwacher Verhandlungspartner.

Umfrage: 76,7 Prozent sagen Ja zu Zürich

Repräsentativ ist die online durchgeführte Umfrage zwar nicht, einen eindeutigen Trend zeigt sie jedoch auf. Bis gestern Abend sprachen sich 76,7 Prozent der Teilnehmer für den Anschluss von Dietikon und Schlieren an Zürich aus. Nur 23,3 Prozent dagegen. Über 100 Personen nahmen an der Umfrage teil.

Auch die Höngger Nachbargemeinde Altstetten wurde 1934 vom grossen Zürich einverleibt. Esther Leibundgut ist die Präsidentin des Quartiervereins und bezeichnet sich dezidiert als Altstetterin. «Zürcher – das sind jene, die zugezogen sind», sagt sie. Auch spreche man noch heute vom «Dorf», wenn es um den Lindenplatz gehe – obwohl Altstetten heute 31 000 Einwohner zählt, also wenig grösser ist als Dietikon. Die Frage danach, ob Altstetten wegen der Fusion mit Zürich seine Identität verloren hat, erübrigt sich schon beinahe. Das Gegenteil sei eher der Fall, sagt Leibundgut. Die Stadtzürcher Quartiervereine werden je nach Höhe der Einwohnerzahl finanziell unterstützt. «Mit diesem Geld führen wir unter anderem Feste und Informationsveranstaltungen durch», sagt sie. Das stärke den Quartiergeist.

Das Bauchgefühl ist wichtig

Als Quartier einer Stadt muss hin und wieder eine Kröte geschluckt werden. Prominente Beispiele hierfür in Altstetten dürften der Strichplatz an der Aargauerstrasse und das Tram 2 am Lindenplatz sein. «Wir Quartierbewohner sind als ziemlich kämpferisch berüchtigt», sagt Leibundgut. Widerstrebe den Altstettern etwas, könnten sie schon unangenehm werden. Der Protest war bei der Umlegung des Trams 2 an den Bahnhof Altstetten erfolgreich, die Auflehnung gegen den Strichplatz blieb hingegen erfolglos.

Man merke, dass die Stadt ihre Quartierbewohner ernst nehme, sagt sie. «Bezüglich der Planung von verschiedenen Projekten werden wir regelmässig an Sitzungen eingeladen, wo man uns über den aktuellen Stand informiert und unsere Meinung anhört.» Manchmal sei es aber schon frustrierend, an Abstimmungen von den restlichen Zürcher Kreisen überstimmt zu werden – so geschehen beim Strichplatz. Heute sei dieser im Quartier aber überhaupt kein Thema mehr, da weder Kriminalität noch Verschmutzung mit ihm nach Altstetten gezogen seien.

Dietikon und Schlieren rät Leibundgut, auf das Bauchgefühl zu hören. «Die Entscheidungsfreiheit wird zwar eingeschränkt, wenn man von einer Gemeinde zu einem Quartier einer Grossstadt wird», sagt sie. Doch würden die Vorteile ganz klar überwiegen. «Von der Stromversorgung bis hin zur Abfallentsorgung wird alles von der Stadt geregelt – das ist sehr angenehm.»