Tram 2
Altstetter kämpfen für ihr Tram

Tramlinie 2 Der Zürcher Stadtrat räumt Fehler ein – Projekt gestoppt

Oliver Graf
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Die Stadträte Filippo Leutenegger, André Odermatt und Andres Türler (vorne, v.l.n.r.) am «Dialog»-Abend.

Die Stadträte Filippo Leutenegger, André Odermatt und Andres Türler (vorne, v.l.n.r.) am «Dialog»-Abend.

Keystone

Der Stadtrat von Zürich hatte gestern Abend die Quartierbevölkerung zum «Dialog» geladen. Diese – rund 600 von ihnen waren erschienen – diskutierten dann weniger mit dem Stadtrat, sie hielten ihm eher eine Standpauke.

Der Tenor während der zweistündigen Veranstaltung im grossen Spirgarten-Saal in Altstetten war deutlich: «Lasst das Tram 2 einfach so, wie es seit Jahren ist», rief ein Senior. Und er erntete langen Applaus. Eine Vertreterin eines lokalen KMU stellte das ursprünglich vom Stadtrat angestrebte Projekt grundsätzlich infrage: «Eine neue Tramlinie, die über zwei enge 90-Grad-Kurven führt? Das ist doch ein Schildbürgerstreich.» Erneut klatschten fast alle Anwesenden. Bravo-Rufe hallten durch den Saal, als plakativ festgestellt wurde, dass «die Altstetter unterdrückt werden» oder dass «dem Herz von Altstetten die Arterie herausgerissen wird».

Ob diese Arterie, die Tramlinie 2, nun entfernt und verlegt wird oder nicht, ist wieder offen. Stadtrat Filippo Leutenegger, der den Anlass locker moderierte, wies bereits zu Beginn darauf hin: «Wir haben das Projekt sistiert und den Reset-Knopf gedrückt.» Jetzt sei die Regierung offen, die Vorschläge und Anregungen aus dem betroffenen Quartier zu hören und allenfalls in die weitere Planung aufzunehmen.

Denn die Kritik in Altstetten war heftig ausgefallen (siehe auch Box). Und im Vorfeld des «Dialog»-Abends hatten die lokalen Quartier- und Gewerbevereine noch einmal nachgelegt. In einem offenen Brief hatten sie Anfang Juni «2 plus 2 mal 22 Fragen zum 2er» gestellt. Diese Fragen nahm der Stadtrat ernst (die Antworten, 14 A4-Seiten umfassend, lagen zur Mitnahme auf).

Neue Lösungen suchen

Darin räumt der Stadtrat auch ein, dass er angesichts der aufgekommenen Kritik die Quartierbevölkerung früher und intensiver hätte einbeziehen müssen. «Die Stadt hat einen klaren Fehler gemacht.» Ähnlich äusserte sich auch Filippo Leutenegger auf der Bühne: Er bat die Anwesenden, nicht auf vergangene Fehler hinzuweisen, die seien bekannt. Nun gehe es vorwärts zu schauen und neue Lösungen zu suchen.

Wenn es nach der grossen Mehrheit der Altstetter geht, die gestern zum «Dialog» erschienen waren, muss an der Linienführung des Zweier-Trams nichts geändert werden. Eine Verlängerung nach Schlieren wäre den meisten dabei noch egal – nicht aber der angedachte Umweg über den Bahnhof Altstetten (und damit der Verzicht auf die direkte Linienführung durchs Quartier). «Wir verlieren unser Tram, damit Pendler schneller und bequemer an den Altstetter Bahnhof gelangen», kritisierte einer. Andere sprachen sich auch gleich gegen die geplante Limmattalbahn aus, die vom aargauischen Killwangen über Dietikon und Schlieren an den Bahnhof Altstetten führen soll. «Der Zweier, die Limmattalbahn und viel mehr Pendler – das alles kommt bei diesen engen Strassenverhältnissen am Bahnhof doch gar nicht aneinander vorbei», kritisierten mehrere Votanten sinngemäss.

Vertreter des Tiefbauamtes der Stadt Zürich, der VBZ, der Limmattalbahn und der SBB nahmen die Voten ruhig entgegen. Sie wiesen mehrmals darauf hin, dass die Region boome und dass die Zahl der Einwohner und der Arbeitsplätze steigen werde. «Dies wird natürlich auch eine Zunahme der Mobilität bedeuten. Diese können wir nicht auf dem bestehenden Verkehrsnetz abdecken», sagte etwa Daniel Issler, Geschäftsführer der Limmattalbahn. Mit Tram und Bahn liesse sich diese Zunahme abdecken. Im Saal glaubten nicht alle diesen Prognosen. «Mit Zahlen lässt sich alles und nichts belegen», meinte einer. Und eine andere merkte an: «Es wird gar nicht mehr Pendler geben.» Dem wirke doch nur schon der Trend zu Home Office, dem Arbeiten im eigenen Zuhause, entgegen.

Nach der Veranstaltung zeigten sich mehrere Altstetter überzeugt davon, dass ihre Anliegen beim Stadtrat angekommen sind. «Diesmal hat er zugehört», sagten mehrere Teilnehmer. So hat auch Filippo Leutenegger die Experten auf der Bühne schmunzelnd korrigiert: Es heisse nicht, der Zweier fahre an den Bahnhof Altstetten – sondern, wenn er dorthin fahren würde.