Herr Höpflinger, in Ihrer Veranstaltungsreihe «Drittes Lebensalter – Eine Generation im Aufbruch» haben Sie mit vielen 60- bis 75-Jährigen gesprochen. Was ist Ihnen aufgefallen?

François Höpflinger: Dass in dieser Altersgruppe im Moment enorm viel passiert. Diese Senioren sind sehr aktiv, kompetent und haben grosse Ressourcen. Viele wollen sich selber verwirklichen, wollen etwas nachholen – nicht nur beruflich, auch in der Familie, mit Freunden oder mit einem sozialen Engagement.

Ist das nur Ihr Eindruck oder lässt sich das belegen?

Wir können empirisch nachweisen, dass die Aktivität in dieser Lebensphase seit 1979 stark zugenommen hat: Bei den kulturellen Tätigkeiten etwas weniger stark als bei den körperlichen. Die Menschen in diesem Alter bewegen sich heute viel mehr. Ausserdem werden Freundschaften viel intensiver gepflegt als damals.

Es stimmt also nicht, dass immer mehr alte Menschen vereinsamen.

Jedenfalls nicht die 60- bis 75-Jährigen. Das hat auch damit zu tun, dass die Mobilität gestiegen ist und man Verwandte und Freunde viel einfacher besuchen kann. Zudem gibt es immer mehr Senioren, die sich organisieren, zusammen einkaufen, kochen oder einen Mittagstisch gründen. Das hilft jenen, die alleine sind oder über eine kleine Rente verfügen. Nützlich sind auch die Neuen Medien. Dank Skype kann man mit der Enkelin in den USA in Kontakt bleiben.

Vereinfacht das Internet die Aktivität im Alter?

Fast jeder 70-Jährige hat heute Internet. Es ist viel einfacher geworden, sich mit Gleichgesinnten zu treffen, eine Theatergruppe zu gründen oder sich über die Grenzen hinweg über Modelleisenbahnen auszutauschen.

Gibt es Trends?

Es entstehen viele soziale Projekte, wie etwa Innovage, deren Berater ihre Erfahrung unentgeltlich für Projekte im gemeinnützigen und öffentlichen Bereich einsetzen. Unter den Babyboomern sind Film- und Theatergruppen beliebt. Und als negatives Beispiel: In England verüben immer mehr Senioren Einbrüche.

Gibt es auch Aktivitäten, die seit 1979 abgenommen haben?

Die klassische Freiwilligenarbeit ist rückläufig. Darunter leiden vor allem Vereine. Das heisst aber nicht, dass sich 60- bis 75-Jährigen weniger engagieren. Sie tun dies einfach in losen Gruppen und Formen, die heute noch nicht erfasst werden. Viele Rentner wollen nach ihrem Berufsleben weniger Verpflichtungen und Termine, aber weiterhin aktiv bleiben, einfach freier und flexibler. Diese Altersgruppe ist viel heterogener als früher. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, weshalb es in Europa noch keine Seniorenpartei gibt. Die Initianten haben sich immer gleich zerstritten (lacht).

Sind Pensionäre von diesem breiten Angebot überfordert?

Für manche ist der Übergang in die Nacherwerbsphase schwierig. Sie empfinden es beinahe so, als würden sie wieder vor der Berufswahl stehen ...

... und unter Druck, unbedingt etwas leisten zu müssen?

Der Leistungsdruck kann sich tatsächlich vom Beruf in den Ruhestand ausdehnen. Wenn im gleichaltrigen Umfeld alle gesünder leben, mehr Sport treiben und aktiv bleiben, steigen Erwartungen und Ansprüche, die nicht jeder erfüllen kann oder will. Das kann sogar dazu führen, dass man sich ausgeschlossen fühlt.

Ist der «Ruhestand» total out?

Nein. Die Lebenszufriedenheit ist ja nicht ausschliesslich von der Aktivität abhängig. Es ist einfach erwiesen, dass sich geistige und körperliche Aktivität bis ins hohe Alter auszahlt. Mit 70 kann man noch neue Hirnzellen bilden, mit 90 Muskelkraft aufbauen.

Nervt es die jüngere Generation, wenn die ältere so lange fit bleibt und ihr die Arbeit wegnimmt?

Das kommt ganz darauf an. Es führt dann zu Problemen, wenn der 68-Jährige sein gutes Netzwerk nutzt und gleichzeitig die Leistung viel günstiger anbietet als der junge Unternehmer. Oder wenn der Senior im Klassenzimmer dem jungen Lehrer vorschreibt, wie er die Schüler zu unterrichten hat. Es hilft, sich zu engagieren, aber nicht einzumischen, Macht abzugeben und zu akzeptieren, dass der Status nach der Karriere nicht mehr derselbe ist. Dieser Schritt fällt den Frauen eher leichter.

Weshalb?

Frauen, die sich zugleich um den Haushalt kümmern, behalten diese Struktur und haben allenfalls in der Nachbarschaft mehr Freundschaften geschlossen. Die neue Lebensphase kann sich auch auf die Paarbeziehung auswirken. Sie muss eventuell neu ausgehandelt werden.

Wie meinen Sie das?

Nicht jede Frau mag es, wenn der Mann plötzlich häufiger daheim ist und sich in die Hausarbeit einmischt, weil ihm die berufliche Struktur fehlt.

Empfehlen Sie jedem eine Beratung. Oder soll man den Ruhestand einfach auf sich zukommen lassen?

Das ist individuell zu beurteilen. Wer schon immer aktiv und initiativ war, kann locker eine einjährige Auszeit nehmen und sich Gedanken über seine Zukunft machen. Wer aber in seinem Beruf eine rein ausführende Funktion hatte und auch kein kreatives Hobby, sollte sich eine vorzeitige Planung und Beratung überlegen.

Sie sind 66. Wie gestalten Sie selber das dritte Lebensalter?

Bei mir ist das ein fliessender Übergang. Ich habe Mandate und werde weiterhin forschen, wenn auch etwas weniger. Und ich nehme mir nun mehr Zeit für meine Enkel.