Der Zürcher Stadtrat überprüft seine Altersstrategie und stoppt mehrere Altersheim-Bauprojekte, wie kürzlich publik wurde. Er reagiert damit auf die Tatsache, dass die Leute immer älter werden und möglichst lange zu Hause bleiben wollen. Das Zürcher Stadtparlament debattierte am Mittwochabend diverse Vorstösse zur Altersstrategie. Albert Wettstein befasst sich als Privatdozent an der Universität Zürich mit Altersmedizin. Bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2011 war er Chef des Stadtärztlichen Dienstes in Zürich. Er betont die gesundheitliche Bedeutung sozialer Kontakte. Der 72-Jährige lebt mit seiner Partnerin in Oberrieden. Zudem engagiert er sich unter anderem in leitender Funktion bei der unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter.

Herr Wettstein, was sind die wichtigsten Faktoren, um im Alter gesund zu bleiben?

Albert Wettstein: Das Entscheidende ist ein gesunder Lebensstil. Ein Faktor ist der Verzicht auf schädliche Suchtmittel. Rauchen ist am schlimmsten, Alkoholexzesse sind auch schlimm. Dann: gesunde Ernährung mit vielen Früchten und Gemüse; wenig tierische Fette, dafür Oliven- und Rapsöl als Fettquelle. Und: Ein- bis zweimal pro Woche Fisch essen. Der dritte Punkt ist regelmässige körperliche Bewegung. Es genügen pro Woche drei bis vier Stunden so intensive körperliche Bewegung, dass man ins schnelle Atmen oder ins Schwitzen kommt. Das muss nicht Sport sein, es kann auch Treppenhaus-Putzen oder zügiges Einkaufen zu Fuss sein, Treppenlaufen statt Liftfahren, all das. Ein Marathontraining hingegen wäre schädlich.

Welche Rolle spielen soziale Faktoren?

Soziale Beziehungen zu pflegen ist der wichtigste Faktor, um gesund zu bleiben. Wer allein lebt, hat ein doppelt so hohes Risiko, dement zu werden, wenn er oder sie das nicht durch intensive Beziehungspflege kompensiert. Leute, die keine einzige Beziehung haben, in der sie auch heikle Probleme besprechen können, haben ein achtmal höheres Risiko, dement zu werden, als Leute, die in einer Partnerschaft leben, familiäre Beziehungen haben und Freundschaften pflegen.

Was für Lebensformen können dabei helfen?

Möglichst nicht alleine leben, sondern mit anderen Menschen zusammen sein. Man kann aber auch alleine leben und intensiv Freundschaften pflegen. Die Wohnform ist nicht so wichtig. Es gibt auch Vereinsamung im Altersheim.

Wie kommt das?

Im Altersheim sind die Leute primär allein in ihrem Zimmerchen und treffen sich nur zum Essen. Wenn sie nicht aktiv auf die Mitmenschen zugehen, leben sie aneinander vorbei. Einsamkeit im Altersheim ist eine Realität – in den Alterssiedlungen gilt dasselbe. Es ist furchtbar, dass es in den Alterssiedlungen zum Teil kaum Gemeinschaftsräume gibt und die Leute in der Siedlung einander kaum besuchen. Der einzige Ort, wo sie sich treffen, ist am Briefkasten. Und dort ist es nur in den wenigsten Fällen bequem und schön eingerichtet.

Wie sollte die Einrichtung aussehen?

Dort, wo die Briefkästen sind, müsste man eine Cafeteria haben oder mindestens einen Getränkeautomaten, ein paar Tische, ein Sofa. Man geht runter, holt die Zeitung, trifft sich und redet miteinander. Das ist in den Zürcher Alterssiedlungen meistens nicht so. Dort herrscht Einzelkäfighaltung.

Sind Altersheime und -siedlungen nicht mehr zeitgemäss?

Die Gemeinsamkeit ist dort an einem kleinen Ort. Das ist nicht gut. Und das ist einer der Gründe, warum die Altersheime nicht mehr so populär sind. Viele glauben noch daran. Aber in Wirklichkeit wollen die Leute möglichst lange selbstständig sein. In Schlieren gibts eine Alterssiedlung mit einem Restaurant, wo man sich trifft. Das ist ein Fortschritt. Ideal sind Alterswohnungen mit Serviceangeboten nach Mass. Beim Einzug braucht man vielleicht noch keinen Service, später dann Wäsche- und Reinigungs- oder Mahlzeitenservice. Und die Mahlzeiten sollten möglichst in einem Gemeinschaftsraum oder in einer Cafeteria stattfinden, wo man sich trifft.

Ist das ein finanzierbares Modell?

Es ist sehr leicht finanzierbar, viel besser als ein Altersheim. Im Altersheim muss man Mahlzeiten-, Reinigungs- und Wäscheservice zwangsweise konsumieren. Das Einzige, was nicht obligatorisch ist, ist die Pflege. Aber der ganze Haushalt wird für einen erledigt. Das ist wie eine Zwangspensionierung von der Haushaltsarbeit.

Welche baulichen Massnahme braucht es, um gute soziale Beziehungen zu ermöglichen?

Wichtig sind attraktiv gestaltete Gemeinschaftsräume, in denen es nicht zu lärmig ist. Das können auch mehrere kleinere Fernsehräume sein, in denen verschiedene Programme laufen. Es ist doch schöner, wenn eine Gruppe gemeinsam den «Bestatter» oder den «Tatort» schaut, als wenn das jeder für sich alleine macht.

Wie weit sind wir von diesem Ideal entfernt?

Alterswohnungen mit Service nach Mass sind derzeit das gefragteste Angebot. Einiges gibt es schon, aber längst nicht genug. In Zürich bräuchte es mindestens 4000 bis 5000 zusätzliche Alterswohnungen, wie GLP-Stadtrat Andreas Hauri in einem Interview sagte.

Wie geht es den alten Leuten in der Schweiz, verglichen mit dem Ausland?

Es geht ihnen gut. Die Lebenserwartung ist höher als in den meisten europäischen und amerikanischen Ländern. Und nicht nur das: Auch die Lebensphase, in der man auf Hilfe angewiesen ist, wird hierzulande immer kürzer. Das hat auch mit der ausgeprägten Spazierkultur in der Schweiz zu tun. Und das Schönste ist: Wir haben nur noch halb so viele Demente pro Altersgruppe wie die Generation unserer Eltern.

Das Problem der Demenz nimmt also ab?

Es gab ja Horrorszenarien, weil aus der Babyboomer-Generation so viele Alte hervorgehen würden. Das wird nun aber weitgehend dadurch kompensiert, dass sich die Demenz-Wahrscheinlichkeit pro Altersgruppe halbiert hat. Deshalb sind in der Schweiz auch viele Pflegeheimbetten leer.

Zurück zum Faktor soziale Beziehungen: Sie haben sich vor Jahren für ein Generationenhaus in Zürich eingesetzt, mit einer Cafeteria und Angeboten wie Aufgabenhilfe und Kunstschaffen für Jung und Alt. Was ist daraus geworden?

Das ist nicht mehr aktuell. Die Stadt wollte das nicht umsetzen, obwohl es im städtischen Alterskonzept drin war.

Wie sehen Sie künftig die Chancen für so ein Projekt?

Eines der Probleme ist, dass die Behörden sich schwertun, Freiwilligen anspruchsvolle Arbeit zu geben. Es braucht einen gewissen Aufwand, man muss die Leute schulen und unterstützen. Aber es ist sehr attraktiv für fitte alte Leute, für andere Leute aktiv zu sein und etwas Gutes zu tun. Das tut auch ihnen selbst gut.

Kann Freiwilligenarbeit von alten Leuten demnach auch Krankheitsprävention sein?

Selbstverständlich! Eine sinnvolle Beschäftigung, die einem Befriedigung und dem Leben Sinn gibt – das ist die beste Prävention gegen Altersbeschwerden. Erst recht, wenn damit noch Beziehungen verbunden sind, was ja bei anspruchsvollen Arbeiten meistens der Fall ist.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie leben Sie selbst?

Ich habe das Glück, in einer Beziehung zu leben. Und ich bin sehr aktiv: Ich betreue einmal pro Woche Enkel, mache zudem anspruchsvolle Freiwilligenarbeit für die unabhängige Beschwerdestelle für das Alter, deren kantonale Fachkommission ich leite. Und ich halte viele Vorträge, weil ich das kann und den Leuten etwas zu sagen habe. Und weil ich finde, man sollte das nicht als veraltet ansehen, nur weil ich 72-jährig bin.