Politiker
Alt Regierungsräte: Was nach dem Regieren kommt

Sie waren Politprofis mit Pensen weit über 100 Prozent. Dann folgte der Abgang. Zürcher alt Regierungsräte berichten über den Loslösungsprozess und ihr Leben danach.

Matthias Scharrer
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Rita Fuhrer ist lieber Grossmutter als Ständerätin.

Rita Fuhrer ist lieber Grossmutter als Ständerätin.

EFU

Loslassen ist nicht immer einfach: «Ich setze mich auch in den nächsten Jahren als Regierungsrätin für einen aufgeschlossenen und sozialen Kanton Zürich ein», schreibt Regine Aeppli (SP) auf ihrer Internetseite www.regineaeppli.ch.

Und auf www.ursula-gut.ch heisst es wenige Tage vor den Regierungsratswahlen vom 12. April, zu denen Gut wie Aeppli nicht mehr antreten: «Mit grosser Freude setze ich mich auch in der kommenden Legislatur für gesunde Finanzen und einen liberalen Kanton Zürich ein.»

Dabei hat Gut durchaus Pläne für ihr Leben nach der Politik, das im Mai beginnt: «Zuerst werden mein Mann und ich eine zirka vierwöchige Asienreise unternehmen», verrät die freisinnige Noch-Finanzdirektorin auf Anfrage.

Ausserdem freue sie sich darauf, Freunde häufiger zu sehen und Hobbies wie Kultur, Literatur und Kochen intensiver zu pflegen. Aeppli plant ebenfalls eine Reise und will danach das Thema Bildung weiterverfolgen, wie die scheidende Bildungsdirektorin dem «Schulblatt des Kantons Zürich» anvertraute.

Die Mandatsträger

Wie ein geprügelter Hund wirkte Hans Hollenstein am Wahltag vor vier Jahren. Für den damaligen CVP-Regierungsrat war es der Tag seiner überraschenden Abwahl. Vier Jahre später hat sich Hollenstein längst wieder aufgerappelt: «Es geht mir gut», sagt der Winterthurer mit fröhlicher Stimme am Telefon. «Ich bin jetzt Präsident der PostCom.»

Für das gut dotierte Teilzeit-Mandat bei der Post-Aufsichtsbehörde wurde er vom Eidgenössischen Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation vorgeschlagen, dem Hollensteins Parteikollegin Doris Leuthard vorsteht. Er trat sein neues Amt vier Monate nach seiner Abwahl aus dem Zürcher Regierungsrat an.

Markus Notter (SP), der gleichzeitig mit Hollenstein, allerdings freiwillig, aus dem Zürcher Regierungsrat ausschied, hat unterdessen eine Vielzahl von Mandaten: Als Präsident wirkt er beim Zürcher Europa-Institut, bei der Gesellschaft Minderheiten in der Schweiz, bei der Stiftung Zukunft für Schweizer Fahrende, beim Museumsrat des Schweizerischen Nationalmuseums und beim Opernhaus Zürich.

Auch schaltet der brillante Debattierer sich weiterhin in öffentliche Diskussionen ein, nicht zuletzt als Kolumnist der «NZZ am Sonntag» und der «Zeit». Der Versuchung, wieder in die Politik einzusteigen, widerstand der 54-jährige Dietiker bislang, obwohl die SP ihn vor vier Jahren wohl mit Handkuss als Ständeratskandidaten genommen hätte.

Diese Option schlug kürzlich auch Rita Fuhrer aus: Im vergangenen Herbst wurde die 2010 zurückgetretene Alt-Regierungsrätin als mögliche SVP-Ständeratskandidatin hoch gehandelt. Doch sie lehnte ab, obwohl die gesundheitlichen Probleme, die zu ihrem Rücktritt als Regierungsrätin führten, längst ausgestanden waren.

Sie wolle das neue Leben, das sie sich aufgebaut hatte, nicht wieder einer vollen politischen Agenda opfern, gab sie als Grund an. Das Dasein als Grossmutter ziehe sie vor, ausserdem habe sie interessante Engagements als Verwaltungsrätin von Raiffeisen und Jucker Farmart sowie als Präsidentin des Trägervereins Uniklinik Balgrist. Zudem kümmert sie sich ehrenamtlich für den Wiederaufbau der Handweberei Bauma, wie die «NZZ» berichtete.

Die Aussteiger

Noch deutlichere Schlussstriche unter das Politikerdasein haben die Zürcher Alt-Regierungsräte Christian Huber (SVP) und Eric Honegger (FDP) gezogen: Huber, der 2005 aus Protest gegen die ständigen Sticheleien seiner Partei den Regierungsrat verliess, tuckert seither mit seinem Hausboot M.S. «Kinette» auf Wasserwegen durch Europa, gemeinsam mit seiner Frau.

«Die ersten fünf Jahre lebten wir praktisch ganzjährig auf dem Schiff. Anfang 2011 wurden wir Grosseltern, und mittlerweile haben wir bereits drei Enkel», berichtet Kapitän Huber. «Das hat unser Leben insofern verändert, als wir seither den Winter im Zürcher Oberland verbringen und ‹nur noch› vom Frühling bis Spätherbst mit dem Schiff unterwegs sind.»

Zurzeit liege die M.S. «Kinette» in Berlin, nächstes Ziel sei Hamburg, mailt Huber. Unter seinen freundlichen Grüssen steht noch der Merksatz: «Life without a ship is possible. But it doesn’t make any sense at all.» Auf Deutsch: Ein Leben ohne Schiff ist möglich, aber völlig sinnlos.

Einen ganz neuen Lebensinhalt suchte sich auch Eric Honegger. Zunächst machte der Bundesratssohn, der von 1987 bis 1999 für die FDP in der Zürcher Regierung sass, noch bis 2001 Karriere in der Swissair-Chefetage, als sich der Niedergang der Fluggesellschaft anbahnte. Dann folgte Honeggers jäher Absturz: Nach seinem Abgang bei der SAirGroup musste er auch seine anderen Verwaltungsratsmandate bei der UBS und der NZZ abgeben. Seinen persönlichen Tiefpunkt erlebte er 2007 während des Swissair-Prozesses vor dem Bezirksgericht Bülach, über den er später ein Buch schrieb. Zwar wurde er freigesprochen. Doch der öffentliche Prozess kam einer sozialen Ächtung gleich. Freunde wandten sich ab. Honegger wurde öffentlich angefeindet und dachte über eine Flucht aus der Schweiz nach.
Vor drei Jahren wanderte er tatsächlich aus: Im österreichischen Burgenland kaufte er zusammen mit seiner Frau Helga einen alten Bauernhof. Inzwischen führen die beiden den «Arkadenhof» als Gästehaus. Sie bieten Gästezimmer für 95 Euro pro Nacht an, Frühstück inklusive. Für Hunde kostet die Nacht 20 Euro, ohne Futter.