Universität Zürich
Als Zürich sich vor 100 Jahren mit einem Haus des Wissens krönte

Mit einem Festakt im Lichthof wurde am 18. April 1914 das Gebäude eingeweiht, das auch 100 Jahre später noch als Hauptsitz der Universität Zürich dient.

Matthias Scharrer
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ETH und Universität Zürich thronen über Zürichs Altstadt; Foto entstammt dem Nachlass von Uni-Architekt Karl Moser.gta-archiv eth zürich/zvg

ETH und Universität Zürich thronen über Zürichs Altstadt; Foto entstammt dem Nachlass von Uni-Architekt Karl Moser.gta-archiv eth zürich/zvg

Ein 200-köpfiger Männerchor und das Zürcher Tonhalle-Orchester liessen ein Werk des damaligen Konservatoriums-Direktors Friedrich Hegar erklingen. Die Festkantate verhallte schnell im neuen Haus des Wissens. Nach der Uni-Eröffnung wurde sie nie mehr aufgeführt.

Doch die Uni-Eröffnung fand ihren Nachhall. Am darauf folgenden Sechseläuten-Montag zogen Zürichs Zünfte durch die Stadt. Jede von ihnen stellte einen Wissenschaftszweig dar. Und die «Schweizerische Bauzeitung» stellte angesichts des neuen Unibaus vor Karl Moser 1914 fest: «Der Semperbau der Technischen Hochschule, der ein halbes Jahrhundert lang der Mittelpunkt jener Gegend der höheren Bildungsstätten war, hat nun in Mosers Werk einen Gesellen erhalten, der ihn in seiner bisherigen Alleinherrschaft im Stadtbild stark erschüttert.»

Über 50 Jahre hinweg war die 1833 gegründete Universität Zürich im Gebäude des Polytechnikums untergebracht gewesen, das ab 1911 ETH Zürich hiess. Um die Wende zum
20. Jahrhundert herum begann der Kanton Zürich, sich ernsthaft mit dem Bau eines eigenen Universitätsgebäudes zu beschäftigen. Kurz zuvor war Zürich durch die Eingemeindungen von 1893 zur grössten Stadt der Schweiz geworden. Sie war damit schnell über ihren alten Kern hinaus gewachsen. Und die Regierungen von Stadt und Kanton trugen sich mit dem Gedanken, ein weithin sichtbares neues Wahrzeichen zu schaffen. Das Haus des Wissens sollte die alten Kirchtürme deutlich überragen. Der Uni-Neubau wurde schon bald als Teil einer neuen «Stadtkrone» gesehen, etwa von Zürichs späterem Stadtbaumeister Hermann Herter.

Unumstritten war das monumentale Projekt jedoch nicht. Als es zur ersten Abstimmung darüber kam, empfahl die SP ein Nein. Und als 1911 über einen Nachtragskredit abgestimmt wurde – die Gesamtkosten sollten sich schliesslich auf 5,6 Millionen Franken belaufen – stimmten viele umliegende Gemeinden dagegen, wie Thomas Gnägi gestern anlässlich eines Rundgangs durch die von ihm kuratierte Jubiläumsausstellung sagte.

Die Uni-Baustelle sprengte den Rahmen des Gewohnten: 110 Pferde karrten täglich mit 330 Fahrten den Bauschutt weg, wie die «NZZ» 1911 in einer Reportage auf ihrer ersten Seite berichtete. 250 Arbeiter waren im Einsatz. Die Bauarbeiter-WCs hatten sogar Wasserspülungen, vermerkte die «NZZ» staunend. Nach drei Jahren Bauzeit war das Gebäude schliesslich erstellt.

Für einen Kunstskandal sorgen 1913/14 die Aktmalereien von Paul Bodmer und anderen Künstlern im Inneren des Gebäudes. In der Presse wurde nach einer Wettbewerbsausstellung Ende 1913 von «Kunstscheusslichkeiten an der Universität» berichtet, Studenten prügelten mit Stöcken auf die für damalige Augen ungewohnt freizügigen Werke ein, Professoren protestierten beim Regierungsrat, und die Zürcher Baudirektion beurteilte Bodmers Werke als «ungenügend». Die meisten der Gemälde wurden daraufhin 1916 übertüncht. Einige von ihnen liess die Universität nun zum 100-Jahr-Jubiläum wieder freilegen.

Statuen der Antike im Lichthof der Universität Zürich
5 Bilder
Polytechnikum und Universität Zürich, Bild aus dem Nachlass von Uni-Architekt Karl Moser
Baustelle Universität Zürich, Bild aus dem Nachlass von Uni-Architekt Karl Moser
Ein Wandgemälde von Paul Bodmer, das wieder freigelegt wurde
Hauptgebäude der Universität Zürich, erbaut 1911 bis 1914

Statuen der Antike im Lichthof der Universität Zürich

Matthias Scharrer/ Universität Zürich