Villmerger Krieg
Als Zürich die religiöse Gleichberechtigung durchsetzte

Im Frühling 1712 attackierten 3000 Zürcher und 5000 Berner die Grafschaft Baden und erzwangen eine Kapitulation.

Pirmin Kramer
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Ein zeitgenössischer Stich zeigt die Beschiessung der Stadt Baden. Die Bomben flogen mehr als einen Kilometer weit.

Ein zeitgenössischer Stich zeigt die Beschiessung der Stadt Baden. Die Bomben flogen mehr als einen Kilometer weit.

zvg

Ein Unglücksjahr sei das Jahr 1712 für Baden gewesen, heisst es in Historiker Otto Mittlers «Geschichte der Stadt Baden»; oft ist auch von einem Schicksalsjahr die Rede. Vor 300 Jahren war Baden Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen im Rahmen des Zweiten Villmergerkrieges - die Folgen sind noch heute sichtbar.

Die Stadt Baden war nach der Reformation im 16. Jahrhundert nach und nach in eine wichtige Rolle geraten. Während die katholischen Orte aus der Innerschweiz, Freiburg und Solothurn das politische Sagen hatten, lag die wirtschaftliche Vorherrschaft bei den reformierten Stadtstaaten Zürich und Bern. «Als strategische Zwischenzone zwischen den Machtblöcken spielte die Landvogtei Baden eine entscheidende Rolle», erklärt Hans Rudolf Fuhrer, emeritierter Privatdozent an der Universität Zürich. «Aus Sicht der katholischen Innerschweiz hatte sie die Funktion eines Riegels zur Spaltung der Stadtstaaten Zürich und Bern.» Als «Gemeine Herrschaft» sei Baden zwar gemeinsam von Reformierten und Katholiken verwaltet worden - aber die Katholiken hätten das Sagen gehabt, sagt Fuhrer. «Sie stellten rund drei Viertel der Landvögte und es gelang ihnen, die Region weitgehend katholisch zu erhalten.»

Attacke der reformierten Truppen

Im Frühling 1712 wurde die Grafschaft Baden während des Zweiten Villmergerkrieges zum Schauplatz eines kriegerischen Angriffs der alliierten reformierten Truppen. Rund ein halbes Jahrhundert nach dem Ersten Villmergerkrieg, aus dem die katholischen Stände siegreich hervorgegangen waren, ging es Zürich und Bern darum, die für die Katholiken vorteilhaften Bedingungen des Dritten Landfriedens von 1656 wieder zu streichen.

«Eine zürcherische Abteilung, rund 3000 Mann, rückte auf der rechten Limmatseite gegen Wettingen vor», sagt Fuhrer. Die Truppen hätten sich auf dem Areal der heutigen Kantonsschule zur Belagerung der Stadt eingerichtet. Am 31. Mai begann die Beschiessung der Stadt. «Der Beschuss war gleichzeitig das Signal auch für die rund 5 000 Berner zum Vormarsch», so Fuhrer. Sie wählten den Weg über Birmenstorf und Gebenstorf. «Beide Orte erlebten in der Nacht auf den 1. Juni das Schauspiel des Durchmarsches der halben bernischen Armee.» Angesichts der aussichtslosen Lage kapitulierten die Badener relativ schnell.

Harte Strafen

Die Kapitulationsbedingungen der siegreichen Zürcher und Berner waren hart: Die Stadt musste das Vermögen abliefern - dazu zählten vor allem Bargeld und Silbergeschirr. Die Stadt wurde entwaffnet, und die Badener mussten sich zum Huldigungseid verpflichten, einem Treueeid. Als Strafe wurde aus der «Festung Stein» über der Stadt die «Ruine Stein».

Ein Jahr nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen beschlossen die Zürcher und Berner die Errichtung eines Gotteshauses, wie Historiker Otto Mittler schreibt. So kam es zum Bau der reformierten Kirche. Errichtet wurde sie aus den Steinen der Ruine. «Den Zürchern mochte es eine besondere Genugtuung sein, dass das neue Gotteshaus aus den Trümmern des verhassten Schlosses Stein entstand«, schreibt Mittler.

Ein Ende nahm der Villmergerkrieg, in den Baden verwickelt war, mit dem Vierten Landfrieden vom 10. August 1712. Bern und Zürich setzten die konfessionelle Gleichberechtigung in den Gemeinen Herrschaften durch und beendeten die Vormachtstellung der katholischen Orte.

Mehr Infos: Schrift «Villmerger Kriege 1656/1712» von Hans Rudolf Fuhrer, MILAK/ETHZ, Kaserne, 8903 Birmensdorf