Geschichte

Als Zürich um 1500 eine zweite Adelskultur erlebte

Eine Wappenscheibe um 1525 zeigt Heinrich Escher, Landvogt in Greifensee.

Eine Wappenscheibe um 1525 zeigt Heinrich Escher, Landvogt in Greifensee.

In Zürich erlebte die Adelskultur um 1500 eine zweite Blüte. Grund dafür war der Aufstieg einer neuen Oberschicht, die sich den vertriebenen Adel zum Vorbild nahm. Eine Publikation stellt diese Junker vor.

Die Schweiz verstand – und versteht sich zum Teil noch heute – als Bauernstaat, dessen Wurzeln in einer besonderen Geschichte liegen. Der Kampf für Freiheit und Scholle ging Hand in Hand mit dem Kampf gegen Adel und Habsburg, so das gängige Geschichtsbild.

Dazu passt, dass der Habsburger Maximilian 1499 in einer programmatischen Schrift die Eidgenossen als «Vertilger» des Adels bezeichnete, als «böse, grobe und schnöde Bauersleute», welche den Adel erschlagen oder vertrieben hätten. Bauern versus Adel – auf diese durchaus propagandistische Abgrenzung bezieht sich das Sonderfalldenken bis heute.In der Schweizer Geschichtsschreibung wurde lange ausgeblendet, dass dem Kaiser Maximilian nicht etwa einfache Bergbauern gegenüberstanden, sondern einflussreiche Familien. Diese hatten mit Demokratie und Freiheit wenig am Hut.

Vielmehr wurden sie von kritischen Stimmen rasch als «neue» Adlige betitelt, welche in die Fussstapfen des alten, ausgestorbenen oder ausgewanderten Adels getreten seien. Tatsächlich findet sich nicht nur in aristokratischen Städten wie Bern eine auffallende Kontinuität, sondern auch in Zunftstädten wie Zürich oder in Länderorten wie Schwyz und Uri. Neu aufgestiegene patrizische Familien kontrollierten ab dem späten Mittelalter den Zugang zur Macht und legten sich adlige Attribute zu, von Wappenbriefen und Stammbäumen bis zu Burgen.

Am Beispiel von Zürich zeigt ein kürzlich erschienenes Buch das Wesen und die Funktion dieses neuen Adels auf, der massgeblich das Erscheinungsbild des Alten Zürich prägte. Der junge Historiker Stefan Frey blickt in Text und Bild hinter die Fassaden der Klischees und zeigt in akribischer Kleinarbeit den Mechanismus der Macht, der zur Entstehung einer neuen Führungsgruppe geführt hat. Als «fromme feste Junker» bestimmten diese «neuen» Adligen die aristokratische Zürcher Politik bis ins 19. Jahrhundert mit; besonders wichtig waren die Familien Escher, Meiss und Grebel.

Herr und Junker

Was genau machte diesen «neuen» Adel aus? Warum wird er als solchen bezeichnet? Wie in anderen Städten auch verschwanden in Zürich im 14./15. Jahrhundert jene alteingesessenen Familien, die bis dahin die Politik kontrolliert hatten. Davon profitierten einzelne bürgerliche Geschlechter, die dank Vermögen und Beziehungen an die Schaltstellen der Macht aufstiegen. Dabei orientierten sie sich ganz auffallend an adligen Vorbildern und setzten auf adlige «Qualitäten». Sie erwarben Rittertitel und reich verzierte Adelsdiplome, sie kauften Burgen und Herrschaften, sie lebten und heirateten standesgemäss, und sie übten wichtige politische und militärische Ämter aus.

Eine exemplarische Biografie weist der aus einer Apothekerfamilie stammende, 1493 verstorbene Felix Schwarzmurer auf: Zuerst Obervogt in Andelfingen, später Landvogt auf der Kyburg und Reichsvogt in Zürich, wurde er bei der Schlacht von Grandson 1476 zum Ritter geschlagen. Er besass die Burgherrschaften Altikon und Freienstein, erwarb den Zehnt von Dübendorf und förderte die Ausmalung der Kirche Pfäffikon ZH. Politischer Einfluss in der Limmatstadt verband sich mit junkerlichem Auftreten auf der Landschaft und erfolgreichem Kriegsdienst; bereits sein Vater hatte 1433 von Kaiser Sigismund einen Wappenbrief erhalten.

Die «Neuen» übten Herrschaft aus

Von Zürcher Bauern wurden Leute wie Schwarzmurer sehr wohl als Herren wahrgenommen. Einerseits übten die «neuen» Adligen für Zürich Herrschaft aus, gleichzeitig übernahmen sie selbst traditionelle adlige Rechte und lebten wenigstens zeitweise auf Burgen. Den Schwend verdanken wir den Ausbau der Moosburg (Illnau-Effretikon) zu einem komfortablen Landsitz, den Göldli die Erstellung des 1892 abgerissenen Schlosses Rohr (Kloten), während der berühmt-berüchtigte Bürgermeister Hans Waldmann Dübelstein zu seiner Zweitresidenz ausbaute.

Es ist der Verdienst der reich illustrierten Dissertation von Frey, daran zu erinnern, dass die Geschichte von Zürich über das Mittelalter hinaus nicht nur bäuerlich, sondern mindestens so stark «adlig» geprägt war.

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