Selbstversuch
Als EM-Testgeher 20 Kilometer lang unterwegs am Limmatquai

20 Mal müssen die Geher an der Leichtathletik-EM Mitte August die Strecke Bellevue-Rathaus-Bellevue zurücklegen. Ein Selbstversuch zeigt: Das verändert die Wahrnehmung der Zürcher Innenstadt.

Matthias Scharrer
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20-Kilometer-Geher Matthias Scharrer am Limmatquai: Unsere Vorfahren legten täglich solche Strecken zurück.mts

20-Kilometer-Geher Matthias Scharrer am Limmatquai: Unsere Vorfahren legten täglich solche Strecken zurück.mts

Matthias Scharrer

Schon als Kind übten die Geher eine seltsame Faszination auf mich aus: Langstreckenläufer, die schnell sein wollen, aber nicht rennen dürfen, da ein Fuss in ihrem Sport immer auf dem Boden bleiben muss. Ihre gehemmte Anstrengung, die doch oft in totaler Erschöpfung mündet, strahlt tragische Komik aus. Nun kommen Europas beste Geher zur Leichtathletik-Europameisterschaft nach Zürich.

Am 13. und 14. August eilen sie über das Limmatquai, Runde um Runde, bis sie die Distanz von 20 respektive 50 Kilometern zurückgelegt haben. Während die 50-Kilometer-Geher immerhin das ganze Limmatquai vom Bellevue bis zum Central begehen, müssen die 20-Kilometer-Geher mit einer deutlich kürzeren Schlaufe vorlieb nehmen: Ihre Strecke reicht vom Bellevue bis zum Rathaus. Das ist ein halber Kilometer. Dann heisst es wenden. Wie fühlt sich das an, über 20 Kilometer?

Keine Haie in der Limmat

Mit einer gehörigen Portion Respekt stehe ich am Start. Ich bin kein trainierter Langstreckenläufer. Vor mir liegen 20 Kilometer auf hartem Asphalt und Kopfsteinpflaster, mit engen Kurven alle 500 Meter. Es ist zwölf Uhr mittags, ein regnerischer Tag. Los geht’s.

Von EM-Fieber ist am Limmatquai noch keine Spur. Touristen schlendern dem Fluss entlang, Fotoapparate vor den Bäuchen. Im Restaurant «Terrasse» sitzen Geschäftsleute in Anzügen beim Mittagessen. Eine junge Asiatin strahlt ihr Handy an: Selfie mit Grossmünster.

Die ersten fünf Kilometer fühlen sich noch locker an. Während zwei Schritten einatmen, während zwei Schritten ausatmen: Der Rhythmus ergibt sich wie von selbst. Die Strecke ist nahezu topfeben. Nur bei der Auffahrt zur Münsterbrücke gehts kaum merklich aufwärts.

Nach acht Kilometern spüren die Oberschenkel allmählich die Anstrengung. Das Hirn sucht sich Ablenkung und findet Schriftzüge auf Häusern und Schildern: Odeon, Kronenhalle, Navyboot, Keine Haie in der Limmat.

Letzteres steht auf einem Schild, mit dem die Stadtpolizei darauf hinweist, dass es hier verboten ist, im Fluss zu schwimmen – obschon keine Haie da sind. Wieder mal eine dieser Kampagnen, mit denen die Obrigkeit auf die witzige Tour Gehorsam einfordert, natürlich nur zu unserem Wohlergehen. «Erlaubt ist, was nicht stört», hiess es vor ein paar Jahren. Und noch früher: «Züri Hünd sind Fründ’».

Mein Freund ist der rostige Poller beim Rathaus, der vor Jahren als Vorbote des Hafenkrans installiert wurde. Jemand hat ihm Augen aufgemalt. Der Poller dient mir als Wendepunkt, nun schon seit zehn Runden. Beim Taxistand vor dem «Terrasse» liegt nach Runde elf ein schwarzer Herrenlederschuh auf der Strasse. Eine Runde später liegt der Schuh auf dem Trottoir, dort, wo es nicht hinregnet. Drei Bauarbeiter stehen schon seit drei Runden vor dem Restaurant und rauchen fröhlich plaudernd. Vom Geher, der bereits zum dritten Mal an ihnen vorbeieilt, scheinen sie keine Notiz zu nehmen.

Was ist Irrsinn?

Was, wenn es jemandem auffiele, dass da einer inzwischen seit über zwei Stunden immer die gleichen 500 Meter am Limmatquai eilig auf und ab geht? Ein Wagen führe vor, zwei kräftige Psychiatriepfleger stiegen aus, redeten freundlich auf mich ein, um mich ins Burghölzli zu fahren? Wie viel Irrsinn braucht es, bis es soweit kommt? Was ist Irrsinn? Jeden Tag ins Büro gehen, stundenlang vor einem Bildschirm sitzen und das Arbeit nennen? Oder stundenlang die immer gleichen 500 Meter Limmatquai im Eilschritt zu begehen? Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler. Sie legten täglich solche Strecken zu Fuss zurück. So gesehen gewinne ich mit meinem scheinbar irrsinnigen Schnellgang etwas artgerechte Normalität. Und schrittweise wird mir klar: Der 20-Kilometer-Gang verändert das Bewusstsein.

Nach Kilometer 15 wird es richtig anstrengend. Der Blick sucht wieder Ablenkung, wendet sich den Regentropfen zu, die auf die Limmat prasseln, und den grauen Wolken. Presslufthammerschläge sind zu hören, wo vorher nur die Trams laut waren. Die Mittagspause der Bauarbeiter ist vorbei. Nach Kilometer 18 breitet sich Erleichterung in mir aus: Bald ists geschafft. Imaginäre Leichtathletik-Fans feuern mich von der Grossmünster-Terrasse an, während ich mit zunehmend eckigen Bewegungen dem Ziel entgegentaumle. Doch da waren keine Fans, nur eine Touristengruppe, die eifrig die Zunfthäuser und Kirchen knipste.

Niemand jubelt, als ich nach dreieinviertel Stunden das Ziel erreiche. Der Weltrekord liegt bei 77 Minuten.

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