Erfindung des Velos
Als die Pedalen auch im Limmattal Tritt fassten

Vor 200 Jahren wurde das Fahrrad erfunden. Schon bald darauf eroberte es die Strassen. Im Limmattal wurde bereits im 19. Jahrhundert der erste Veloclub gegründet. Es war der Anfang eines Booms.

Sandro Zimmerli
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Bereits im 19. Jahrhundert wurden die ersten Veloclubs gegründet. Jener in Dietikon wurde 1898 aus der Taufe gehoben. Das Bild datiert von 1930. Mitglieder des Veloclubs Dietikon machen sich für eine Festfahrt bereit.

Bereits im 19. Jahrhundert wurden die ersten Veloclubs gegründet. Jener in Dietikon wurde 1898 aus der Taufe gehoben. Das Bild datiert von 1930. Mitglieder des Veloclubs Dietikon machen sich für eine Festfahrt bereit.

Zur Verfügung gestellt

Mit dem Velo auf Brautschau – das war das Ziel eines gewissen Hans Huckebein, der 1898 im damals neuen Schweizer Sportblatt in mehreren Teilen über seine ein Jahr zuvor absolvierte Fahrradreise durch die Schweiz berichtete. Er radle mit unglaublicher Begeisterung «und das hauptsächlich aus dem Grunde, weil ein flotter Radler mit halbwegs anständigen Waden im schneidigen Kostüme bei den Damen am meisten Furore macht», schrieb er.

Um seine Zukünftige zu finden, schwang er sich deshalb im heimischen Zürich auf seinen Drahtesel und fuhr in einer ersten Etappe nach Dietikon. Dort kehrte er in der Krone ein, genoss eine ausgiebige Mahlzeit, die er allerdings nicht bezahlen konnte, da er unterwegs bei einem Zusammenstoss mit einem Fussgänger sein Portemonnaie verloren hatte. Irgendwie konnte er das Geld dann doch noch auftreiben und seine Reise Richtung Baden und danach Olten fortsetzen.

Was auch immer am Bericht wahr, übertrieben oder gar erfunden ist – Hans Huckebein, der Unglücksrabe, war eine damals beliebte lausbubenhafte Geschichte aus der Feder Wilhelm Buschs – das Velo, das 1817 erfunden wurde, kam in jenen Jahren im Limmattal wie im ganzen Kanton Zürich tatsächlich in Mode. Die Radfahrer schickten sich an, die bis anhin von Fuhrwerken und Fussgängern genutzten Strassen zu erobern. Davon zeugt etwa die Gründung des Velo-clubs Dietikon, 1898 im Restaurant Central. Diese lokalen Vereine, die damals im ganzen Kanton aus der Taufe gehoben wurden, widmeten sich primär dem Fahrradfahren als Vergnügen und dem Veranstalten von Rennen.

Erste Rennbahn auf der Hardau

Bereits 1884 veranstaltete der Bicycle-Club in Zürich ein solches. Es fand auf der Strecke Bahnhof-Bahnhofstrasse-Limmatquai statt. Acht Jahre später wurde Zürichs erste Radrennbahn eröffnet. Sie befand sich auf der Hardau und war 400 Meter lang. Doch bereits kurz nach der Jahrhundertwende vermochte sie den Ansprüchen nicht mehr zu genügen. 1910 musste sie geschlossen werden. Sie wurde durch die 1912 eröffnete offene Rennbahn Oerlikon ersetzt. Auf der ältesten in Betrieb stehenden Sportanlage der Schweiz wurden mehrfach Bahn-Radweltmeisterschaften ausgetragen.

200

Franken kostete in den 1930er-Jahren ein Velo bei Otto Hedinger in Dietikon.

Zu einem Radklassiker wurde die erstmals 1910 durchgeführte Meisterschaft von Zürich, die in Anspielung auf die harten Umstände, denen sich Radfahrer anfangs ausgesetzt sahen, im Volksmund auch Züri-Metzgete genannt wurde. Von 1917 bis 2006 wurde das vom Radfahrer-Verein Zürich organisierte Rennen ohne Unterbruch durchgeführt. In dieser Zeit erlebte es viele Höhen und Tiefen. Immer wieder kämpfte die Züri-Metzgete ums Überleben. 2006 wurde sie schliesslich letztmals als Profirennen durchgeführt.

Obschon das Velo im ausgehenden 19. Jahrhundert vielerorts noch als Sportgerät Verwendung fand, wurde es allmählich auch zum alltäglichen Verkehrsmittel der grossen Masse. Das lässt sich unter anderem an der damaligen Strassengesetzgebung ablesen. So hiess es etwa im «Gesetz betreffend das Strassenwesen vom 20. April 1893», dass Radfahrer ihnen begegnenden Personen auszuweichen hätten «und vor ihnen hergehende Personen von 50 Meter Entfernung an durch ein geeignetes Zeichen so lange zu warnen, bis sie von denselben bemerkt werden». Bereits 1905 zählte die Statistik kantonsweit 18 900 Fahrräder. Und es wurden immer mehr. Mit ein Grund dafür dürfte gewesen sein, dass die Produktion der Velos im Laufe der Zeit immer günstiger wurde.

Seinen Höhepunkt erlebte der Veloboom in der Zwischenkriegszeit. Dietiker Fahrradliebhaber hatten damals die Qual der Wahl beim Kauf ihres Drahtesels. Verschiedene Werkstätten buhlten um Kunden. Dazu gehörte auch jene von Otto Hedinger. Dieser mietete 1929 bei der Apparaturenfabrik Hans Koch an der Bergstrasse in Dietikon eine Werkstatt für die Herstellung von Velorahmen. Sieben Jahre später wurde die Produktionsstätte nach Geroldswil verlagert. Dort wurden bis 1987 rund zwölf Rahmen pro Woche fabriziert. Zusammengestellt wurden diese jedoch alle im 1932 eröffneten Velofachgeschäft an der Zürcherstrasse 6 in Dietikon. Die Marke Heodie, für Hedinger Otto Dietikon, machte sich rasch einen Namen.

Gekostet hat ein Fahrrad in jenen Jahren rund 200 Franken. Oft wurden es in Raten bezahlt. Gleiches galt auch für die Reparaturen. Die Anschaffung eines Velos war also für viele Leute immer noch mit einem grossen finanziellen Aufwand verbunden. Doch Not machte erfinderisch. In Dietikon gab es einige Fuhrhalter, die sich auf Abbau, Transport und Verkauf von Kies und Sand spezialisiert hatten. Deshalb existierten in der Gegend viele Kiesgruben, die später oft mit Industrieabfällen und Kehricht aufgefüllt wurden. Noch bis in die 1950er-Jahre hinein fanden Jugendliche dort Velobestandteile, die sie verwerten konnten.

Velofahren hält Schüler gesund

In Dietikon dürfte schon in den 1930er-Jahren ein Grossteil der Schüler ein Fahrrad gehabt haben, ob nun gekauft oder sonstwie zusammengesetzt. Davon zeugt eine Aussage des damaligen Lehrers Karl Klenk im Dietiker Neujahrsblatt von 1983, als er an einem heissen Sommertag mit seiner Klasse nach Wettingen radeln wollte, um dort Schwimmunterricht zu unterrichten: «Den Schülern meiner Klasse schlug ich vor, am nächsten heissen Sommernachmittag Fahrräder in die Schule mitzubringen. Nur für wenige mussten wir mit einigen Franken aus der Klassenkasse beim Velomechaniker Wehrli Räder mieten.» Auch die meisten Urdorfer Sekundarschüler, die bis Ende der 1950er-Jahre in Dietikon unterrichtet wurden, nutzten für den Schulweg das Velo. Den Lehrern fiel auf, dass gerade diese Schüler bei jedem Wetter besonders gesund und widerstandsfähig waren. Sie führten diesen Umstand auf das regelmässige Fahrtraining der jungen Urdorfer zurück.

Schon bald sollte sich dies jedoch ändern. Ab den 1950er-Jahren wich das Velo zusehends den Motorfahrrädern. Die Massenmotorisierung verdrängte das Fahrrad immer stärker von den Strassen. Erst in den 1980er-Jahren setzte eine Kehrtwende ein. Heute ist das Velo wieder in Mode. Zahlen des Statistischen Amtes zeigen, dass drei Viertel der Zürcher Bevölkerung immer oder zeitweise über ein Fahrrad verfügen können. Allerdings nehmen sich die Strecken, die sie damit zurücklegen, bescheiden aus. Das soll sich ändern. Denn gemäss dem kantonalen Gesamtverkehrskonzept soll der Veloverkehr künftig eine wichtigere Rolle spielen als heute, unter anderem als Zubringer zum öffentlichen Verkehr. Anständige Waden gibt auch das.