Uetliberg
Als der Uetli-Fürst das Hotel abfackelte

Der Uetliberg ist Ausflugsziel vieler Sonntagsspaziergänger. In seinem neuen Buch erzählt der Historiker Stefan Schneiter die wechselvolle Geschichte des Zürcher Hausbergs.

Pascal Unternährer
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Das Gemälde zeigt den heissen Versicherungsbetrug: Der Uetliberg-Hotelier liess sein Hotel anzünden. zvg

Das Gemälde zeigt den heissen Versicherungsbetrug: Der Uetliberg-Hotelier liess sein Hotel anzünden. zvg

1815 ordnete der Wiener Kongress Europa neu, nachdem Napoleon besiegt worden war. 1815 war aber auch ein wichtiges Datum für den Uetliberg beziehungsweise die Menschen, die am Fusse des 870,6 Meter hohen Bergs lebten. Denn erstmals wurden Aufsteiger bewirtet. Zuerst eher als Nebenbeschäftigung für die Männer der Hochwacht, gut 20 Jahre später aber schon im grösseren Stil.

Dann kam der Sonntagsausflug – raus aus der Stadt! – in Mode. Und prompt entstand das erste «Gast- und Kurhaus Uetliberg» im Stil eines Berner Chalets. Die Damen liessen sich auf Eseln hinaufschleppen und tranken oben das damalige Rivella: Eselsmilch. So richtig auf Touren kam das Geschäft aber nicht.

Namen bei der Rigi geklaut

Dennoch glaubte Hotelier Caspar Fürst an die Tourismusidee, kaufte das kleine Kurhaus 1873 und baute grosszügig um. Bald erhielt das Haus einen Pavillon und Säulen, 150 Zimmern und einem Speisesaal für 200 Personen. Fürst änderte den Namen in «Grand Hotel»; er liess es nicht beim «Uto Kulm» bewenden. Seiner geschiedenen Frau erstellte er etwas weiter unten die «Pension Uto Staffel». Beide Namen klaute er von der Rigi in der Hoffnung, etwas Glanz vom Innerschweizer Starberg abzubekommen.

Zudem baute Fürst eine ganze Perlenkette von Sommerresidenzen für reiche Städter auf dem Hügelzug. Damals entstand auch ein Gebäude, das später zur «Annaburg» umgebaut wurde, die bis in die späten 1980er-Jahre ein Politikum war und schliesslich unter Tränengas von 150 Hausbesetzern geräumt und abgebrochen wurde.

Versicherungsbetrug fliegt auf

Trotz des Häuserbooms auf dem Zürcher Hausberg und der neuen Bahn seit 1875 blieben die Gäste im «Grand Hotel» aus, vor allem im Winter. Fürst hatte sich übernommen. So beauftragte er den Kulm-Restaurantpächter, der auch sein Schwiegersohn war, das Hotel anzuzünden. Im November 1878 sah dieser eine Gelegenheit, nachdem er sich mit italienischen Gästen gestritten hatte. Diesen wollte der Schwiegersohn die Schuld in die Schuhe schieben. Der Plan schien aufzugehen, die Versicherung zahlte.

Alkohol und Streit

Doch auf einer Familienfeier gab es Streit, und im Suff outete sich der Schwiegersohn als Brandstifter und seinen Schwiegervater als Auftraggeber. Der Versicherungsbetrug flog auf, die beiden wurden für viele Jahre ins Zuchthaus gesteckt.

Eine Basler Bank übernahm das Grundstück und baute – wiederum im Chaletstil – ein Restaurant. 1881 schreibt der Buchautor Johann J. Binder, der Uetliberg sei «zu einem der frequentiertesten Aussichtspunkte der Welt» geworden. Und eine Werbebroschüre schwärmt vom «klimatischen Kurort ersten Ranges» mit «reiner, staubfreien und ozonreicher» Luft, in der Blutarmut bekämpft werden kann.

1894 kam ein Aussichtsturm dazu, der den Eiffelturm imitieren sollte. Doch wieder harzte das Geschäft. Es kam über die Jahrzehnte zu zahlreichen Besitzerwechseln. Ein Jahrzehnt blieb das Gebäude leer, bis es die Stadt kaufte und zu einer Schule für geschwächte Stadtkinder umfunktionierte und nach dem Krieg abriss. Das Folgegebäude begeisterte niemanden, bis die SBG den Kulm 1983 kaufte und den Bündner Koch Giusep Fry als Geschäftsführer einsetzte. Er kaufte das Land der fusionierten UBS 1998 ab, baute – legal und illegal – aus und machte den Kulm erneut zu einem florierenden Ausflugsort.

Der «Uetzgi» in allen Facetten

Dass sich der Adliswiler Historiker und frühere Redaktor der «Zürichsee-Zeitung» Stefan Schneiter in seinem Band mit der Geschichte des Uetlibergs – auch jener vor dem 19. Jahrhundert – befasst hat, versteht sich von selbst. Sein Werk spricht aber alle an, die sich für den «Uetzgi» interessieren. So tragen ein Geologe, ein Zoologe und ein weiterer Publizist zu einer beeindruckenden Fülle an Fakten bei. Das üppig und liebevoll bebilderte Buch wartet auch mit überraschenden Anekdoten etwa über eine Skisprungschanze oder einem tierischen Fahrgast in der Felsenegg-Bahn auf.

Stefan Schneiter, Der Uetliberg. Geschichte und Geschichten des Zürcher Hausbergs. Verlag Hier + Jetzt, Baden 2011, 184 Seiten, 255 Abbildungen, 68 Franken.