Dieter Meier von «Yello» kommt ins Seebad Utoquai, ebenso der Musiker Faber und der Schauspieler Thomas Sarbacher. Sie alle beteiligen sich an den Jubiläumsveranstaltungen zum 125-jährigen Bestehen des nach Schanzengraben und Frauenbad drittältesten Bades in Zürich. «Das Schöne ist, dass beim Betreten des Bades die Geräusche der Stadt in den Hintergrund verschwimmen und man von der Atmosphäre dieses hölzernen Refugiums sofort eingenommen wird», erklärt Sarbacher, warum er den Tag gern mit einem Schwumm und einem Kaffee im Utoquai beginnt. Und weiter: «Man verlangsamt innerlich und wird aufmerksam, zumal die Stimmung sich mit dem Wetter auch jedesmal verändert.»

Die Kabinendächer sind seit 1909, als das Sonnenbaden aufkam, Sonnendächer – heute mit Sonnenschirmen ausgestattet.mts

Die Kabinendächer sind seit 1909, als das Sonnenbaden aufkam, Sonnendächer – heute mit Sonnenschirmen ausgestattet.mts

Das Bad als Refugium in der hektischen Stadt: So wird der schwimmende Holzbau nahe beim Sechseläutenplatz heute genützt. Entstanden ist er 1890 in einer Zeit, als der Bäderbau boomte und die Quaianlagen von Arnold Bürkli noch neu waren. Wenige Jahre vorher entstand das Frauenbad am Stadthausquai, wenige Jahre nachher das «Wasser-, Luft- und Sonnenbad Unterer Letten.»

Schon 1909 erfuhr das Seebad Utoquai eine markante Veränderung, die ganz dem damaligen Zeitgeist entsprach: Auf den Dächern der Umkleidekabinen liess der Stadtrat «Sonnenbäder» errichten.

«Mächtige Strömung»

Die Hintergründe beleuchtet ein Stadtratsprotokoll aus dem Jahr 1907: Darin ist die Rede von der «immer mehr überhandnehmenden Gewohnheit der Badenden, nach dem Wasserbade noch ein Sonnenbad zu nehmen.» Weiter hielt der Stadtschreiber damals fest: «Sie ist ein Ausfluss jener die Neuzeit beherrschenden, mächtigen und unaufhaltsamen Strömung, welche dahin geht, die heilsamen Faktoren der Natur in ihrer Gesamtheit zur Stärkung des durch die gegenwärtigen Lebensverhältnisse stark in Mitleidenschaft gezogenen menschlichen Körpers zu benutzen.»

Es war die Geburt des Sonnenbadens aus dem Geiste der Lebensreform- respektive Naturheilkundebewegung, wie Historiker den damaligen Zeitgeist heute nennen. Ein Zeitgeist, der dem Zürcher Stadtrat damals durchaus bewusst war: «Der Erfolg der überall in grosser Zahl entstehenden Luft- und Sonnenbäder ist ein schlagender Beweis dafür, dass man es hier mit einer durchaus volkstümlichen Bewegung zu tun hat», hielt 1907 der Stadtschreiber im Stadtratsprotokoll fest.

Schon bald wurde der sonnengebräunte Teint «von einem Stigma der Landarbeiter und Seefahrer zu einem begehrten Kode: Sonnenbräune stand für Sportlichkeit und Natürlichkeit, für Gesundheit, Erfolg und sexuelle Attraktivität, für weibliche Schönheit und Jugendlichkeit und für männliche Leistungs- und Wehrfähigkeit», schreibt der Zürcher Historiker Niklaus Ingold, dessen Buch «Lichtduschen» über die Geschichte des Sonnenbadens soeben erschienen ist.

Der Bau der Sonnendächer war nicht die letzte Umgestaltung des Seebads Utoquai: 1942 wurde es umfassend renoviert. Damals liess die Stadt die ursprünglichen reich verzierten Kuppeltürme durch einfache Blechdächer ersetzen. Fünf Jahre später ersetzte eine Bar mit Kiosk den mittleren Kabinentrakt. Sie ist heute auch ein Restaurant namens «Freie Sicht aufs Mittelmeer» – eine Reminiszenz an die 1980er-Bewegung, deren Nachfolger wesentlich zur Mediterranisierung Zürichs beigetragen haben. Zuletzt kam eine Sauna hinzu, die den Ganzjahresbetrieb ermöglichte.

Jubiläumsveranstaltungen im Seebad Utoquai: 11. Juli, 20.30 Uhr: Lesung mit Thomas Sarbacher und Lieder von Faber; 25. Juli, 20.45: Dieter Meier im Gespräch mit Stefan Zweifel; anschliessend Videoprojektionen von Dieter Meiers Arbeiten seit den 70er-Jahren.