Zürich
«Alles vom eigenen Hof»: Bauern-Lädeli erobern die Stadt

Nach dem Stadtjäger und der Stadtmilch kommt jetzt das Fuuschtbrot: Anbieter von landwirtschaftlichen Produkten aus der nahen Umgebung sind im Kommen.

Matthias Scharrer
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Bio Spezialitäten im «Fuuschtbrot» in Zürich
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Der Take-Away-Shop als Quartierladen: Im Fuuschtbrot-Laden gibts auch frisches Brot und Käse.
Die Käseauswahl ist grosszügig.
Fuuschtbrot, Wühre 15, Zürich; der Laden bietet Bio-Spezialitäten direkt vom Bauernhof der Stiftung Agrovision in Alberswil. Den Verkauf übernehmen Jugendliche, die sich auf den Einstieg ins Berufsleben vorbereiten.
Das Geschäft liegt inmitten der Zürcher Altstadt am Limmatufer an der Wühre.
Andi Lieberherr (Geschäftsführer Agrovision), Sylvia Meyer (Leiterin Access - bridge to work), Hans Wey (Präsident Stiftung Agrovision) mit einer Fuuschtbrot-Verkäuferin. Der Laden dient Jugendlichen, die noch keine Lehrstelle gefunden haben, als Einstiegshilfe ins Berufsleben.

Bio Spezialitäten im «Fuuschtbrot» in Zürich

Matthias Scharrer

Das Fuuschtbrot ist weder Fastfood noch Festessen. Man muss sich durchbeissen – und ist danach so richtig schön satt. Die Zähne durchdringe zwei dicke Scheiben frischgebackenes Holzofenbrot. Dann erreichen sie durch eine Butterschicht das Zentrum des Fuuschtbrots: Es besteht zum Beispiel aus mehreren Schichten dünn geschnittener Salami, zubereitet aus luftgetrocknetem Fleisch vom Wollschwein und vom Angusrind. Oder aus Käse. Oder aus einer veganen Gemüsemischung.

Andi Lieberherr weiss genau, woher die Zutaten kommen: «Alles vom eigenen Hof», sagt der Geschäftsführer der Agrovision Burgrain AG, die im luzernischen Alberswil einen grossen Bio-Bauernhof betreibt. Bislang belieferte der Hof laut Lieberherr 110 Läden in der Innerschweiz. Seit gestern ist mit Fuuschtbrot ein eigener Laden in der Zürcher Altstadt hinzugekommen, direkt am Limmatufer an der Wühre. Sein Angebot besteht aus Produkten direkt vom Bauernhof. Kerngeschäft sollen die Fuuschtbrote werden.

Essen und Trinken direkt vom Bauern aus der Umgebung – und das mitten in der Stadt: Diese Geschäftsidee greift derzeit in Zürich um sich. So stattete die Genossenschaft Kalkbreite ihre kürzlich eröffnete Siedlung mit einer Filiale des Bachser Märt aus. Unter anderem wird dort Milch von einem Bio-Demeter-Hof im Offenausschank verkauft, nebst anderen landwirtschaftlichen Produkten aus dem Zürcher Unterland.

Ein weiteres Beispiel: In der Viadukt-Markthalle im Zürcher Kreis 5 nahm Flurin Conradin Anfang September einen Milch-Automaten in Betrieb. Unter dem Namen «Stadtmilch» verkauft er dort Milch, die von einem Bauernbetrieb in Rüschlikon täglich geliefert wird. «Das Geschäft ist gut angelaufen», sagt Conradin. «Wir haben am Viadukt-Fest, wo vor allem Bier getrunken wird, 60 Liter Milch ausgeschenkt.»

Wie die Stadtmilch im Alltag laufe, lasse sich noch nicht genau sagen. Der Grund: Es gab Lieferengpässe bei den nachfüllbaren Flaschen. Doch Conradin ist überzeugt, dass Produkte, die direkt vom Bauernhof stammen, in der Stadt im Kommen sind. «Die Leute werden umweltbewusster. Kurze Transportwege und das Abfüllen in nachfüllbare Flaschen liegen ihnen am Herzen.»

Auf das Bedürfnis nach kurzen Transportwegen und Kenntnis der Nahrungsherkunft setzt auch der unlängst lancierte Stadtjäger. Die Wurst der Stadt, wie die Macher ihr Produkt nennen, entsteht zu hundert Prozent aus dem Fleisch von Bio-Stadtschweinen des Waidhofs am Stadtrand in Zürich Seebach. Verkauft wird der Stadtjäger in diversen Zürcher Spezialitätenläden und Restaurants.

«Neues Essbewusstsein»

Die Beispiele belegen einen Trend, den auch die Forscher des Migros-nahen Gottlieb Duttweiler Instituts festgestellt haben. In ihrem jüngsten «European Food Trends Report» schreiben sie vom «Beginn eines neuen Essbewusstseins»: «Wer über sein Essen Bescheid weiss, gewinnt an Status», heisst es da.

Fuuschtbrot-Macher Andi Lieberherr sieht es prosaischer: «Je mehr Lebensmittelskandale und Fastfood-Wellen es gibt, umso mehr wollen die Leute wissen, woher das Essen kommt.» Einfach sei das Geschäft deswegen für seinesgleichen aber noch lange nicht: «Auf dem Markt wird einem nichts geschenkt. Wir müssen hart arbeiten. Erst, wenn wir eine Stammkundschaft haben, läufts. Da bin nach 15 Jahren in der Bioszene Realist.»