Zürich

Alles läuft rund – man steht trotzdem

Hardbrücke im Feierabendstau

Hardbrücke im Feierabendstau

Sie ist die längste, die älteste und die Buslinie mit den meisten Haltestellen: die Linie 33. Manche Chauffeure hassen sie, andere lieben sie. Eine Fahrt über die Hadbrücke

Manche Chauffeure hassen sie wegen ihrer Länge und dem Nadelöhr auf der Hardbrücke. Andere lieben sie, weil sie so abwechslungsreich ist und die Arbeitszeit rasch vergeht, weil man den Kurs pro Schicht bloss drei Mal und nicht wie auf anderen 15 Mal fahren muss. René Kleiner gehört zur zweiten Gruppe.

«So geht es immer»

Es ist 18.45 Uhr, Schichtwechsel am Albisriederplatz. Chauffeure steigen aus, recken sich, begrüssen Kollegen, lachen. René Kleiner steigt in den Trolleybus, wünscht einen guten Abend, steuert ihn aus der Haltenische, fährt los, stockt, hält. Fährt wieder los, stockt, hält. «So geht es immer», sagt er. Wer zwischen sechzehn und zwanzig Uhr über die Hardbrücke fahre, müsse damit rechnen, sein Geld stehend anstatt fahrend zu verdienen und sich immer mal wieder von Passagieren anschimpfen zu lassen, «die eine halbe Stunde auf einen Bus warten, um dann nach zwei Stationen wieder auszusteigen». Seit die Hardbrücke saniert wird und eine Busspur fehlt, sei die Fahrt über die Brücke noch mühsamer geworden.

Mitte November wird die westliche Seite der Brücke fertig saniert und wieder durchgehend befahrbar sein. Die 100 neuen Veloabstellplätze bei der Bushaltestelle Bahnhof Hardbrücke sind bereits zu einem Drittel gefüllt und das Trottoir auf der westlichen Brückenseite lädt dazu ein, den Bahnhof zu Fuss vorbei an den stehenden Kolonnen zu erreichen. Bei der Stadt ist man zufrieden mit dem Gang der Bauarbeiten, die Sanierung verläuft planmässig und dauert, so der weitere Zeitplan eingehalten werden kann, noch ein Jahr.

Alles läuft rund - man steht aber trotzdem: Eine Videofahrt über die Hardbrücke

Fahrt über die Hardbrück

Was sagt man bei den VBZ, den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich, die stark von der Baustelle betroffen sind, nach Ende der ersten Etappe? Mediensprecher Andreas Uhl gerät ins Schwärmen, wenn er von der Baustelle erzählt. Und meint es nicht ironisch. «Nehmen Sie die Einfahrt in die Rosengartenstrasse», sagt er und lobt das Pförtnersystem, das den Bussen der Linie 33 erlaubt, jederzeit und mühelos einzumünden, wenn sie vom Bahnhof Wipkingen her kommend in die Rosengartenstrasse einmünden. Dass man dann je nach Verkehrslage minutenlang in der Kolonne steht, ist ein anderes Problem, habe aber, so Uhl, nichts mit der gegenwärtigen Baustelle, sondern vielmehr damit zu tun, «dass wir auf der Hardbrücke seit jeher Theater haben». Will heissen, dass die Region auch in baustellenlosen Zeiten, wenn die Busse auf eigenen Spuren fahren können, eine schwierige ist.

«Kein Grund, sich aufzuregen»

Wagen an Wagen staut sich der Verkehr auf der Brücke. Leuchtreklamen auf der linken, Zürichs Innenstadt by Night auf der rechten Seite, urban die Stimmung, genügend Zeit, diese zu geniessen. Zeit auch, Telefonaten zu lauschen. Jemand ruft jemanden an, um zu sagen, dass er verspätet ist. Jemand lässt jemanden wissen, dass sie zu einer Veranstaltung unterwegs ist, an die sei eigentlich gar nicht gehen möchte. An der Haltestelle Rosengartenstrasse steht auf dem Display neben dem Chauffeur «-4.00»: Vier Minuten Verspätung auf einer Strecke, für die der Fahrplan eine Fahrzeit von fünf Minuten angibt. «Normal», sagt Chauffeur Kleiner, «kein Grund, sich aufzuregen.» Mühsam werde es, wenn auch beim Schaffhauserplatz ein «Puff» sei und die Verspätung an der Endstation, nach 14.8 Kilometern und 40 Haltestellen, beim Bahnhof Tiefenbrunnen so gross sei, dass dem Chauffeur keine Pause und keine Möglichkeit bleibe, sich die Füsse zu vertreten oder zur Toilette zu gehen.

Zehn von 14 Bussen sind verspätet

Tägliche Verspätungen auf gewissen Strecken sind für Andreas Uhl «eine Realität», mit der man – Baustellen hin oder her – auch in Zukunft wird leben müssen. Die VBZ-Statistik zeigt, dass auf der Linie 33, zehn der vierzehn Fahrzeuge, die in Spitzenzeiten im Einsatz stehen, verspätet sind. Täglich werden darum Busse gewendet, bevor sie ihre Endstation im Morgental oder beim Bahnhof Tiefenbrunnen erreicht haben.

Für René Kleiner läuft es gut, der Verkehr fliesst über den Schaffhauserplatz, kaum jemand steigt ein, kaum jemand aus, bei der Kirche Fluntern hat er einen Teil der Verspätung aufgeholt. «Mal schauen, was der Abend noch bringt», sagt er. Nach Feierabend um 23.15 Uhr fährt er im Zug heimwärts in den Aargau, nach Döttingen. Gekommen ist er wie so oft mit dem Velo. «Da weisst du, wie lange du brauchst, um pünktlich zur Arbeit zu kommen.»

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