Zürich
Alkoholprävention im Bus: «Was macht ihr eigentlich hier?»

Der ehemalige Flora-Dora-Bus steht mit einem neuen Namen wieder in Zürich – auch seine Funktion hat sich gewandelt. Beim Pilotprojekt geht es um Alkoholprävention.

Lina Giusto
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"Ein Bus" ist das neue Projekt des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Der frühere "Flora Dora"-Bus steht am Freitag jeweils beim Platzspitz vor dem Landesmuseum in Zürich, wo sich die Mitarbeitenden vor allem der Drogen- und Alkoholprävention verschrieben haben.
23 Bilder
Raimund Horn (rechts im Bild) ist der Initiant des Pilotprojektes und Leiter des Treffpunktes t-alk in Zürich.
Besuch beim "Ein Bus"-Projekt auf dem Platzspitz
Am Dienstag und Donnerstag steht er auf der Bäckeranlage. Dort bietet er Menschen am Rande der Gesellschaft die Möglichkeit, ein Grundangebot der Überlebenshilfe und Beratungen zu nutzen.
Der Bus ist mit dem notwendigsten ausgestattet: Sitzplätze, Kaffee und Tee, Wasserkocher, Desinfektionsmittel - alles was man während einer Beratung auf die Schnelle benötigt.
Sozialarbeiterin Anja Cerrito baut eine Info-Stele vor dem Bus auf.
Dann folgt der Aufbau des Alk-Checks.
Raimund Horn wartet bereits mit dem Alkoholmessgerät vor dem Bus auf Interessierte.
Der weisse Bus mit seiner orangen Aufschrift sorgt bei den Passanten für Aufmerksamkeit.
Die Gruppe nähert sich und fragt, was der Bus auf dem Platzspitz macht.
Mit der Alkoholbrille sehen Jugendliche ihre Umwelt, als wären sie im volltrunkenen Zustand.
Sie versuchen nacheinander die Jonglierbälle in den Eimer zu werfen - erfolglos.
Mindestens einen Meter trifft der junge Mann daneben.
Der junge Mann erzählt Horn, dass er in den vergangenen zwei Stunden zwei kleine Bier getrunken habe.
Das Messgerät bestätigt 0,3 Promille Alkoholgehalt im Blut des jungen Mannes.
Das wichtigste bei der Präventionsarbeit ist der Austausch und die Gespräche. Diese machen sichtlich Spass.
Horn erklärt dem jungen Mann wie lange es dauert, bis der Alkohol im Körper abgebaut ist.
Dann gibts eine Petflasche Kater-Wasser mit auf den Weg.
Die Sozialarbeiter von "Ein Bus" verteilen auch ein Handquiz zum Thema Alkohol und Konsum.
Eine Gruppe von Mädchen geht vorbei. Auf die Frage, ob sie schon etwas getrunken hätten, spazieren sie weiter.
Gegen neun Uhr räumen Horn, Alomari und Cerrito die Stelen und den Checkpoint zusammen.
Feierabend...
...nächsten Freitag stehen Horn und sein Team dann wieder auf dem Platzspitz und klären über Alkoholkonsum und seine Folgen auf.

"Ein Bus" ist das neue Projekt des Sozialdepartements der Stadt Zürich. Der frühere "Flora Dora"-Bus steht am Freitag jeweils beim Platzspitz vor dem Landesmuseum in Zürich, wo sich die Mitarbeitenden vor allem der Drogen- und Alkoholprävention verschrieben haben.

Sandra Ardizzone

Das Wochenende ist noch jung an diesem Freitagabend. Es ist kurz vor acht Uhr. Eine Gruppe Jugendlicher nähert sich dem Bus der Sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich. Auf dem Wagen prangt in orangen Lettern der Name «Ein Bus». Sein Standplatz an diesem Abend: der Platzspitz in Zürich. Direkt beim Neubau des Landesmuseums.

Nicht nur der weisse Bus sorgt für Aufmerksamkeit bei den sieben jungen Männern. Es sind die drei Menschen, die davor stehen: Raimund Horn, Initiant des Pilotprojektes und Leiter des Treffpunktes t-Alk in Zürich, hält einen Regenbogenschirm in der Hand. Anja Cerrito und Yahya Alomari haben ihre Kapuzen hochgezogen. Alle drei sind sie Sozialarbeiter und für die Alkohol- und Gewaltprävention unterwegs. Die nahende Gruppe ist vom bunten Eimer, der im Kies steht, angetan. Die Stellwand daneben, die mittels QR-Code auf die Aufklärungswebsite der Präventionsstelle der Stadt Zürich (checken
.ch) verweist, bemerken sie erst danach.

Brille simuliert einen Vollsuff

Es ist Alomari, der die jungen Männer anspricht: «Wollt ihr mal die Alkoholbrille ausprobieren?» Die Brille ist rot und eigentlich eine Taucherbrille. Die Gläser sind so geschliffen, dass sie einen volltrunkenen Zustand simulieren. Plötzlich hat der Platzspitz doppelt so viel Kies am Boden und dreimal so viele Bäume, während das Sichtfeld gerade noch halb so breit ist. Dass die Brille präpariert ist, wissen die Jugendlichen zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Noch scheu und unschlüssig, ob sie sich in ein Gespräch mit Alomari verwickeln lassen wollen, erkundigen sie sich, was es mit dieser Brille und dem Eimer auf sich habe. Wenige Minuten später: Gegröle. Der Grund: Einer der Jugendlichen, vielleicht 18 oder 19 Jahre alt, hat die Taucherbrille übergestreift. Seine Reaktion: «Wow, ich sehe alles doppelt.» Während er das sagt, schwankt sein Oberkörper leicht zur Seite. Er balanciert seine Haltung mit zwei Schritten aus. Die Arme ausgestreckt, als suchte er nach Halt. Alomari streckt ihm einen Jonglierball hin.

«Aufklären, sensibilisieren, so oft wiederholen, bis es in den Köpfen angekommen ist.»

Raimund Horn, Initiant des Pilotprojektes «Ein Bus»

Der Jugendliche versucht, danach zu greifen. Mit vorgebeugtem Oberkörper zielt er deutlich verlangsamt mit seiner Hand in Richtung Ball. Wie eine Trophäe hält er ihn, als er ihn endlich fasst. Es folgt der Wurf zum Eimer. Alomari schmunzelt, als der junge Mann fragt: «Hab ich getroffen?». Sichtlich erstaunt überzeugt er sich selber davon, dass von einem Treffer keine Rede sein kann. Wieder: Gegröle.

Überraschung beim Pusten

Währenddessen hat Sozialarbeiterin Cerrito zwei junge Frauen angesprochen. Sichtlich angeheitert lachen und schwatzen sie. Pro Nase kommen bei den beiden vier oder fünf Bier zusammen. «Wollt ihr mal einen Alkoholtest machen?», fragt Horn. Bevor die Frauen aber ins Gerät pusten, schätzen sie ihren Promillegehalt. Wohl durch die angeheiterte Stimmung vermuten sie ihn höher, als er ist. Auf dem digitalen Display des Alkoholtesters erscheint zuerst die Zahl 0,92. Bei der zweiten Frau ist der Alkoholgehalt im Blut tiefer: 0,7 Promille. Bevor sie weiterziehen, reicht ihnen Horn noch zwei PET-Flaschen Wasser. «Trinkt zwischendurch mal etwas Wasser», ruft er den lachenden Frauen noch nach.

Selten dauert ein Gespräch lange. Ein junger Mann mit roter Baseballmütze hat sich aus der Gruppe bei Alomari gelöst. Er fragt Horn, ob er auch mal dürfe. Er hält auch nicht hinterm Berg damit, dass er gerade eine Rum-Cola getrunken habe. Sein Pusteergebnis: 0,4 Promille. Der Mann jubelt: «Ich darf noch Auto fahren.» Horn lacht und sagt: «Trink zuerst noch Wasser, bevor du ins Auto steigst.» Er winkt ab und folgt seinen Kollegen, die sich schon einige Meter vom Bus entfernt haben. Unter dem Neubau des Landesmuseums suchen sie Schutz vor dem wieder einsetzenden Nieselregen.

Reden statt belehren

Nach dem lachenden und fragenden Durcheinander kehrt vor dem Bus Ruhe ein. Horn sagt: «Ich hätte nicht gedacht, dass heute was los ist.» Er deutet in Richtung der Regenwolken und spannt seinen Regenbogenschirm auf. Als die Sozialarbeiter um sieben Uhr auf dem Platz eintrafen, war er beinahe leer. Es regnete. Bei Sonnenschein und milden Temperaturen lädt der Platzspitz-Park zum Verweilen ein. Die Wiesen sind saftig grün. Die Bäume tragen ein volles Kleid aus Blättern und Blüten. Es herrscht eine friedliche Atmosphäre an diesem Abend. Für einen Moment durchbrechen ein paar zwitschernde Vögel die Stille.

Seit Anfang des Jahres ist Horn zusammen mit seinen Mitarbeitern im Bus unterwegs. Nicht mit irgendeinem Bus. In den 80er-Jahren wurde das Gefährt schon zur Aufklärung im Drogen- und Prostitutionsmilieu eingesetzt. Seit ein paar Wochen ist der Bus jeweils am Freitagabend für ein paar Stunden am Platzspitz stationiert. Dienstag- und Donnerstagnachmittag sind die Sozialarbeiter in der Bäckeranlage im Kreis 4 anzutreffen. Ihr Ziel: Alkohol- und Gewaltprävention. Sie sprechen Passanten an, stellen Fragen, verwickeln ihr Gegenüber unkompliziert und freundlich in ein Gespräch.

Wer nicht will, dem wünschen sie einen schönen Abend. Nie wirken die drei belehrend. Sie wählen ihre Zielpersonen bewusst aus. «Wenn jemand komplett betrunken ist, dann bringen unsere Inputs nichts. Die kommen ja gar nicht an», so Horn. «Je früher man auf das Thema Alkohol aufmerksam macht, desto grösser ist die Chance, jemanden zu erreichen.»

Prävention geht nicht immer

Die Zielgruppe von «Ein Bus» sind meist Jugendliche. Aber die drei Sozialarbeiter sprechen auch ältere Passanten an. «Wenn die nach dem Brillentest weiterlaufen und miteinander über das gerade Gesehene und Erlebte diskutieren, dann greift unsere Präventionsarbeit», so Horn. Besonders der Alkoholtest sorge regelmässig für Überraschung, ergänzt Alomari. «Darf ich jetzt noch Autofahren?», sei anschliessend die am häufigsten gestellte Frage. Alkohol sei natürlich gesellschaftlich anerkannt. «Viele wissen nicht, wie viel Promille sie nach einem oder zwei Bier haben», so Alomari.

Die rote Baseballmütze steht wieder da. Er spricht Cerrito zögerlich an: «Was macht ihr eigentlich genau hier?» Die ehemalige Pflegerin erklärt ihre Präsenz. Der Jugendliche wisse, was zu tun sei, wenn es jemandem schlecht gehe. Er habe seinen Kollegen gerade in Seitenlage gebracht, seine Freunde hätten nun ein Auge auf ihn, während er zur Toilette müsse. Die Sozialarbeiter tauschen Blicke aus.

Cerrito läuft los, Alomari holt zwei Flaschen Wasser und folgt ihr. Horn sagt, es sei in Ordnung, nach dem Rechten zu sehen: «Aber genau das ist die Grenze der Präventionsarbeit.» Natürlich haben die drei ein Auge darauf, wie es den Jugendlichen geht. Wenn notwendig, rufe man die Polizei oder die Ambulanz. «Das hat nichts mit Prävention zu tun. Das ist reine Zivilcourage», sagt Horn. Cerrito und Alomari kehren zurück. Der Jugendliche habe sich übergeben, sei ansprechbar. «Er soll Wasser trinken, hab ich ihm gesagt», so Cerrito.

Immer die gleichen Fragen

Drei junge Frauen spazieren am Bus vorbei. Sie schauen neugierig. Getrunken hätten sie noch nichts, antworten sie Horn und gehen weiter. Dabei kreuzen sie zwei junge Männer. Wieder ist es Horn, der sie anspricht. Sie bleiben stehen, lassen sich erklären was hier passiert. «Ich habe heute Nachmittag ein Bier getrunken, aber wahrscheinlich noch Restalkohol von gestern Nacht im Blut», sagt der junge Mann. Der Test zeigt 0 Promille im Blut.

Die Fragen und Antworten zwischen den Sozialarbeitern und den Passanten scheinen die immer gleichen. Gerade das sei Prävention, sind sich alle einig: «Aufklären, sensibilisieren, so oft wiederholen, bis es in den Köpfen angekommen ist», sagt Horn schliesslich. Die beiden jungen Männer verabschieden sich, diskutieren beim Weitergehen angeregt, gestikulieren, bleiben stehen und stecken die Köpfe zusammen, bevor sie den Platzspitz Richtung Bahnhof verlassen.

Mittlerweile ist es kurz vor neun Uhr. Es dämmert, die Regenwolken werden wieder dunkler. Einige wenige Jugendliche befinden sich im Pavillon in der Mitte des Platzspitz-Parks. «Wir packen zusammen», sagt Horn. «Nächste Woche ist wieder Freitag.»