Quartiersicherheit
Alexandra Heeb: «Ich fühle mich von den Leuten sehr gut akzeptiert»

Vor sechs Monaten hat Alexandra Heeb die Nachfolge von Mister Langstrasse Rolf Vieli angetreten. Ihr Arbeitsfeld ist nich mehr nur die Langstrasse, sondern alle Stadtquartiere. Die Aargauerin organisiert und moderiert mit viel Engagement.

Thomas Schraner
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«Ich fühle mich von den Leuten sehr gut akzeptiert», bilanziert Alexandra Heeb ihr erstes Halbjahr. Marc Dahinden

«Ich fühle mich von den Leuten sehr gut akzeptiert», bilanziert Alexandra Heeb ihr erstes Halbjahr. Marc Dahinden

Von Rolf Vieli, dem stadtbekannten Mister Langstrasse, der vor einem Jahr in Pension ging, hat Alexandra Heeb Büro, Computer, Pult und Sessel übernommen. Das Jobprofil, Troubleshooter für die Langstrasse, hat ihr Chef, Stadtrat Daniel Leupi (Grüne) aber geändert. Vielis Nachfolgerin ist nicht mehr nur zuständig für die Langstrasse, sondern für alle Stadtquartiere.

Alles hat sich deswegen in der Praxis aber nicht geändert, wie die smarte 36-jährige Aargauerin an ihrem Amtssitz in der UraniaWache erläutert. «Die Langstrasse nimmt noch immer rund die Hälfte meiner Arbeitszeit in Beschlag.» Obwohl sich die Verhältnisse dort in den letzten Jahren nicht nur in ihren Augen stark gebessert haben, gibt es in diesem bunten sozialen Biotop noch immer Konflikte zuhauf: zwischen Quartierbewohnern, Yuppies, Prostituierten, Freiern, Gewerbetreibenden, Besitzern von Läden, Bars und Beizen.

Moderieren und zuhören

Heebs Aufgabe ist es, die Konfliktparteien an einen Tisch zu bringen, Gespräche zu moderieren, zuzuhören, Vorschläge zu machen, Lösungen auszuhandeln und umzusetzen. «Ich versuche, die Betroffenen zu Beteiligten zu machen», beschreibt sie ihre Arbeitsweise. «Dies nimmt den Leuten die Ohnmachtsgefühle und gibt ihnen Kraft und Energie.»

Alexandra Heeb ist zwar noch längst nicht so bekannt wie der ehemalige Mister Langstrasse, aber sie geht ihre Aufgabe mit ebenso viel Engagement und genauso lustvoll an. Was treibt sie an? «Ich habe ein ernsthaftes Interesse an den Menschen – auch schräge Vögel empfinde ich oft als Bereicherung.» Ist ein Mensch mit so viel Temperament und Tempo nicht ungeduldig? «Doch, aber vor allem gegenüber mir selber.» Für andere nehme sie sich gerne genügend Zeit, «weil ich weiss, dass es bei schwierigen Konflikten nur so gelingen kann, zu Lösungen zu kommen».

Drehscheibe für Konfliktbeteiligte

Zum Einsatz kam Alexandra Heeb zum Beispiel im Vorfeld der Abstimmung zu den Sexboxen in Altstetten. Für die Anwohner des Sihlquais, die unter den Folgen des Strassenstrichs leiden, organisierte und moderierte sie eine Informationsveranstaltung. Die Botschaft: Wir müssen diesen Sommer nochmals mit den Auswirkungen des Strassenstrichs leben, auch wenn das Volk Ja zu den Boxen sagt. Aber – so die Botschaft weiter – die Stadtverwaltung unternimmt alles, um die Immissionen tief zu halten.

Polizei, Reinigungsdienste und andere Verwaltungsabteilungen standen der Bevölkerung Rede und Antwort. An vorderster Front managte Alexandra Heeb im letzten Winter auch den Konflikt zwischen der Stadt, der Occupy-Bewegung und der Bevölkerung. «Ich fungierte als Drehscheibe für die Konfliktbeteiligten, alle Kontakte liefen über mich.» Dass man ständig im Dialog gestanden sei, habe die Situation beruhigt. «Ich glaube, ich konnte dazu beitragen, dass die Sache nicht eskalierte.» Den Räumungsentscheid der Stadtpolizei habe sie den Occupy-Leuten persönlich überbracht.

Über Bern nach Zürich

Alexandra Heeb ist im Freiamt aufgewachsen und lebt seit zehn Jahren in Zürich, die letzten drei Jahre in der Nähe der Langstrasse, wo es ihr bestens gefalle. Kontakt zur Stadt Zürich habe sie in der Jugend kaum gehabt, aber immer davon geträumt, später einmal in der Stadt zu leben. Für das Studium, Betriebswirtschaft und Philosophie zog sie nach Bern, weil in Zürich diese seltene Fächerkombination nicht möglich war. Nach dem Studium erhielt sie im Zürcher Sozialdepartement einen Job als Controllerin und übernahm später ein Fanarbeits-Projekt mit dem FCZ und GC. Hier habe sie nützliche Erfahrungen für den heutigen Job gesammelt.

Nächste Station war erneut Bern. Dort arbeitete sie als geschäftsführende Sekretärin der Finanzkommission des Berner Kantonsparlamentes. Gelernt habe sie dabei, wie man politische Konsense aushandle, wovon sie heute ebenfalls profitiere. Selber habe sie sich seit dem Studium nicht mehr aktiv politisch betätigt – trotz Mitgliedschaft bei den Grünen.

An ihrem letzten Job in Bern erreichte sie die Einladung aus Zürich, sich für den Job als Nachfolgerin von Rolf Vieli zu bewerben. Sie tat es und erhielt den Posten. Alexandra Heeb glaubt nicht, dass es ihr bei der Bewerbung genützt hat, dasselbe Parteibuch wie Polizeivorsteher Leupi zu haben. «Ich kannte ihn vorher kaum persönlich.» Zudem sei sie unideologisch und bei ihrer Arbeit gehe es um die Sache, weshalb die Parteizugehörigkeit keine Rolle spiele.

Keine «Polizistin» auf der Gasse

Im Büro auf der Urania-Wache mit Blick auf die Limmat und das Niederdorf verbringt Alexandra Heeb den kleinsten Teil ihrer Arbeitszeit – rund einen Drittel. Den Rest sei sie unterwegs an Sitzungen, Gesprächen oder Besichtigungsterminen, wo es mit Quartiervertretern, Gewerblern oder Bürgergruppen eine Lösung für ein Problem zu finden gilt. Selber als «Polizistin» auf der Gasse in Konflikte einzugreifen, ist nicht ihre Aufgabe. «Meine Funktion ist es, das Zusammenwirken der Konfliktparteien zu organisieren, nicht auf der Strasse Streit zu schlichten.» Dafür gebe es die Polizei und die Interventionstruppe SIP.

«Ich fühle mich von den Leuten sehr gut akzeptiert», bilanziert Alexandra Heeb ihr erstes Halbjahr. Nach Vielis Pensionierung sei die Angst im Langstrassenquartier gross gewesen, es gebe einen Rückfall in alte Zeiten. «Davon habe ich bis jetzt nichts mehr gehört.» Dafür werde sie fast täglich auf ein neues Problem angesprochen: Die Yuppisierung, die Verdrängung der Alteingesessenen durch Gutsituierte, teure Läden und Mittelstandsfamilien.

Dieses Problem wird ihrer Meinung nach übertrieben. Sie belegt dies mit der Zahl der Betreibungen, die im Kreis Cheib mit 60 Prozent immer noch doppelt so hoch ist wie im städtischen Durchschnitt. «Ich glaube nicht an die Seefeldisierung an der Langstrasse. Es gibt hier immer noch viele Leute, denen es nicht so gut geht.»