Diese Botschaft an diesem Ort – das ist politisch etwa so korrekt wie eine McDonald’s-Filiale mitten in Havanna. Ausgerechnet hier, am Graben der Seebahnschlaufe zwischen den Stadtkreisen 3 und 4, wo die Bevölkerung vor vier Jahren mit fast nordkoreanisch anmutenden Mehrheiten den Atomausstieg beschlossen hat. Man muss die Botschaft schon zweimal lesen, bis man sie ohne jeden Zweifel erfasst hat. Tatsächlich: Was da in grossen, programmatischen Lettern auf einer Backsteinfassade prangt, ist eine Liebeserklärung an den Atomstrom. «Die Bewohner dieses Hauses sind freie Bürger», steht da. «Sie brauchen so viel Strom, wie sie brauchen.» Gezeichnet von den «Naturfreunden für Atomstrom».

Sein Fazit: Alles halb so wild

Der Besitzer des Hauses ist gerade erst von einer speziellen Mission zurückgekommen. Er war in Fukushima. Alex Baur (51) arbeitet als Journalist für die «Weltwoche» und durfte als einer der ersten Berichterstatter die Ruinen der zerstörten Reaktorblocks von ganz nah besichtigen, im Schutzanzug und hinter einer Gasmaske. Sein Fazit: Alles halb so wild.

In seiner Reportage, die gestern erschienen ist, schreibt er über die Gelassenheit, die in der verstrahlten Zone herrsche. Und vom Paradox, dass sich die Menschen umso panischer verhielten, je weiter sie von der Strahlenquelle entfernt seien. Am schlimmsten sei es am anderen Ende der Welt, in der Schweiz und in Deutschland.

Zu Hause in Zürich ging ihm die «Atomhysterie» irgendwann derart auf den Wecker, dass er beschloss, einen Kontrapunkt zu setzen. «Normalerweise halte ich mich als Journalist zurück, aber mich nerven diese blöden Bekenntnisse zur 2000-Watt-Gesellschaft, denen hier niemand widerspricht», sagt er. «Wenn alle wie gleichgeschaltet daherreden, wird es mir unheimlich.»

Auf dem Weg zur Arbeit fährt er mit dem Velo immer wieder an einer neuen Siedlung vorbei, an deren Fassade ein überdimensionaler Vertrag angebracht ist. Die Bewohner geloben dem «Rest der Welt», ihren Energieverbrauch auf 2000 Watt zu reduzieren. Dieses öffentliche Bekenntnis wurde zur direkten Blaupause für jenes auf Baurs Haus. «Wir brauchen so viel Strom, wie wir brauchen» – bei genauerem Hinsehen ist das ein doppeldeutiger Satz.

Ein wenig klingt das sogar nach Selbstbeschränkung, nach dem Mythos vom edlen Wilden, der sich nur so viel aus der Natur nimmt, wie er zum Leben braucht. Baur stellt deshalb klar, dass es ihm um das Gegenteil von Selbstbeschränkung geht: Das Angebot müsse sich nach der Nachfrage richten, und in einer hoch technisierten Gesellschaft bedeute das nun mal, dass man immer mehr Strom brauche. «Wenn wir deswegen ein CO2-Problem haben, dann müssen wir das CO2 bekämpfen. Und die Lösung heisst Kernenergie.»

Bei Baur bleibt das kein blosses Lippenbekenntnis, das bekam auch das Zürcher Elektrizitätswerk zu spüren. Als er und die anderen Bewohner des Hauses, lauter Freunde und Kollegen, feststellten, dass ihnen die Stadt standardmässig Naturstrom andrehen wollte, reagierten sie prompt mit einem Extrawunsch: Für uns bitte nur Atomstrom pur! «Das bekamen wir dann allerdings nicht», sagt Baur und muss lachen bei der Erinnerung. Atomstrom bekomme man in Zürich nur gemischt mit solchem aus Wasserkraft, und das sei auch sinnvoll so.

Der 51-Jährige bringt seine Botschaft mit Humor rüber, nicht wie ein missionarischer Eiferer. Nur in seinem journalistischen Œuvre, das Dutzende Artikel zum Thema umfasst, setzt er bisweilen auf den rhetorischen Trick alttestamentarisch anmutender Zahlenmagie: «Zehn Gründe für neue AKW» hat er etwa schon in die Welt hinausgetragen oder «Die zehn Lebenslügen der Ökolobby». Zum Teil musste er dies gegen den Widerstand von «Weltwoche»-Chef Roger Köppel tun, dem das Thema angeblich zu wenig sexy ist.

Schon früh im Bann des Atoms

Im Aargau aufgewachsen, geriet Baur schon früh in den Bann des Atoms – ursprünglich aber eher von links kommend. Als Gymnasiast pilgerte er in den Siebzigerjahren an die Anti-AKW-Demos in Gösgen. «Ich ging mehr wegen des Happenings, aber seit damals verfolgt mich das Thema», sagt Baur. Sein Stiefvater, als Physiker ein mit gnadenlosem Fachwissen argumentierender Verfechter der Kernspaltung, trieb dem Jüngling die Flausen aus.

Ein Linker ist Baur längst nicht mehr. Er gehört zwar keiner Partei an, bezeichnet sich aber als «erzliberal – und wahrscheinlich ziemlich ökologisch». Als er kürzlich den anderen Bewohnern seines Hauses den Vorschlag mit der Atomstrom-Botschaft machte, waren alle einverstanden. Alle bis auf eine: Ausgerechnet seine Frau war besorgt. Man könne ja nicht wissen, wie die Leute im Quartier reagieren würden. Sie reagierten bislang vor allem irritiert. Ziel erreicht.