Gerade ist Mittagszeit. Und auf der Rathausbrücke treffen sich Studenten, Businessleute und Beamte zum Lunch, beissen in ihre Burger, stochern in ihren Take-away-Boxen rum. Kein einfacher Anblick für die acht Männer und Frauen, welche gleich daneben in einem Zelt sitzen, körperlich geschwächt von den vergangenen Tagen. «Hungerstreik» steht auf ihren weissen Übergewändern. Seit Montagmorgen haben sie nichts mehr gegessen.

Ein wenig absurd wirkt darum die Szenerie mit fünf Mittdreissigern, welche keine zwei Meter daneben gerade ihre Schnitzelbrote auspacken und dabei auf dem grossen schwarzen Banner sitzen, das da auf der Bank liegt und den Grund für den Hungerstreik verrät: «100 Jahre Völkermord an den christlichen Suryoye im Osmanischen Reich» steht darauf.

Im Schatten der Armenier

Was kaum einer weiss: Im Jahr 1915 begingen osmanische Truppen nicht nur Völkermord an den Armeniern – auch unzählige Suryoye starben bei Massakern. 300'000, schätzen Historiker. «Suryoye» ist der Überbegriff für christliche Ethnien im Nahen Osten, für die Aramäer, Assyrer und Chaldäer. Heute leben sie verteilt in Ländern wie Syrien, Irak, Iran, Libanon, Türkei.

Die Verstreuung mag mit ein Grund sein, weshalb die Massaker bis anhin kaum in der Öffentlichkeit bekannt sind. Nun aber nutzt die Gemeinschaft das 100-Jahr-Jubiläum, um darauf aufmerksam zu machen – während die Verfolgung in Syrien gleichzeitig für Gesprächsstoff sorgt, unter anderem auch wegen Suryoye-Kämpfern aus der Schweiz.

«Wir sind der Ausrottung und der Vertreibung ausgesetzt. Diesmal vom Islamischen Staat, früher vom Osmanischen Reich», sagt Musa Konutgan. Konutgan gehört dem Schweizer Ableger der European Syriac Organisation an, die den Hungerstreik auf der Rathausbrücke organisiert hat. Er fordert: «Die Türkei muss diesen Genozid anerkennen!» Dies gehe aber nicht ohne Druck von aussen.

In der Schweiz anerkannte der Nationalrat 2003 zwar den Völkermord an den Armeniern, lehnte aber gleichzeitig eine Motion ab, welche den Bundesrat damit beauftragen wollte, bei der UNO die Anerkennung des Genozids am Suryoye-Volk zu beantragen. Mit dem Einbringen einer UNO-Resolution stünde die Schweiz isoliert da, hatte der Bundesrat eingewendet.

Mittlerweile hat die Debatte aber neuen Schwung erhalten: Erst letzthin hat der Papst die Massaker an den Suryoye als «Völkermord» bezeichnet, seit Mittwoch anerkennt ihn auch Österreich offiziell. Seit zwei Jahren gibts zudem die «Parlamentarische Gruppe Schweiz-Suryoye».

Rund 1500 Suryoye leben in der Schweiz. Nun hoffen sie, dass sie die Schweiz dazu bewegen können, das Massaker an ihren Vorfahren als Genozid anzuerkennen. Darum hungert auch der 15-jährige Gabriel Sagur seit Montag. «Natürlich habe ich Hunger, aber im Vergleich zu dem, was meine Vorfahren erlebt haben und meine Verwandten momentan in Syrien, ist das nichts», sagt er.

Auch für die 47-jährige Lamha Celik ist das Hungern «nichts gegenüber den Entbehrungen unseres Volks». Von Tee mit Zucker ernährt sie sich momentan. Wichtig sei auch heisses Wasser mit Zitronenschnitzen und Salz, «für den Blutdruck». Von zehn Uhr morgens bis neun Uhr abends verharren Gabriel Saghur und Lamha Celik jeweils im Zelt. Eigentlich wollten sie darin auch schlafen, doch dafür gabs keine Bewilligung. Stattdessen steht das Zelt jeden Tag an einem anderen Ort.

Gestern war auf dem Zeughausareal nach hundert Stunden hungern Schluss. Denn heute geht es nach Bern, wo die Suryoye zusammen mit den Armeniern und den Pontosgriechen weiterdemonstrieren.