Interview
Aida Kalamujic: «Viele haben Angst vor dem Altersheim»

Älteren Migranten drohe zunehmend Isolation und Vereinsamung. Das Bild der starken Familienbande stimme heute kaum noch, sagt Aida Kalamujic, die das Projekt AltuM initiiert hat.

Heinz Zürcher
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Landbote

Frau Kalamujic, wozu braucht es Ihr Angebot? Mit der Pensionierung gehen doch viele Migranten in ihre Heimat zurück.

Aida Kalamujic: Das ist eben nicht mehr so. Laut Studien geht ein Drittel der Migranten zurück in die Heimat, bleibt ein Drittel hier und pendelt ein Drittel. Der Anteil derer, die in der Schweiz bleiben, wächst jedoch.

Wieso?

Viele bleiben aus finanziellen oder gesundheitlichen Gründen in der Schweiz. Mit ihrer AHV kommen sie in ihrer Heimat nicht durch. Zusatzleistungen erhalten sie keine. Gleichzeitig sind auch dort die Kosten für Lebensunterhalt und Gesundheitsversorgung gestiegen.

Sind das die einzigen Gründe?

Immer mehr wollen auch gar nicht zurück. Sie sind traumatisiert vom Krieg oder Gefängnis, haben dort alles verloren – auch das soziale Netz. In der Schweiz haben sie etwas geleistet, sich eine Wohnung oder ein Haus gekauft, eine Familie gegründet ...

... die sich später um sie kümmern wird.

Das trifft eben je länger, je weniger zu. Das Bild der starken Familienbande mit engen sozialen Verbindungen stimmt kaum noch. Ihre Kinder haben eine eigene Familie gegründet, auch die Töchter bleiben nach der Heirat berufstätig. Ihnen fehlt die Zeit, sich um die Eltern zu kümmern. Natürlich trifft man sich, feiert Feste, hilft sich da und dort. Doch wenn der Pflegebedarf zunimmt, stossen sie an ihre Grenzen. Das Problem verschärft sich, wenn ein Elternteil stirbt. Dann drohen Isolation, Vereinsamung, Depression.

Das ist bei älteren Schweizern nicht anders.

Das mag sein. Aber im Gegensatz zu Schweizer Seniorinnen und Senioren haben viele ältere Migrantinnen und Migranten sprachliche Probleme, kennen die Angebote gar nicht. Sie haben ihr Leben lang gearbeitet, die Sprachkenntnisse aber vernachlässigt und sich nie richtig integriert. Manche fühlen sich nun zu alt dazu. Wir wollen ihnen Mut machen und zeigen, dass es dazu nicht zu spät ist – mit Hilfe zur Selbsthilfe.

Dabei werden Sie von Freiwilligen unterstützt.

Wir nennen sie Schlüsselpersonen. Sie sind sowohl mit den Schweizer Verhältnissen als auch mit dem kulturellen Hintergrund der Migranten vertraut und werden in Kursen der Pro Senectute speziell geschult.

Der AltuM-Café-Treff findet jeweils im Alterszentrum Limmat in Zürich statt. Zufall?

Nein. Viele ältere Migranten haben Angst vor dem Altersheim, wollen es nicht mal besichtigen. In manchen Ländern gilt es als Schande, ins Altersheim zu gehen. In diesen Kulturen ist es ein Ort für Leute, die ohne Familie sind oder von Sozialhilfe leben. Im Café-Treff spüren sie die Atmosphäre des Altersheims und bauen Vertrauen auf.

Den Artikel zum Interview lesen Sie hier.