Schweizerischer Städtetag
Agglomerationen im Wandel: Die Stadt wird zunehmend mit Stadt erweitert

Am schweizerischen Städtetag besuchen Politiker und Urbanisten die Stadt der Zukunft. Immer mehr Gemeinden um grössere Schweizer Städte haben die Tendenz zusammenzuwachsen. Die Glattalstadt macht es vor.

Matthias Scharrer
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Das Richtiquartier in Wallisellen gilt als Paradebeispiel neuen städtischen Bauens in der Agglomeration.

Das Richtiquartier in Wallisellen gilt als Paradebeispiel neuen städtischen Bauens in der Agglomeration.

Matthias Scharrer

Es ist ein schleichender Prozess, der sich in den letzten Jahren beschleunigt hat: Die Gemeinden um die grösseren Schweizer Städte wachsen zusammen. Zu beobachten ist dies im Glattal, im Limmattal, am Genfersee, um Bern, Basel, aber auch um Luzern und Zug. Ein immer grösserer Teil der Bevölkerung lebt in Agglomerationen. In Gebilden also, die weder Stadt noch Land sind; wo sich Gemeinden noch als eigenständig verstehen, aber nur schon aus Effizienzgründen vermehrt zusammenarbeiten. Etwas Neues entsteht. Nur: Wie ist es zu gestalten, damit nicht einfach ein gesichts- und seelenloser Siedlungsbrei wächst? Vertreter von Städten und Stadtforscher nahmen sich des Themas gestern am schweizerischen Städtetag an. Tagungsort war passenderweise eine Stadt, die es erst ansatzweise gibt: die Glattalstadt.

Glattalstadt als Vorbild

«Die Gemeinden im Limmattal sind prädestiniert, in gleicher Weise zusammenzuwachsen wie die Glattalstadt», sagt Bernhard Krismer, Präsident des Vereins Glow und Walliseller Gemeindepräsident.

«Wir sind in einer Stadt der Zukunft», sagte Kurt Fluri, Präsident des Schweizer Städteverbands und Solothurner Stapi, beim Konferenzauftakt in einem Flughafenhotel. Was die Vorstädte zwischen Dübendorf und Kloten zur Glattalstadt macht, ist die Glattalbahn, dessen ist sich Bernhard Krismer sicher. Der Walliseller Gemeindepräsident präsidiert den Verein Glow, in dem sich die Gemeinden der Glattalstadt zusammengeschlossen haben. Das Gebilde zählt 100 000 Einwohner und 120 000 Arbeitsplätze. «Es ist die Region mit der höchsten Zuwachsrate an Arbeitsplätzen in der Schweiz», betont Krismer. Er ist überzeugt: «Für die Leute gibts keine Grenze mehr zwischen Dübendorf, Wallisellen, Kloten und Opfikon.»

Ist die Glattalstadt ein Modell für andere Agglomerationen? Städteverbandspräsident Fluri bejaht: «Das Bassin Lémanique, die Agglomeration Basel-Stadt und die Hauptstadtregion Bern können sich an der Glattalstadt orientieren, wo von der Basis her gemeindeübergreifend seit Jahren zusammengearbeitet wird.»

Krismer erinnert sich: «Die Glattalbahn war das Kernprojekt. Entscheidend war, dass die Glattalgemeinden am gleichen Strick zogen. Danach arbeitete man vermehrt auch auf anderen Ebenen zusammen.» Er sieht die Glattalstadt auch als Modell für die Boomregion westlich von Zürich: «Mit der geplanten Limmattalbahn sind die Gemeinden im Limmattal prädestiniert, in gleicher Weise zusammenzuwachsen.»

Der Schlieremer Stadtrat Pierre Dalcher klingt weniger überzeugt, was das Entstehen einer Limmattalstadt betrifft: «Jetzt bauen wir erst einmal die Limmattalbahn.» Alles Weitere werde sich ergeben. Dalcher weist darauf hin, dass die Limmattaler Gemeinden schon jetzt zusammenspannen, nicht nur bei der Bahn, sondern beispielsweise auch bei der Polizeiarbeit.

Laut Stefan Kurath, Architekt und Professor an der Zürcher Fachhochschule, ist dies dringend nötig: «Die kritische Masse ist erreicht. Es ist an der Zeit, Gemeindegrenzen überschreitende Städteplanung zu betreiben.» Das gelte nicht nur für Verkehrsprojekte wie die Glattalbahn, sondern etwa auch für die Gestaltung von Gewässerufern.

Grosse Bauten mit viel Grün

Als Paradebeispiel für neue Agglomerationsgestaltung gilt das Richtiquartier zwischen dem Einkaufszentrum Glatt und dem Bahnhof Wallisellen. Vittorio Magnago Lampugnani, Professor für Städtebau an der ETH Zürich, hat es entworfen. Er setzt auf grosse, urbane Bauten und verbindet sie mit Grünflächen in den öffentlich zugänglichen Innenhöfen. Bäume spenden Schatten; Sitzbänke, ein Brunnen und ein Teich laden zum Verweilen ein. Im Richtiquartier, das via Glattalbahn und Bahnhof Wallisellen bestens erschlossen ist, verkehren kaum Autos, höchstens Lieferwagen mit Tempo 30. Die Strassen sind ein Ort für Flaneure, mit Läden und Restaurants unter Arkaden. Ein dreieckiger Platz inmitten des Quartiers dient als Treffpunkt. Sein Credo gab Lampugnani gestern auch den Teilnehmern des Städtetags mit auf den Weg: «Wir können die Stadt mit der Stadt erweitern.»