Herr Notz, hier im Cabaret Voltaire inmitten der Zürcher Altstadt wurde 1916 die Dada-Bewegung gegründet, durch Künstler, die vor dem Krieg geflohen waren und eine magische neue Kunstwelt schaffen wollten. 2016 wird das Cabaret Voltaire Zentrum des 100-Jahre-Dada-Jubiläums. Sehen Sie Gemeinsamkeiten zwischen 1916 und 2016?

Adrian Notz: Es gibt Ähnlichkeiten auf mehreren Ebenen. Zum einen: Vor 100 Jahren war Krieg. Heute sind wir wieder in einer Kriegssituation. Es ist zwar nicht so, dass der Krieg direkt an der Grenze wütet. Aber wenn man die Flüchtlingsströme und Isis sieht, ist das dennoch vergleichbar. Zum anderen: Hugo Ball, einer der Gründer des Dadaismus, hat schon 1913 gesagt, es herrsche ein Wirtschaftsfatalismus, und die Welt werde über ein völlig wissenschaftliches Verständnis definiert. Das ist eher schlimmer geworden.

Wieso schlimmer?

Weil heutzutage noch viel mehr über diese Management-Sprache definiert wird. Ein Wort hat nur Geltung, wenn es mit Zahlen belegbar ist. Um von der ganzen Welt aufs Cabaret Voltaire zu kommen: Auch da gibt es Ähnlichkeiten. Die Dadaisten hatten den Saal nur gemietet.

Sie hatten kein Geld und hofften, durch ihr Abendprogramm Geld zu verdienen. Wir haben auch wenig Geld zur Verfügung und müssen uns über eine Bar und einen Shop finanzieren. Und das ist toll, denn es zieht auch ganz andere Leute an als ein rein kunstinteressiertes Publikum. Die Leute, die 1916 das Cabaret Voltaire besuchten, kamen wahrscheinlich primär, um Bier zu trinken, Würste zu essen, Tänzerinnen zu sehen – und nicht, um Dadaisten über Kunst reden zu hören.

In diesem Umfeld mussten die Dadaisten sich behaupten. Wenn man sich auf der Bühne besoffenen Studenten aussetzt, muss man ziemlich gut sein. Das ist viel schwieriger, als vor einem Publikum aufzutreten, das gekommen ist, um einem zuzuhören.

War das mit ein Grund, warum Dada so dada wurde?

Das Einbeziehen des Publikums, diese Open-Stage-Situation, hat stark damit zu tun. Die Dadaisten wollten eine Künstlerkneipe, in der Künstler auf die Bühne kommen. Künstler und Publikum vermischten sich.

Heute hat das Cabaret Voltaire trotz Bar auch den Charakter einer musealen Institution. Geld ist zwar knapp, doch die Stadt bezahlt die Miete. Welche Zukunftsperspektive sehen Sie für dieses Haus?

Das hängt davon ab, wie der Zürcher Gemeinderat nächstes Jahr entscheidet. Die Stadt will künftig nicht nur die Miete bezahlen, sondern auch einen jährlichen Betriebsbeitrag von 150 000 Franken leisten. Das würde einiges
ändern.

Wäre die Finanzierung damit längerfristig gesichert?

Bis 2020. Das ist eine gewisse Sensation, denn wir haben zehn Jahre gebraucht, bis die Stadt überhaupt gewagt hat, das aufs Tapet zu bringen. Im Moment sind wir eigentlich eine Mehrzweckhalle, die einen guten Namen hat. Für mich als künstlerischen Leiter ist das wenig befriedigend, weil ich gerne ein künstlerisches Programm machen würde. Im Jubiläumsjahr versuchen wir aufzuzeigen, dass das geht.

Eigentlich erstaunlich: Dieses Haus, von dem 1916 eine weltweite Kunstbewegung ausging, das um 2000 fast zu einer Apotheke geworden wäre, dann 2002 besetzt und 2004 als Cabaret Voltaire wiedereröffnet wurde, ist heute finanziell immer noch in der Schwebe. Wie erklären Sie sich das?

Ich glaube, das ist vor allem eine Mentalitätsfrage, nicht spezifisch zürcherisch, sondern schweizerisch. Man hat Mühe, Sachen gross zu machen. Udo Jürgens kam mal mit dem österreichischen Fernsehen vorbei und sagte, wenn der Geburtsort von Dada in Wien wäre, wäre das eine Rieseninstitution. Das meine ich mit Mentalitätsfrage.

Liegt es auch am Zwingli-Geist?

Wahrscheinlich. Es ist schwierig, sich hier voll für Dada einzusetzen, weil Zwingli und die Reformation für alles steht, was nützlich ist. Nutzbarkeit und Wirtschaftlichkeit stehen im Zentrum. Die Dadaisten hingegen sagten, sie gäben sich orgiastisch dem Gegensatz all dessen hin, was nutzbar und brauchbar ist. Andererseits war die Entstehung von Dada wahrscheinlich nur in der Schweiz möglich.

Warum?

Weil es ein Ort war, wo man sich frei ausdrücken konnte. Das, was sich die SVP immer auf die Fahne schreibt – es ist sauber, sicher und ordentlich hier – ist die Situation, die es für einen Gebärsaal braucht; für einen Ort, wo man sich gehen lassen kann. In Paris oder in Berlin war das 1916 nicht möglich. Dort war die Situation viel lebensbedrohlicher. Zürich und die Schweiz haben diese Labor-Situation, den Freiraum geschaffen – für Immigranten. Die Dadaisten im Cabaret Voltaire waren ja Immigranten.

Wie wollen Sie dieses inzwischen 100 Jahre zurückliegende Geburtsereignis nächstes Jahr aktualisieren?

Wir haben 165 Dadaisten und Dadaistinnen gefunden, indem wir Listen verglichen, die die Dadaisten selber geführt haben, ausgehend von der Frage: Was ist Dada? Wir haben noch ein paar Überdadas wie Charlie Chaplin oder Albert Einstein dazugenommen, damit man besser versteht, in welcher Zeit sich das abspielte. Mit diesen 165 Dadaisten wollen wir vom 5. Februar bis
18. Juli 165 Feiertage feiern.

Was geschieht an diesen Feiertagen?

Ich werde für jeden dieser 165 Dadaisten morgens um halb sieben eine Art öffentliches Morgengebet abhalten. Und wir versuchen, jeden Abend eine Soirée zu veranstalten, wobei die Kunstbiennale Manifesta das Cabaret Voltaire im Juni für 40 Tage übernimmt. Zudem planen wir im Jubiläumsjahr eine Ausstellung mit dem Titel «Obsession Dada», zusammen mit Una Szeemann. Dabei laden wir rund 50 internationale Künstlerinnen und Künstler ein, ihre Obsessionen im Untergeschoss des Cabarets Voltaire zu präsentieren und wöchentlich eine Performance zu machen. Thomas Hirschhorn hat beispielsweise schon zugesagt.

Sie schlagen also den Bogen zur heutigen, dadaistisch inspirierten Kunst?

Genau. In den letzten drei Jahren haben wir uns mehr aufs Historische konzentriert und ein Vermittlungsprogramm aufgebaut, mit Führungen für Schulklassen. Nächstes Jahr wollen wir einen starken Fokus auf zeitgenössische Kunst legen.

Soll sich das Cabaret Voltaire längerfristig in diese Richtung entwickeln?

Ja. Die Vision ist das Haus als Gesamtkunstwerk, in dem immer wieder mal ein Künstler alles gestaltet und vielleicht auch einen Drink für die Bar kreiert. Damit knüpfen wir an die Idee an, die Hugo Ball vor 100 Jahren hatte: Das Cabaret Voltaire sollte ein Gesamtkunstwerk sein, mit verschiedenen Disziplinen wie Tanz, Literatur und Kunst.