Cabaret Voltaire
Adrian Notz: «Cabaret Voltaire ist nicht gleich Dada»

Adrian Notz, künftig alleiniger Direktor des Cabarets Voltaire, will das Zürcher Dada-Haus neu organisieren. Notz sieht eine «Entschlackungskur» als Chance, dem Cabaret ein klareres Profil zu geben.

Sophie Rüesch
Merken
Drucken
Teilen
Adrian Notz: «Mein Ziel ist es ja immer, mein Gegenüber verwirrter zurückzulassen, als es gekommen ist.»

Adrian Notz: «Mein Ziel ist es ja immer, mein Gegenüber verwirrter zurückzulassen, als es gekommen ist.»

Ende September bekommt das Cabaret Voltaire mit Adrian Notz ein neues Gesicht. Doch so neu ist das Gesicht eigentlich gar nicht: Bereits seit 2006 ist Notz Co-Direktor des Zürcher Dada-Hauses im Niederdorf, eine Aufgabe, die er sich im Moment noch mit Philipp Meier teilt. «Ich bin der Mann, der Philipp an der Leine halten sollte», sagt Notz lachend. Diese Funktion erübrigt sich nun bald: Aus Geldmangel wird Meiers Stelle auf Ende September wegrationalisiert, danach wird Notz alleiniger Direktor des Cabarets Voltaire.

Im Schatten des Kollegen

Eine Gelegenheit, aus dem Schatten des Kollegen zu treten, der mit seinen provokativen Aktionen stets im Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit stand? «So gross war der Schatten gar nie», relativiert Notz, der auch als Leiter des Lehrganges für Bildende Kunst an der Schule für Gestaltung in St.Gallen tätig ist. Zwar sei er in Zürich nicht so bekannt wie Meier, doch im internationalen Umfeld kenne man seinen Namen besser als den seines Kollegen. Weil hauptsächlich er das Cabaret Voltaire im Ausland vertrete, habe er ein gutes Netzwerk in der internationalen Kunstszene. Und das genügt ihm vorerst auch: «Ich habe kein unmittelbares Bedürfnis, nun in die Sonne zu treten. Ich werde also sicher nicht so präsent sein, wie es Philipp war», sagt er.

Mit der Umstrukturierung wird nicht nur Meiers Stelle gestrichen; auch Notz wird sein Engagement von 80 auf 40 Prozent reduzieren müssen. Als Geschäftsleitungsdirektor wird er dann hauptsächlich administrative Aufgaben erledigen und projektbezogene Arbeiten nur noch auf Freelance-Basis erledigen. «Ich werde vorerst vermehrt als Nötzli und weniger als Notz fungieren», sagt er und spricht damit die Doppelrolle an, die er im Cabaret Voltaire bereits jetzt schon wahrnimmt. «Adrian Notz ist der Kurator, der Inhalte vermittelt; der Nötzli bin ich in meiner administrativen Funktion.»

«Bisher war unser Profil, dass wir kein Profil haben»

Die Entschlackungskur sieht Notz auch als Chance, der Institution ein klareres Profil zu geben. «Bisher war unser Profil, dass wir kein Profil haben», sagt er. Nun soll das Cabaret Voltaire komplett neu ausgerichtet werden. Aus finanziellen Gründen ist dieser Schritt sowieso unumgänglich geworden. Geplant gewesen sei die Neuorientierung aber schon lange vor der im Juni definitiv gewordenen Stellenkürzung: «Wir haben in den letzten Jahren zu wenig über die Organisation nachgedacht und uns zu fest auf spannende Projekte und Aktionen konzentriert», sagt Notz. Dabei müsse man nicht unbedingt Dada sein, um dem traditionsreichen Haus gerecht zu werden. «Wir müssen uns auf das Haus als Institution konzentrieren. Das Cabaret Voltaire ist nicht gleich Dada – es ist der Gebärsaal dieser Bewegung.»

Der unmittelbare Auftrag, den Notz nun zu erfüllen hat, ist, den Betrieb mit den verbleibenden Mitteln weiter auf den Beinen zu halten. Konkret heisst das, dass die Geschäftsleitung in Zukunft keine kostspieligen Wechselausstellungen mehr organisieren wird. Dafür wird eine Dauerausstellung aufgebaut, die die Geschichte und Bedeutung von Dada und dem Cabaret Voltaire aufzeigt.

Cabaret Voltaire feiert 2016 Jubiläum

Spätestens bis zum Jubiläumsjahr 2016 – dann feiert das Cabaret Voltaire seinen 100. Geburtstag – soll es finanziell auf der sicheren Seite stehen. Klar ist, dass die Stadt bis 2017 die Miete übernehmen wird, der Rest soll über Museumsshop, Saalvermietung und Ausstellungseinnahmen zusammenkommen. «Am wichtigsten ist jetzt, an einen Punkt zu kommen, an dem wir nicht ständig am Abgrund stehen», so Notz. Er fügt hinzu: «Das mag jetzt vielleicht undadaistisch tönen. Aber wir brauchen auch Geld, um Unruhe stiften zu können.»

Die Gefahr, zum verstaubten Museum zu werden, laufe das Cabaret Voltaire nicht, davon ist Notz überzeugt. «Provokation kann ja immer noch stattfinden. Aber wir müssen nicht selber dafür sorgen.» Notz hofft, mithilfe von einmaligen Investitionen durch Stiftungen und Institutionen weiterhin ein vielfältiges Programm bieten zu können. «Die Idee ist, dass wir in Zukunft einen Ort zur Verfügung stellen, an dem ein Dialog im Kunstbereich stattfinden kann», so Notz.

« Das Cabaret Voltaire soll ermöglichen können »

Sowieso sieht sich Notz weniger als Aktivist und Provokateur denn als «jemanden, der hilft». Die Zukunft des Dada-Hauses sieht er in der Funktion einer Kunstplattform. «Das Cabaret Voltaire soll ermöglichen können», sagt er. Und das sei letztlich weniger Neuausrichtung als Rückbesinnung auf die Tradition: Denn das grösste Verdienst des Hauses sieht Notz darin, dass es «den Künstlern damals einen sicheren Rahmen geboten hat, in dem sie sich ihrer Kunst widmen konnten». Es sei diese Ambivalenz zwischen Ordnung und Chaos, die das Cabaret Voltaire definiere. «Im sicheren Rahmen dieser Zürcher Institution soll man sich eine Kaffeepause von der Revolution gönnen können», sagt Notz.

Bei der Verabschiedung sagt Notz: «Mein Ziel ist es ja immer, mein Gegenüber verwirrter zurückzulassen, als es gekommen ist.» Und dann geht der Nötzli zurück ins Cabaret Voltaire, um sich dem Wasserschaden zu widmen, der über Nacht im Parterre entstanden ist.