Zürich
Abwechslungsreicher Sex: Alexandra Haas hat ihr Hobby zum Beruf gemacht

Den durchschnittlichen Kunden gibt es nicht. Oft sind es Paare, die den Weg in ihren Laden «Special Moments» finden. Die Zielgruppe beginne so bei 20 Jahren, die älteste Kundin ist 87.

Gabriele Spiller
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Alexandra Haas vom Erotikgeschäft «Special Moments».david baer

Alexandra Haas vom Erotikgeschäft «Special Moments».david baer

«Normale Leute», sagt Alexandra Haas. Typisch seien Frauen, die ihren ersten Vibrator kaufen und eine gute Beratung wünschen. Circa 5Prozent der Kundschaft seien Lesbierinnen. Besonders gefällt ihr, wie Paare beim Aussuchen der Spielzeuge miteinander ins Gespräch kämen: «Ach, das gefällt dir?» – «So was kennst du schon?» Dezente Kleidung ist Pflicht.

Haas ist Linguistin, hat an der Universität Zürich Deutsche Sprach- und Literaturwissenschaft studiert und arbeitete im Bereich Kommunikation und Events. Ein Erlebnis zu zelebrieren hat sie gelernt – und geübt. In ihrem kleinen Geschäft in der Zähringerstrasse28 hält sie gerne Vorträge über Sinnlichkeit und die richtige Anwendung ihrer «Toys». Noch kann sie das Unternehmen allein führen, doch die Liste der Angebote wird immer länger. Der Onlineshop ist schon selbstverständlich.

Aber Haas organisiert in Zusammenarbeit mit Spezialisten auch handfeste Workshops über Massage und Fesseln. Mitarbeiterinnen besuchen Interessentinnen im Stil von Tupperpartys und präsentieren der lustigen Frauenrunde die Produkte. Die Gastgeberin besorgt den Apéro und erhält dafür ein Gastgeschenk. Neu kommen «Toy Talks» ins Programm, wo die 40-jährige am Freitagabend bei einem Glas Prosecco selbst ihre Erfahrungen weitergibt.

Keine freizügige Erziehung

Die Ideen gehen ihr nicht aus. Sie wisse zu schätzen, dass ihre Schwester, die ihr im Geschäft hilft, strukturierter denke und sie wieder erde. Als sie vor gut sechs Jahren am Valentinstag die Special Moments GmbH gründete, unterstützte sie die ganze Familie. Sie sei nicht besonders freizügig erzogen worden, doch es gebe noch heute viel Liebe, Lebendigkeit und Nähe innerhalb der Familie. Wenn die Mutter an einem Anlass, zum Beispiel «Päcklifischen» aushelfe, strahle sie eine Heiterkeit aus, die die Stimmung hebe. Auch der Vater packe mit an, sei aber eher fürs Handwerkliche zuständig.

Bei allem kreativen Chaos, das sie sich zuschreibt, ist Haas eine überlegte Geschäftsfrau, die mit Lieferanten hart verhandelt und im Verkauf eher sachlich bleibt. Bewusst unauffällig gekleidet, mit gerade geschnittener Hose und gedecktem, hochgeschlossenem Pullover, besteht sie auch bei ihren Mitarbeiterinnen darauf, dass sie nicht mit tiefem Décolleté und enger Kleidung erscheinen. Ihre eiserne Regel ist, keinen Flirt in den Geschäftsräumen anzufangen. «Ich bin kein Teil vom Sortiment», grenzt sie sich ab. Sie muss es tun.

«Manche Männer haben das Gefühl, ich bin offen für alles», sagt sie. «Das stimmt so nicht.» Deshalb möchte sie auch nicht über ihr Privatleben sprechen. Ab und zu erlebe sie, dass Kunden ihr Avancen machten. Oder dass sie über die eigene Frau herziehen, und nur erzählten, was sie selber wollen. «Es gibt Männer, die haben das Gefühl, ich verkaufe ihnen etwas, und dann haben sie eine andere Frau daheim.»

Dabei würde es meist schon reichen, sich mehr Zeit füreinander zu nehmen oder einander wirklich zuzuhören. Gerade in Zürich sei das Leben stressig, die Menschen gehetzt. Das sei ein Killer für die Lust, genauso wie das Fernsehen. Haas, die selbst seit 15Jahren keinen Fernseher mehr besitzt, denkt an die viele Zeit, die vor der Kiste verbracht werde, anstatt sich dem Partner zu widmen.

«Ich möchte, dass die Leute in einen solchen Laden kommen wie zum Bäcker», sagt sie. Sie ist immer noch erstaunt, mit wie viel Unkenntnis und Scham ein Grossteil der Bevölkerung ihrem Thema gegenübersteht.

Fernsehauftritte und Lesungen

Viele Personen hätten auch keinen Bezug zu ihrem Körper mehr. Sie gingen zwar ins Fitnessstudio und pflegten sich, doch die Sinnlichkeit sei ihnen abhandengekommen. «Unser Körper kann wahnsinnige Sachen machen», weiss sie, «doch es gibt nicht den Knopf zum Draufdrücken oder das Medikament.» Es habe viel damit zu tun, sich zu öffnen. Und das vermisse sie gerade bei vielen Männern in der Stadt. Sie seien zwar ständig auf der Suche nach Abwechslung, doch liessen sie sich nicht auf die Frauen ein, von denen einige im Grunde auch mehr Sex wollten.

So freut sich Haas, wenn ihre öffentlichen Auftritte nicht mehr im Nachtprogramm privater TV-Sender stattfinden, sondern bei Aeschbacher oder zur Lesung ihres Buchs «Speisekarte der Lustspiele» bei Orell Füssli. Sie sieht sich als Botschafterin, «damit die Liebe lustvoll bleibt».