Mit gereinigtem Abwasser Wärme und Kälte gewinnen: Was im Energieverbund Schlieren seit gut zehn Jahren funktioniert, soll nun mit dem Energieverbund Altstetten im grösseren Stil auf die Stadtzürcher Quartiere Höngg und Altstetten ausgedehnt werden. Der Zürcher Stadt- und Gemeinderat haben dem auf 128,7 Millionen Franken veranschlagten Vorhaben zugestimmt. Am 10. Februar entscheidet nun das Stadtzürcher Stimmvolk.

Herzstück des geplanten Energieverbunds, der einen Grossteil der Quartiere Höngg und Altstetten mit Fernwärme oder Kälte versorgen soll, ist die Kläranlage Werdhölzli. Dorthin fliesst das Abwasser aus der Stadt Zürich und den Gemeinden Adliswil, Kilchberg, Opfikon, Rümlang, Wallisellen sowie Zollikon, wird gereinigt und anschliessend in die Limmat geleitet. Der Grossteil der dabei anfallenden Abwärme bleibt bislang ungenutzt: Lediglich 15 Prozent dieses Energiepotenzials werden gegenwärtig im Energieverbund Schlieren verwertet. Dort sind rund 70 Liegenschaften angeschlossen, was rund 3,4 Millionen Liter Heizöl pro Jahr einspart, wie der Zürcher Stadtrat in seiner Abstimmungszeitung schreibt.

Der nun geplante Energieverbund Altstetten kann laut Stadtrat im Endausbau rund 30 000 Haushalte mit Wärme beliefern. So liessen sich jährlich bis zu 13 Millionen Liter Heizöl einsparen und die CO2-Emissionen um rund 30 000 Tonnen vermindern. Auch die Energie aus der Klärschlamm-Verbrennung im Werdhölzli stände zur Verfügung. Damit würde Abfall aus dem gesamten Kanton Zürich genutzt.

Nur die SVP war gegen das Projekt

Mit Wärme- und Kältemaschinen würde im geplanten Energieverbund sowohl überschüssige Wärme als auch Kälte verwertet. Einer der bereits gefundenen Kunden ist die neue Eishockeyarena des Zürcher Schlittschuhclubs (ZSC) in Zürich-Altstetten. Bis 2022 soll sie gebaut sein.

Im Zürcher Stadtrat wie auch im Gemeinderat war das Projekt Energieverbund weitgehend unbestritten. Das Stadtparlament sprach sich mit 101:14 Stimmen dafür aus. Das Projekt leiste einen Beitrag zu Zürichs Vorhaben, sich in Richtung 2000-Watt-Gesellschaft zu entwickeln, hiess es. Lediglich die SVP war dagegen. Sie wittert grosse wirtschaftliche Risiken. Es sei unklar, ob auch künftig genügend neue Haushalte angeschlossen werden können, um das Projekt rentabel zu betreiben.

Ausserdem sei der Betrieb von Fernwärmenetzen keine Kernaufgabe einer Gemeinde. Private könnten solche Aufgaben meist besser erbringen, findet die SVP. Zudem sei die neue Energieform teurer als Gas oder Heizöl.

Der Ausbau kommt etappenweise und abgesichert

Rein finanziell komme sie primär für grosse Gebäude und Überbauungen infrage; für Einfamilienhäuser eher weniger, sagt ein Sprecher des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich auf Anfrage. Liegenschaftenbesitzer sähen den Anschluss an den Energieverbund jedoch als sinnvollen, nachhaltigen Beitrag zur Energiewende.

Der Zürcher Stadtrat plant, den Energieverbund in drei Etappen umzusetzen, wenn das Stimmvolk zustimmt: Zuerst in Höngg und im Gebiet Altstetten nördlich der Bahnlinie; in einer zweiten Etappe würde das Fernwärmenetz dort dann verdichtet, und zwar je nach Nachfrage von Gebäudeeigentümern. In der dritten Etappe würde es südlich der Bahngleise in Altstetten bis zum bereits bestehenden Energieverbund Flurstrasse verlängert.

Laut Stadtrat sind für die erste Etappe genügend Kunden vorhanden, um einen kostendeckenden Betrieb des Verbunds sicherzustellen. Weiter versichert der Stadtrat in den Abstimmungsunterlagen: «Die wirtschaftlichen Risiken des Projekts halten sich in Grenzen, weil der Ausbau in den einzelnen Etappen nur erfolgt, wenn genügend Energielieferverträge abgeschlossen werden können.»

Fernwärme kommt, Gas geht

Zu den Kunden, die schon feststehen, zählen gemäss Abstimmungszeitung verschiedene Dienstabteilungen der Stadt Zürich sowie Private, Unternehmen und Wohnbaugenossenschaften. Die ersten Liegenschaften würden ab 2020 über den Energieverbund mit Wärme versorgt. Der weitere Ausbau des Energieverbunds erfolge laufend, je nach weiterer Nachfrage.

Für Vorarbeiten auf dem Areal der Kläranlage Werdhölzli, die beim Bau eines neuen Ablaufkanals in die Limmat vorgenommen wurden, hatte der Stadtrat 2016 in eigener Kompetenz bereits knapp zwei Millionen Franken bewilligt.

Heute versorgt das städtische Unternehmen Energie 360° den Grossteil von Altstetten und Höngg über ein Gasnetz mit Wärme. Neue Gasanschlüsse erstellt es wegen der geplanten Fernwärmeversorgung in der Regel nicht mehr, wie der Stadtrat schreibt.

Stattdessen werde den Liegenschaftseigentümern der Rückzug vom Gas angekündigt, sobald die Versorgung über Fernwärme verfügbar sei. In den darauf folgenden 15 Jahren sei die Gasversorgung aber noch sichergestellt.