Dübendorf
Abrechnung mit Augenzwinkern

Es war der letzte Auftritt von Moritz Leuenberger als Bundesrat am Luftfahrtkongress. Die Diskussion um den Flüglärm sei konstruktiver geworden, sagte Leuenberger. Doch ein baldiges Ende im Fluglärmstreit sei nicht in Sicht.

Oliver Steimann
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Limmattaler Zeitung

Freudestrahlend mit Bauhelm im Gotthardtunnel oder zerknirscht am Flughafen: Die Vorlieben von Verkehrsminister Moritz Leuenberger schienen immer klar verteilt. In der Flugbranche wurde er dafür oft und heftig kritisiert. Umso mehr überrascht es, dass sich der Zürcher ausgerechnet den 4.Schweizerischen Luftfahrtkongress in Dübendorf für seine letzte Rede ausgesucht hat.

7 Stunden Nachtruhe

Die seit Ende Juli gültige siebenstündige Nachtruheordnung am Flughafen Zürich (23 bis 6Uhr) stösst bei den Flughafennutzern auf wenig Verständnis, wie an der Podiumsdiskussion betont wurde. Swiss-CEO Harry Hohmeister sieht in der vom Flughafen beantragten Nachtruheverlängerung einen klaren Wettbewerbsnachteil. Er sieht für die Swiss mit der verlängerten Nachtflugsperre weitere Probleme. Die Infrastruktur genüge kaum, um der Nachfrage gerecht zu werden, mit der neuen Ordnung laufe die Airline Gefahr, Passagiere zu verlieren. Wenn ein Kunde wiederholt seinen Anschlussflug auf eine Interkontinentalstrecke verpasse, wechsle er die Airline. Bei Gewinnmargen von 2 oder 3Prozent könne die Swiss nicht auf die Umsteigepassagiere verzichten, die in Zürich 30Prozent betragen.
Von den Flughäfen Genf und Basel kann die Swiss keine Unterstützung erwarten. «Unsere Anwohner würden zu Recht protestieren, wenn wir auch noch die Flüge von Zürich übernehmen müssen», sagt Flughafendirektor Robert Deillon. Flüge, die bis 23.30Uhr nicht in Zürich landen können, würden in Genf nicht akzeptiert werden. Deillon betonte, dass die letzte Stunde für seinen Flughafen sehr wichtig sei und er eine Verlängerung der Nachtruhezeit nur ungern sähe.
Das Bazl wird die einmal beschlossene Änderung so schnell nicht wieder rückgängig machen, sagte Bazl-Direktor Peter Müller. Er sprach von einer «einmaligen Situation» für einen Hub, die sich Zürich selber zuzuschreiben habe. Er rechnet, dass auch die Bevölkerung von Genf und Basel ähnliche Einschränkungen verlangen werden.
Swiss-CEO Harry Hohmeister votierte für eine politische Lösung. Nur eine nationale Regelung mache Sinn. Er könne das Verlangen der Bevölkerung nach mehr Ruhe zwar durchaus verstehen. Nur müssten auch die Airlines eine Chance haben, ihren Flugbetrieb abwickeln zu können. (ph)

«Uns fehlt eine aufgeklärte Fehlerkultur»

Er habe es sich abgewöhnt, in der Öffentlichkeit über eigene Fehler zu sinnieren, erklärt ein sichtlich entspannter Leuenberger den versammelten Granden der Aviatik. Vielmehr wünsche er sich in Politik und Medien ein System der straflosen anonymen Selbstanzeigen, wie sie in der Luftfahrt heute Standard sind: «Uns fehlt eine aufgeklärte Fehlerkultur.» Weil es die aber nicht gibt, beschränkt er sich in seiner Rede vornehmlich aufs Austeilen. Nicht ohne Vorwarnung: «Ich habe nicht alles, was ich hier sagen werde, vom Kollegium absegnen lassen.»

Rasch arbeitet sich Leuenberger zu seiner zentralen These vor: Vieles von dem, was in der Luftfahrt schief gelaufen ist, hat mit Privatisierung und Deregulierung zu tun. Den früher so oft kritisierten «Filz» zwischen Politik und Wirtschaft habe man durch eine zu radikale Trennung ersetzen wollen. Besonders früh bei der Swissair, die es irgendwann nicht mehr für nötig befunden habe, die Regierung rechtzeitig über weitreichende Entscheidungen zu informieren. «Auch nicht, als der ganze Interkontinentalverkehr in Genf eingestellt wurde.» CEO Philippe Bruggisser habe damals, in Bern zur Rede gestellt, so laut herumgeschrien, dass der Weibel habe eingreifen müssen.

Diskussion um Fluglärm konstruktiver geworden

Heute schwinge das Pendel zurück, glaubt Leuenberger. Wirtschaft und Politik kämen sich wieder näher: «Im Bundesrat sitz neu auch ein Unternehmer, und alles wird gut.»

Auch sonst, konstatiert Leuenberger, wende sich vieles zum Besseren. «Unique heisst wieder ganz bescheiden Flughafen Zürich – diese Änderung habe ich mit Freude in mein Adressbuch eingetragen.» Und die gute Laune reicht gar dazu aus, Komplimente an seine Gegner zu verteilen: Die Diskussion um den Fluglärm sei konstruktiver geworden, «die ‹Östler› pflegen einen angenehmeren Umgangston».

Doch Hoffnungen auf eine baldige Einigung im Fluglärmstreit erteilt er eine Absage. «Berlin möchte Ruhe – vor allem Ruhe vor diesem politischen Gezänk.» Man wird den Eindruck nicht los, dass auch ihm diese Ruhe nicht ungelegen kommt, wenn er das Dossier abgeben kann.