Familienwohnung

Abends «tötelets» in der Neubausiedlung für Gutbetuchte

© Limmattaler Zeitung

Wohnen in Zürich: Unser Journalist verrät, wie es sich in einer Neubausiedlung für Gutsituierte lebt.

Wenn es Nacht wird an der Binzallee, sinken die Rollläden vor den Fenstern, die sich vom Fussboden bis zur Decke erstrecken. Manche Läden bleiben auch oben. Dann bieten sich Einblicke in Wohnungen wie aus «Schöner Wohnen». Man sieht Nachbarinnen beim Abwaschen, Familien beim Abendessen, teils durch transparente Vorhänge, teils durch Glasscheiben.

«Totale soziale Kontrolle» hatte kürzlich jemand an den riesigen Beton-Pflanzenkasten eingangs der Neubausiedlung beim Bahnhof Zürich Binz gesprayt. Schon bald war die Sprayerei wieder getilgt.

Wohin mit den Kinderwagen?

Überhaupt achtet die Verwaltung sorgfältig darauf, dass alles hübsch ordentlich bleibt. Die kleinen Küchen-Vorgärten sind einheitlich bepflanzt. Und die Mieter – zu denen der Schreibende zählt – wurden in Rundschreiben mehrfach darauf hingewiesen, wo genau in den geräumigen Eingangshallen der Häuser Kinderwagen stehen dürfen und wo nicht.

Nicht zuletzt der Kinder wegen war ich vor einigen Monaten in die Binzallee gezogen, obwohl die Miete mit 3500 Franken nicht allzu familienfreundlich ist. Umso familienfreundlicher präsentiert sich dafür das Umfeld: Kinderkrippe, Hort und Kindergarten sind in die autofreie Siedlung integriert und in wenigen Minuten zu Fuss erreichbar. Wer als Familie in Zürich halbwegs zentrumsnah und unbeengt wohnen will, merkt ohnehin schnell: Unter 3000 Franken pro Monat findet sich praktisch nichts.

So kam ich also in die Binzallee. Nie gehört? Kein Wunder. Erst 2004 benamste der Stadtrat die Allee, die dort in Zug der Überbauung von Fabrikland eben erst entstand. Eine lange Reihe von quaderförmigen, abwechselnd etwas höher und niedriger gebauten Wohnblöcken mit grosszügigen Terrassen und Balkonen macht nun das Areal oberhalb des Bahnhofs Binz zur schicken Wohngegend. Der Blick schweift einerseits auf die frisch gepflanzten Bäumchen der Allee und die gegenüberliegenden Wohnblöcke, andererseits auf Alt-Wiediker Häuser oder die Gleise der Üetliberg-Bahn – und bei Föhn bis in die Glarner Alpen.

Vertreter der neuen Migration

Die Nachbarn sprechen Deutsch, Englisch, Französisch, Schwedisch oder auch Schweizerdeutsch. Es sind viele Vertreter der neuen Migration darunter, gut Ausgebildete, die zurzeit in grosser Zahl aus dem nördlichen Europa nach Zürich kommen und dort zunächst Arbeit, dann vielleicht eine Bleibe finden.

Man merkt allerdings wenig voneinander. Die Wohnungen sind ziemlich schalldicht. In der Tiefgarage stehen teure Autos. Man nickt sich zu, redet ansonsten aber nicht viel miteinander. So geht es mir zumindest.

Dafür gibts eine Facebook-Gruppe «Wir von der Binz-Allee» mit 30 Mitgliedern. Überhaupt erfährt man im Internet einiges über die Nachbarn. Da ist der Werber, der in seinem Blog freudig mitteilt, dass er endlich eine Wohnung gefunden hat, die dank der Schiebetüren, mit denen sich das Wohnzimmer erweitern lässt, fast wie ein Loft ist. Da ist die Konzeptwerkstatt. Die Massage-Oase. Oder die Praxis zweier Schönheitschirurginnen. Auch einen Anwohnerverein gibts, doch den lernte ich nicht im Internet kennen, sondern durch einen Zettel, der an einer Fensterscheibe klebte.

Smalltalk bei Glühwein

Beim Halloween-Glühwein des Anwohnervereins traf ich einige Nachbarn. Es war ein kleines Grüppchen, das auf dem grossen, nur schwach beleuchteten Platz inmitten der Siedlung irgendwie verloren wirkte. Nette, offene Leute. Guter Smalltalk, vom Glühwein beschwingt. Trotzdem hatte ich das Gefühl: Hier prallen Welten aufeinander, die sich nicht viel zu sagen haben – oder gar nicht das Bedürfnis, sich viel zu sagen.

Wenn es Nacht wird in der Binz, rollen die neuen Bewohner in der Üetlibergbahn von Downtown an, quellen aus den Waggons und eilen als stumme Herde zu ihren schönen neuen Wohnungen, um darin einen geruhsamen Feierabend zu verbringen. Dann sinken die Rollläden bei den Binzlis.

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