Dann rollen die ersten S-Bahnen durch den Bahnhof Löwenstrasse, den Kobel als Gesamtprojektleiter mit bis zu 1000 Mitarbeitern in den letzten sieben Jahren unter dem Hauptbahnhof Zürich erbaut hat. Auch der Weinbergtunnel, der vom Bahnhof Löwenstrasse nach Zürich Oerlikon führt, entstand in dieser Zeit unter seiner Leitung; ebenso die neuen Bahnbrücken vor dem Hauptbahnhof, die ab Ende 2015 für den Fernverkehr da sind.

Zwei Milliarden Franken lassen sich der Bund und der Kanton Zürich das Grossprojekt kosten. Es soll die wachsenden Pendlerströme aufnehmen und den Bahnverkehr via Zürich beschleunigen. Kobel ist verantwortlich dafür, dass alles pünktlich zum vereinbarten Preis fertig wird – und funktioniert.

Schlaflose Nächte habe er deswegen nie gehabt, sagt der 64-jährige Bauingenieur. Aber «gewisse Sorgen». Die Sorge etwa, dass ein Hochwasser die Grossbaustelle hätte wegspülen können, die sich von 2008 bis 2011 in der Sihl unter dem Hauptbahnhof befand. «Wir mussten darauf vorbereitet sein», erinnert sich Kobel. Mit den Etzelwerken war vereinbart, den Sihlsee als Rückhaltebecken zu nutzen, wenn zu viel Regen drohte. Zum Einsatz kam das Konzept nie. «Aber einmal standen wir kurz davor», sagt Kobel. Heute verwende der Kanton Zürich das Hochwasserschutz-Modell, das für den Bau der Durchmesserlinie entwickelt wurde.

Tödlicher Unfall im Februar

An gravierenden Zwischenfällen fehlte es während der Bauzeit nicht: So erfasste ein Zug beim Bahnhof Oerlikon im Februar 2014 eine Sicherheitswärterin. Sie starb im Einsatz für die Durchmesserlinie. «Das ist ungeheuer belastend für alle, die hier arbeiten», sagt Kobel. «Wir tun alles, damit die Sicherheit auf der Baustelle gewährleistet ist. Sieben Jahre lang ging alles gut.» Dann geschah der tödliche Unfall. Die Untersuchungen dazu laufen noch.

Auch der 30. April 2009 hat sich in Kobels Gedächtnis eingebrannt: der Tag, an dem eine neun Meter lange Bohrmaschine unter dem Bahnhofplatz kaputt ging. Die Havarie hinterliess einen Hohlraum. Einsturzgefahr drohte. Die Polizei evakuierte den Bahnhofplatz. Wasser- und Gasleitungen wurden abgestellt, Tram- und Trolleybusleitungen heruntergenommen. Nach 21 Stunden endete die Sanierungsaktion. Der Bohrer war nicht zu retten. Er ruht noch heute unter dem Bahnhofplatz – einbetoniert. «Eigentlich war es ein Negativereignis», sagt Kobel. «Aber wir konnten zeigen, dass wir gut vorbereitet waren.»

Die für die Projektleitung nötige Erfahrung hatte sich Kobel auf diversen Grossbaustellen angeeignet: Nach dem Studium arbeitete er Ende der Siebzigerjahre als Ingenieur beim Bau des Seelisberg-Strassentunnels am Vierwaldstättersee mit, dann beim Gubristtunnel und später beim Zürichbergtunnel, der die Bahnhöfe Stettbach und Stadelhofen verbindet. Es folgten Projektleitungen beim Bau des Bözbergtunnels, bei der Autobahn Transjurane durch den Jura sowie der Erweiterung des Walliser Wasserkraftwerks Cleuson-Dixence. Zuletzt wirkte Kobel bei den Tunnelbauten für Zürichs Westumfahrung mit. Doch keines dieser Bauprojekte sei so vielseitig gewesen wie die Durchmesserlinie, in der sich Tunnelbau, ein unterirdischer Bahnhof, Wasser- und Brückenbau verbinden.

«Ich setze mir kein Denkmal»

Auf die Frage, ob ihn die Leitung dieses Grossprojekts verändert habe, sagt Kobel: «Natürlich bin ich älter geworden. Aber ich bin und bleibe der Kobel. Auch wenn ich der Bundesrätin die Baustelle zeige, kenne ich den Büezer noch und grüsse ihn.» Die Faszination des komplexen Bauens treibt Roland Kobel an. Und ein gewisser Stolz schwingt mit, wenn der Bauingenieur sagt: «Ich setze mir kein Denkmal mit der Durchmesserlinie. Aber jeder, der daran arbeitet, ist Teil dieses Bauwerks, das über Generationen den Menschen dienen wird.»

Ans Aufhören denkt er noch nicht, obwohl der fünffache Grossvater mit dem Abschluss des Grossprojekts Durchmesserlinie das Pensionsalter erreicht. Was er danach tun werde, sei offen. Doch sein Arbeitspensum gleich auf null herunterzufahren, kann sich der Tunnel-, Bahnhof- und Brückenbauer derzeit nicht vorstellen. Scherzhaft sagt Kobel: «Ab 2016 arbeite ich nur noch 100 Prozent.» (MTS)