Oldtimer

54-jähriger VBZ-Bus fährt noch immer in Chile

1991 wurden insgesamt sieben VBZ-Trolleybusse um die halbe Welt nach Chile verschifft. Die Gelenkbusse aus den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren stehen noch heute im Einsatz

Der Werkstattchef der Busbetriebe in der chilenischen Küstenstadt Valparaiso strahlt, als wir ihm erzählen, wir seien aus der Schweiz und möchten seine Schweizer Busse anschauen. Er führt uns ins Depot – und da stehen sie: drei Schweizer Gelenktrolleybusse aus den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren, die hier noch immer im Liniendienst stehen. Wenn sie nicht gerade, wie jetzt, revidiert werden. Ein vierter Schweizer Bus ist gerade unterwegs.

Die sprichwörtliche Schweizer Qualität hält auch nach über 50 Jahren, was sie verspricht. Die Busse stammen von den längst verschwundenen Lastwagen- und Busherstellern Saurer in Arbon, Berna in Olten sowie FBW in Wetzikon. Zwei Busse fuhren früher auf dem Netz der Verkehrsbetriebe Zürich (VBZ), zwei in Genf – und zwar auf der Linie 7, wie unschwer zu erkennen ist: Der Linienplan hängt noch immer im Innern. Nur das Züri-Blau und das Genf-Orange ist vor Jahren einem Valparaiso-Grün gewichen.

Ersatzteile gibt es längst keine mehr. «Die stellen wir alle selber her», sagt der Werkstattchef stolz. Er hat nur Lob übrig für die Busse: Sie seien robust und zuverlässig. Und viel beliebter als die noch älteren Modelle aus den USA und aus China, die ebenfalls im Einsatz stehen.

Auf Deutsch beschriftet

Am Tag unseres Besuchs steht der ehemalige VBZ-FBW Typ GTr 51, Jahrgang 1959, mit der Betriebsnummer 105 im Linienverkehr im Einsatz. Wir warten an der Endhaltestelle, bis er kommt – und steigen ein. Und schon fühlt man sich wie in Zürich: Die Holzsitze sind dieselben, wie sie bis vor wenigen Jahren in Trams anzutreffen waren. Bei der Türe steht «Anhalten und Aussteigen: Bitte Knopf drücken», vorne die Anschrift «Dem Chauffeur ist die Sicht nach rechts freizulassen».

Das Messingschild für die Zielanzeige hängt noch immer in Originalform über dem Fahrersitz. Man kann zum Beispiel wählen «Schlieren», «Morgental» oder die längst umbenannte Haltestelle «Utohof». Wie viele Kilometer das Fahrzeug auf dem Buckel hat, lässt sich nicht eruieren: Die sechsstellige Anzeige auf dem Tacho dürfte ein paar Mal rundherum gelaufen sein.

1991 nach Chile verschifft

Bus Nummer 105 war einer von 33 Fahrzeugen desselben Typs, die zwischen 1959 und 1989 bei den VBZ im Einsatz standen. 1991 wurden insgesamt sieben VBZ-Trolleybusse um die halbe Welt nach Chile verschifft. Luftlinie Zürich–Valparaiso: 12 000 Kilometer!

Ein VBZ-Mechaniker reiste vor Ort, um seine chilenischen Arbeitskollegen zu schulen. In der VBZ-Personalzeitschrift stand damals über den Besuch: «Es zeigte sich, dass die schweizerischen Trolleybusse in Chile besonders gefragt sind, da sie offenbar für eine längere Lebensdauer gebaut und während ihres zürcherischen Einsatzes zweifellos auch sehr gut unterhalten worden sind.» Dass jedoch Bus Nummer 105 auch im Alter von 54 Jahren noch im Einsatz stehen würde, hat wohl damals kaum jemand geahnt.

Gemäss dem Werkstattchef in Valparaiso gibt es Pläne, den Bus zu musealen Zwecken in die Schweiz zurückzutransportieren. Allerdings liess sich diese Aussage nicht erhärten. Roman Zai, Präsident des Trolleybusvereins Schweiz, hält eine Rückführung auch deshalb für unwahrscheinlich, weil je ein baugleiches Fahrzeug in Zürich und in Winterthur erhalten geblieben ist.

Export alter Busse eingestellt

Heutige Busse werden nicht mehr für den Einsatz während mehr als eines halben Jahrhunderts gebaut. Deshalb gibt die VBZ ihre ausgedienten Fahrzeuge heute nicht mehr anderen Städten ab. Mediensprecherin Daniela Tobler: «Die Busse haben nach dem langjährigen Einsatz – je nach Typ zwischen 12 und 17 Jahren – definitiv das Ende ihrer Lebensdauer erreicht und werden verschrottet.»

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