Zürich
21000 Bücher aus dem Antiquariat Peter Petrej suchen neue Bleibe

Das renommierte Antiquariat Peter Petrej muss vielleicht schon bald schliessen. Damit geht eine Ära Zürcher Antiquariatsgeschichte zu Ende. Doch es gibt noch Hoffnung.

Sandra Hohendahl-Tesch
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Antiquar Peter Petrej, hier in seinem Laden, muss sich nach 20 Jahren neu erfinden.Heinz Diener

Antiquar Peter Petrej, hier in seinem Laden, muss sich nach 20 Jahren neu erfinden.Heinz Diener

Wer es liebt, in alten Büchern zu schmökern, kommt kaum um das Antiquariat Peter Petrej herum. Der Laden an der Sonneggstrasse 29 mit den stets originell gestalteten Schaufenstern und dem gepflegten Sortiment prägt das Universitätsquartier wie kaum ein anderer. Diesen Monat feiert das vornehmlich auf Kunst und Architektur spezialisierte Geschäft sein 20-Jahr-Jubiläum.

Eigentlich ein Grund zur Freude, könnte man meinen. Doch die Festlaune von Antiquar Peter Petrej ist getrübt. Die Liegenschaft, in der sich sein Laden befindet, soll schon bald verkauft werden. Die Besitzerin, eine private Erbengemeinschaft, will das Mehrfamilienhaus an den Meistbietenden abtreten. «Vermutlich werden auch hier bald Luxuswohnungen stehen, das Ladenlokal soll für 6000 Franken im Monat vermietet werden», sagt Petrej während einer Kaffeepause.

Bewohner können nicht mithalten

Seit Beginn der Ausschreibung kommen täglich Makler mit Kaufinteressenten vorbei, um sich die Räumlichkeiten anzusehen. Bis Ende Monat noch läuft das Bieterverfahren, das beim stolzen Preis von fünf Millionen Franken ansetzt. «Da können wir Bewohner nicht mithalten.» Auch die ETH Zürich gehört im Rahmen des Ausbauprojekts «Science City» zu den Bewerbern.

Aufruf an die Hausbesitzer

Interesse am Fortbestand seines Antiquariats habe bisher leider noch kein Investor bekundet. «Kultur und Profitmaximierung schliessen sich eben aus.» Doch ganz ohne Kampf will Petrej seinen Laden, den er liebevoll als «sein Kind» bezeichnet, nicht aufgeben. «20 Jahre sind noch nicht genug.» In einem Schreiben an die «Damen und Herren der Presse» hat er vor kurzem einen Aufruf gestartet mit der Bitte, kultursinnige Zürcher Hausbesitzerinnen und Hausbesitzer mögen seinen 21066 Büchern, Grafiken und Bildern eine neue Bleibe gewähren. Der 54-Jährige hofft auf ein Ladenlokal irgendwo in Stadtnähe, ganz zentral müsse es nicht sein, aber auch nicht auf dem Land. Am liebsten würde er im Quartier bleiben, das für ihn wie ein Dorf ist, «wo jeder alles vom anderen weiss».

Leben als Antiquar

Mit dem «Virus der Bibliophilie» wurde Petrej 1984 infiziert. Der gelernte Maschinenbaukonstrukteur machte damals eine Lehre in einem Zürcher Antiquariat. Acht Jahre später erwarb er eine «abgewirtschaftete Buchhandlung» im Kreis 6, aus der nach der Renovation ein Antiquariat, sein Antiquariat, wurde. Diesem Schritt in die Selbstständigkeit gingen ein längeres Hadern und eine Pilgerreise nach Santiago de Compostela voraus. «Hier habe ich gelernt, dass man auch mit einem Rucksack von 12 Kilogramm als einzigem Besitz glücklich leben kann.» Ein Zuckerschlecken war das Leben als Antiquar freilich nicht immer.

Dem Zeitgeist angepasst

Petrej musste sich in der Aufbauphase Geld von Bekannten und Freuden leihen. «Nach zehn Jahren war alles abbezahlt.» Heute geht es seinem Geschäft gut. Sicher auch deshalb, weil er es verstanden hat, sich dem Zeitgeist anzupassen. «Wenn die Leute nicht ins Geschäft kommen, weil es so bequem ist, online zu bestellen, muss man eben zu ihnen gehen.» So verschickt er seinen Kunden regelmässig Newsletter mit den Neueingängen, ein Angebot, «das sehr geschätzt wird».

Steigende Mieten

In den letzten Jahren habe sich die Branche massiv verändert. «Die meisten Ladengeschäfte mussten aufgrund des Angebots im Internet zu Versandantiquariaten umfunktioniert werden.» Hinzu kommen die steigenden Mieten, die immer mehr Läden verschwinden lassen. «Antiquariate werden somit vermehrt von Wohnungen und Lagerräumen aus betrieben.» Petrej, der den Kontakt zu den Kunden schätzt, bedauert diese Entwicklung. Doch auch er wird künftig mehr auf wertvolle Einzelstücke setzten als auf ein breites Sortiment. «Je rarer desto besser», lautet die Devise. Aktuell hat er eine besonders wertvolle Trouvaille im Angebot: Das erste gedruckte französische Kräuterbuch. «Eine sehr schöne Ausgabe mit Holzschnitten aus dem Jahr 1496.» Verkaufen will er sie für 70 000 Franken – einen Abnehmer habe er bereits gefunden.

«Slowfood» für den Geist

Der mitunter etwas melancholisch wirkende Antiquar sieht das drohende Ende seines Ladens auch als Chance. In Zukunft will er mehr Zeit mit dem Ankauf von Büchern und Bildern verbringen und auf Messen und Auktionen Kontakte zu Sammlern pflegen. Einen speziellen Event habe er an diesem «denkwürdigen Jubiläum» bewusst nicht geplant. «Ein Antiquariat ist ein Ort der Ruhe und des Nachdenkens, des Lesens, des Gesprächs, der Langsamkeit und Inspiration, ‹slowfood› für den Geist, sozusagen.» Wein und Kaffee gebe es bei ihm aber den ganzen Monat April – und 20 Prozent Rabatt.

Wie die Geschichte weitergeht, wird sich spätestens im Mai weisen. Dann nämlich wird der neue Besitzer der Liegenschaft und deren neue Bestimmung bekannt sein. Und vielleicht hat sich bis dann jemand gefunden, der das Antiquariat vor dem Untergang bewahrt.