Der zum Tatzeitpunkt 21-jährige Zürcher M. ging systematisch ans Werk. Seine Betrügereien liegen einige Jahre zurück und werden erst jetzt mit einem Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland publik. Der Schweizer ist schuldig des gewerbsmässigen Betrugs und der Geldwäscherei. Seine Opfer sind über 120 Nutzer der Online-Verkaufsplattform Ricardo.ch. Sie haben für Produkte bezahlt, die M. nicht lieferte.

Die Anzeigen des Betrügers mussten seriös ausgesehen haben. Er hatte dafür gesorgt, dass seine acht Ricardo-Konten gute Bewertungen auswiesen. Seine Identität verschleierte er hinter den Namen und Adressen realer Personen, die er im Telefonbuch fand. Mehrere Schritte waren nötig gewesen, dass er soweit hatte kommen können. Begonnen hat er seine kriminelle Karriere in einem McDonald’s. 2013 setzte sich M. in die Fast-Food-Filiale im Glattzentrum und eröffnete acht Ricardo-Accounts mit Fantasienamen. Damit die Datenspur nicht auf ihn zurückführte, benutzte er das öffentliche WLAN des Lokals. Die Auktionsplattform verschickte die Passwörter für neue Benutzer per Post. Deshalb hinterlegte M. seinen Fake-Konten Adressen aus zwei Zürcher Stadtkreisen. Weil diese in seine Zuständigkeit als Briefträger fielen, konnte M. die Briefe mit den Passwörtern abfangen.

Diese Adressen änderte er bei einem weiteren McDonald’s-Besuch im Glattzentrum ab. Hatte M. zuvor beispielsweise einen «Helmut Fischer» aus Zürich erfunden, dichtete er jetzt einen Umzug hinzu. Als neue Adresse gab er jene eines real existierenden Helmut Fischers an. Dadurch gingen Gebührenrechnungen von Ricardo.ch an den echten, ahnungslosen Fischer.

Zahnbürsten und Extensions

Unterdessen richtete sich M. mit dem Komplizen S. ein Postkonto ein, lautend auf dessen Namen, auf das seine späteren Opfer einzahlten. Im Gegenzug versprach er S. finanzielle Unterstützung. Mit dem Postkonto und den Fake-Accounts stand das Gerüst für die Betrügereien – fast. M. perfektionierte seine Masche, indem er die Glaubwürdigkeit seiner Konten mit echten Produkten steigerte: Er kaufte und verkaufte rund 200 Gegenstände auf Ricardo und erhielt so positive Bewertungen. Erst danach begann M., diverse Verkaufsangebote zu erfinden. Sie reichten von Haar-Extensions über Kaschmirschals bis hin zu Kaffeemaschinen. Die Inserate bebilderte er mit Fotos aus dem Internet. Die Deliktsummen bewegten sich meist im zwei- bis tieferen dreistelligen Bereich. Am meisten erschwindelte sich M. mit angebotenen Spielekonsolen (600 bis 700 Franken). Den Strafbehörden sind 117 Opfer namentlich bekannt. Aufgrund der totalen Deliktsumme von 30'000 Franken kann von gut 130 Opfern ausgegangen werden. Mit dem neuen Geld tilgte M. zuerst 5000 Franken an Schulden. Weiter hob er in Bangkok Geld ab für seine dort gezeugte, uneheliche Tochter. Am Ende kaufte er sich einen Mercedes Benz.

Der Strafbefehl ist rechtskräftig, was bedeutet, dass M. die Anträge der Staatsanwaltschaft akzeptiert hat. Die bedingte Geldstrafe beträgt 180 Tagessätze à 100 Franken (18'000 Franken) bei einer Probezeit von zwei Jahren. Tatsächlich bezahlen muss M. eine Busse von 3600 Franken sowie Zivilforderungen von 72 Opfern. Darunter auch 7000 Franken an Ricardo.ch. Ausserdem wird die Hälfte von 35'000 Franken, die bei M. in bar beschlagnahmt worden sind, zur Deckung der Verfahrenskosten verwendet. M. arbeitet heute nicht mehr für die Post. Er ist alleiniger Inhaber einer Gesellschaft, die laut Handelsregister den Verkauf von Nahrungsergänzungspräparaten bezweckt. Seine Bewertungen beim Online-Versandhändler Amazon.de sind mehrheitlich positiv.