Die Anwohner der Autobahn in Zürich-Schwamendingen haben lange genug gelitten: An ihren Häusern brausen täglich rund 110 000 Autos und Lastwagen vorbei. Rund 5000 Leute sind von erhöhten Emissionen betroffen. Bereits im März 1999 reichten Anwohner deshalb eine Volksinitiative mit 12 000 Unterschriften ein. Sie verlangten, dass die Autobahn auf einer Länge von fast einem Kilometer überdeckt würde. Gestern, 17 Jahre später, war es nun soweit: Vertreter des Bundesamtes für Strassen (Astra) sowie von Kanton und Stadt Zürich verkündeten vor den Medien, dass der Bund die Planungsgenehmigungsverfügung – die eigentliche Baubewilligung – erteilt habe. Ab 2018 soll nun zwischen der Verzweigung Zürich-Ost und dem Schöneichtunnel eine begehbare Überdachung für 423 Millionen Franken entstehen.

Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh (FDP) sprach von einem bedeutenden Meilenstein, der mit der über 240 Seiten starken Baugenehmigung erreicht sei. Mit dem vorliegenden Projekt könne die betroffene Bevölkerung wirksam vor Lärm und Abgas geschützt werden, und sie erhalte darüber hinaus neue Grünflächen mitten im dicht besiedelten Stadtgebiet.

Auf Stauden statt Bäume gesetzt

Die Oase, die auf der Überdachung entstehen soll, verglich der Zürcher Tiefbauvorstand Filippo Leutenegger (FDP) mit der berühmten New Yorker Highline. Da auf dem 30 Meter breiten und 7 Meter hohen Dach dereinst nur zwischen 40 und 90 Zentimeter Humus liegen, können keine richtigen Bäume gepflanzt werden. Grün Stadt Zürich habe daher ein Konzept für eine «prärieartige» Bepflanzung mit Stauden und Hecken erarbeitet, die einen Kontrast zu den umliegenden Gartenstadt-Siedlungen bilden soll, so Leutenegger. Im Fundament der Einhausung sind zudem Leitungen geplant, die später für WC-Anlagen und Verpflegungs-Stände genutzt werden könnten.

Regierungsrätin Walker Späh äusserte ihr Bedauern darüber, dass seit dem Einreichen der Volksinitiative fast zwei Jahrzehnte vergangen sind, bis nun ein baubewilligtes Projekt vorliegt. Nicht zuletzt nahm die Bereinigung von 55 Einsprachen gegen das Bauvorhaben einige Zeit in Anspruch. «Zentral ist, dass es jetzt mit der Einhausung nun schnell vorwärtsgeht», so die Volkswirtschaftsdirektorin. Die Umsetzung nimmt weitere acht Jahre in Anspruch. Das liegt in erster Linie daran, dass die vierspurige Autobahn sowie der unter ihr verlaufende Tramtunnel der Linien 7 und 9 während der Bauarbeiten in Betrieb bleiben müssen.

Weitere Verzögerungen könnten sich einerseits durch weitere Einsprachen im bevorstehenden Submissionsverfahren ergeben, andererseits ist auch die Finanzierung politisch noch nicht ganz gesichert. Die Kosten für die eigentliche Einhausung teilen Bund (167 Millionen), Kanton (73 Millionen) und die Stadt (58 Millionen) unter sich auf. Das Astra investiert darüber hinaus 247 Millionen Franken in die Aufrüstung des Schöneichtunnels und weitere Projektteile, die Stadt Zürich rund 6 Millionen in Fusswege entlang des Neubaus. Die Gesamtkosten belaufen sich damit auf 551 Millionen Franken. Die Beiträge des Kantons wurden vom Kantonsrat bereits bewilligt, die Investition der Stadt hat das Stimmvolk 2006 an der Urne genehmigt.

Zwei Entscheide sind hängig

Ein Fragezeichen besteht einzig noch bei den Geldern des Bundes. Er kämpft wegen den immer effizienteren Motoren mit sinkenden Erträgen aus dem Mineralölsteuerzuschlag, während die Kosten für den Ausbau, Unterhalt und Betrieb des Schweizer Strassennetzes steigen. Der Bundesrat prognostiziert daher Finanzierungslücken. Die Bundesversammlung debattiert nun über einen Nationalstrassen- und Agglomerationsverkehrs-Fonds, kurz NAF, der in der Verfassung verankert würde. Umstritten ist jedoch, wie stark der Bund die Automobilisten zur Kasse bitten, und zu welchen Teilen der Fonds Strassenprojekten oder dem öffentlichen Verkehr zukommen soll (siehe Ausgabe vom 16. März). Mit der «Milchkuh-Initiative» kommt im Juni zudem ein Vorstoss an die Urne, der dem Bund vorschreiben will, dass die Mineralölsteuer im Umfang von rund drei Milliarden Franken gänzlich dem Strassenverkehr zugutekommt. Heute fliesst sie zu gleichen Teilen in die allgemeine Bundeskasse und in den Strassenverkehr.

Astra-Vizedirektor Guido Biaggio verwies an der Medienkonferenz gestern darauf, dass ein Scheitern beider Finanzierungsvorstösse bedeuten würde, dass schweizweit diverse Verkehrsprojekte in Baureife verschoben werden müssten. Auf Nachfrage relativierte er dann aber: Die Einhausung Schwamendingen wäre davon eher nicht betroffen. «Wir sind hier nach der Plangenehmigungsverfügung schon viel weiter als bei anderen Projekten. Das Vorhaben hat eine hohe Priorität», so Biaggio. Auch wenn also ein gewisses Restrisiko bleibt: Die Chancen stehen gut, dass die jahrzehntelange Leidensgeschichte der Anwohner der Schwamendinger Autobahn bald ein Ende nimmt.