Der Weg in die Wildnis führt über grauen Asphalt. Darauf sind mit oranger Farbe Tierspuren gemalt. Sie weisen den Weg vom Bahnhof Wildpark Höfli zum Wildnispark Zürich Langenberg. Das Rauschen der Sihl vermischt sich mit dem Rauschen der Autos auf der Sihltalstrasse.

Eine Infotafel beim Eingang zum Wildnispark zeigt, wer im ältesten Tierpark der Schweiz zu besichtigen ist: Murmeltier, Steinbock, Braunbär, Damhirsch, Elch, Feldhase, Luchs, Przewalski-Pferd, Reh, Fuchs, Rothirsch, Sikahirsch, Wildkatze, Wildschwein, Wisent und Wolf leben auf dem Langenberg.

Das Reservat der wilden Tiere im Sihltal feiert dieses Jahr sein 150-jähriges Bestehen. Der Zürcher Stadtforstmeister Carl Anton Ludwig von Orelli hatte es 1869 als «Wildgarten» gegründet. Anfangs war es ein Gehege mit Damhirschen, Rehen und Gämsen. Es sollte laut von Orelli eine «bleibende Stätte des Genusses» werden, ein «Wallfahrtsort für Erholungsbedürftige und Lernbegierige.»

Zugleich wollte der Stadtforstmeister der Bevölkerung die Chance geben, trotz leergejagter Wälder einheimischem Wild zu begegnen. Der Langenberg im Sihltal, den die Stadt Zürich bereits im 16. Jahrhundert als Brennholzreservoir erworben hatte, bot sich dazu an.

Bis von Orelli seinen lang gehegten Traum erfüllen konnte, musste er aber noch den anfänglichen Widerstand des Regierungsrats überwinden. Doch er trieb sein Vorhaben zielstrebig voran. Um es umsetzen zu können, übernahm er die Finanzierung schliesslich selbst. Daraufhin stimmten der Zürcher Stadtrat und der Regierungsrat zu. Von Orelli zog vier Jahre nach der Eröffnung in ein Chalet auf dem Langenberg, wo er 1890 im Alter von 82 Jahren starb.

Der Wildgarten entwickelte sich und wurde später zum Wildpark. Seine Geschichte zeigt den Wandel im Verhältnis Mensch-Tier auf. «Anfänglich wurden die Bären im Langenberg den Besuchern in Ketten vorgeführt, dies im Graben unten», sagte Karin Hindenlang Clerc, Geschäftsführerin der Stiftung Wildnispark Zürich, kürzlich in einem Interview mit der «Zürichsee-Zeitung».

«Später, noch im alten Gehege, wurde eine Plattform gebaut, die Bären wurden wenigstens auf Augenhöhe angehoben. In der neuen, naturnahen Anlage können die Tiere nun entscheiden, wann sie sich den Besuchern zeigen wollen.»

Vor knapp zehn Jahren wurde der Wildpark Langenberg dann Teil des Wildnisparks Zürich. Die gleichnamige Stiftung, deren Trägerschaft sich aus Stadt und Kanton Zürich, den Gemeinden des Bezirks Horgen sowie Pro Natura Zürich zusammensetzt, entwickelte den benachbarten Sihlwald zum ersten Naturerlebnispark der Schweiz.

Der Sihlwald wurde weitgehend sich selbst überlassen, der Verkehr auf den Waldstrassen eingeschränkt. Voraussichtlich im Herbst entscheidet der Bund, ob der Sihlwald auch fürs kommende Jahrzehnt das neu geschaffene Label Naturerlebnispark tragen darf.

Versteckte Bären

Doch zurück zum Langenberg. Im Restaurant des Wildnisparks mischen sich Gerüche von Pommes frites und Ketchup. Vor allem Familien und Grosseltern mit Kindern sind anzutreffen. Durchs Panoramafenster blicken die grossen und kleinen Gäste zur Bärenanlage. Aber die Bären wollen sich gerade nicht blicken lassen. Dafür schleichen nur wenige Dutzend Schritte entfernt Wölfe durch den eingezäunten Wald. Von der Aussichtsplattform am Rande ihres Geheges aus sind sie gut zu beobachten. Schautafeln vermitteln dazu Wissenswertes über den Wolf.

Im neueren Westteil des Wildnisparks locken weitere Attraktionen. Eine Wisentfamilie verzehrt gerade ihr Mittagessen. «Hoi Bison», ruft ein Bub dem Wisent zu, der genüsslich an einem ausrangierten Tannenbaum knabbert.

Ein paar Schritte hangaufwärts gibts die Feuerhöhle mit Höhlenmalereien zu bestaunen – gesponsert von einem grossen Detailhändler, wie ein oranges Hinweisschild verkündet. Wir befinden uns auf dem Urzeit-Rundweg. Gen Westen schweift der Blick über das Häusermeer der Stadt Zürich, das in der Märzensonne leuchtet. Wildnis 2019.

Und der Wandel geht weiter: Als Nächstes soll laut Wildnispark-Sprecher Martin Kilchenmann das aus dem Jahr 1946 stammende Steinbock-Gehege erweitert werden. Geplant sei eine naturnahe Anlage, eine «Alpenwelt», in der nebst den Steinböcken auch die Murmeltiere ein neues Zuhause finden. Kilchenmann hofft, dass der Baubeginn in rund zwei Jahren stattfinden kann. «Wir sind daran, das nötige Geld zu sammeln.»