Zürich

13 Anrufe pro Tag wegen Ruhestörung: Meistens sind es Frauen

Epizentrum des Ausgangslärms. Fussballfans feiern lautstark an der Langstrasse.

Epizentrum des Ausgangslärms. Fussballfans feiern lautstark an der Langstrasse.

Der Lärmpegel steigt, die Toleranz nimmt ab. Besonders oft hat die Polizei das weibliche Geschlecht am Hörer – ob diese lärmempfindlicher sind oder nur im Auftrag ihres Mannes anrufen sei aber nicht klar.

Lärm ist ein Lehnwort aus dem Italienischen und geht auf den Ausruf «all’arme!» zurück. Das heisst so viel wie: «Zu den Waffen!» In der Stadt Zürich gilt das bis heute. Freilich greift der Städter in Zeiten des staatlichen Gewaltmonopols nicht selbst zur Waffe, vielmehr schlägt er bei der Polizei Alarm. Die Stadtpolizei verzeichnete im vergangenen Jahr 4550 Klagen wegen Ruhestörung. 2016 sind es bereits 3200. Das sind im Schnitt 13 Anrufe pro Tag. Meist stört der Fernseher oder das Fest der Nachbarn, das Geschrei von Fussballern oder das Dröhnen von Rollbrettern auf dem Asphalt. Ein weiterer Reklamationsklassiker ist Baustellenlärm.

Wer sich über Lärm beklagt, wird nicht systematisch erfasst. Es gibt aber offenbar Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Es ist vor allem Frau Zürcher, die ob akustischer Emissionen zum Hörer greife, sagt Stapo-Sprecher Marco Cortesi. «Ob Frauen lärmempfindlicher sind oder im Auftrag des Ehemannes anrufen, lässt sich freilich nicht ermitteln.»

Neuzuzüger motzen

Am Wochenende kommen die Reklamationen vor allem aus den Kreisen vier und fünf. Seit der Liberalisierung des Gastgewerbes Mitte der 1990er-Jahre hat sich die Zahl der Clubs insbesondere im Langstrassenquartier vervielfacht. Es wurde lauter, die Reklamationen nehmen zu. Dazu beigetragen hat auch das Rauchverbot. Seit dem 1. Mai 2010 müssen Trinker beim Rauchen vor die Türe. Man kommt ins Gespräch, es wird laut. Im Zentrum des Ausgangsquartiers liegt der Club «Zukunft». Seit elf Jahren kann Mitinhaber Dominik Müller die Entwicklung rund um die Langstrasse beobachten. «Der Lärm ist stärker gestiegen als die Reklamationen», stellt er fest. In letzter Zeit habe die Toleranz aber abgenommen. Er unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Gruppen von Reklamierern. Den Alteingesessenen, die auch das Rotlichtmilieu und die offene Drogenszene miterlebten, räumt er das Recht ein, sich über übermässigen Lärm zu beschweren. «Sie vergessen aber manchmal, dass sie auch älter geworden sind und ihr Bedürfnisse nach Ruhe nicht immer so gross war wie heute.» Weniger Verständnis hat Müller für Neuzuzüger, die vom lebendigen Quartier samt Bars und Clubs angelockt wurden, sich nun aber über den Lärm beschweren.

Es sind nicht nur ältere Leute, die sich direkt bei Clubs und Bars oder bei der Polizei über Lärm beklagen, beobachtet auch Koni Frei, Mitbesitzer zahlreicher Bars im Langstrassenquartier. «Meist finden wir im direkten Gespräch eine Lösung», sagt er. Das reicht vom Einbau zusätzlicher Schallwände bis zum Gratisdrink an der Bar. Die Stadt sucht das Gespräch mit Barbetreibern, hat die Polizeipräsenz erhöht und ein Beschwerdetelefon eingerichtet. Plakate mit mehr oder weniger originellen Slogans werben für Rücksichtnahme.

Gastrounternehmer Frei erlebte, wie die Lärmtoleranz Schritt für Schritt zurückging. Früher gab es keine Lautstärkenlimiten im Club, heute gelten Dezibelobergrenzen. Frei sieht die Gastronomen als Sündenböcke. «Es ist natürlich einfach, gegen Clubbesitzer vorzugehen. Dabei ist der Strassenlärm viel schlimmer. Es gibt Dutzende Strassen, die lauter sind, als sie sein dürften.» Lärm ist das Geräusch der anderen, schrieb Schriftsteller Kurt Tucholsky einst. Die anderen entsorgen zum Beispiel ihr Altglas zu Unzeiten. Die städtische Müllabfuhr hat neulich die zweite Altglassammelstelle eingezäunt und mit einem Zeitschloss gesichert. Das Tor lässt sich nur noch zwischen 7.00 und 20.00 öffnen. Anwohner hatten geklagt. Die anderen bleiben auch länger im Gartenlokal, als einem lieb ist. Ein Millionärspaar richtete Kameras auf eine Bar in einem Innenhof nahe des Paradeplatzes, um mutmassliche Verstösse gegen Bewilligungsbestimmungen zu dokumentieren. Und die anderen sprechen zu laut am Seeufer. Die linksalternative Beiz «Ziegel oh lac» musste die Anzahl Aussensitzplätze reduzieren, weil Anwohner einen Anwalt einschalteten. Wie die «Schweiz am Sonntag» berichtete, nimmt auch die Toleranz gegenüber Strassenmusikern ab. Die Anzahl Verzeigungen steigt. Die Band Soulmaniacs wehrt sich nun per Anwalt gegen die Beschlagnahmung ihrer Einnahmen.

Lärm ist das neue Rauchen

Wer aus diesen Anekdoten ableitet, nur reiche Spiesser hätten empfindliche Ohren, liegt falsch. Auch in der progressiven Genossenschaftssiedlung Kalkbreite soll sich mittlerweile eine Gruppe mit Lärm befassen, allerdings unter dem neutralen Namen «IG Akustik». «Die Gesellschaft ist heute stärker auf das Thema sensibilisiert», sagt Bärbel Zierl vom Zürcher Umwelt- und Gesundheitsschutz. Dessen Fachstelle Lärmschutz ist in der Stadt Zürich für den Vollzug der Lärmschutzverordnung zuständig. Im vergangenen Jahr schritt sie in 83 Fällen ein. Meist ging es um Heizungs-, Lüftungs- oder Klimaanlagen, die störende Geräusche verursachen. Zierl sagt, dass die Stadt in gewissen Zonen auch ruhiger geworden sei. Sie erinnert an Tempo-30-Zonen oder die Beruhigung der Weststrasse und stellt weitere Sanierungsprojekte in Aussicht. Während die Stadt darum kämpft, die Lärmschutzverordnung umzusetzen, steigt das Ruhebedürfnis der Bewohner. Lärm wird nicht mehr nur als Störung, sondern auch als Gesundheitsgefährdung wahrgenommen. Untersuchungen zeigen, dass Lärm stresst und krank macht. Nach dem Rauchen soll nun auch der Lärm als gesundheitsschädlicher Faktor ausgeschaltet werden.

Ein Klagen-Klassiker ging dieses Wochenende indes ungewohnt geräuschlos über die Bühne. Ein Stromausfall liess die Boxen am Werdinsel-Open-Air am Freitagabend verstummen. Als sie gegen 22.30 wieder liefen, war die bewilligte Zeit vorbei. In anderen Jahren beschwerten sich Anwohner auch schon nachmittags um drei, sagt Mitorganisator Ruedi Redinger. «Die Lärmklagen haben seit unserem ersten Open Air 1999 klar zugenommen.» Das liegt auch daran, dass der Anlass grösser wurde. Heute gehören Lärmklagen genauso dazu, wie die Auflagen der Stadt. «2008 mussten wir eine Busse bezahlen, weil wir fünf Minuten überzogen haben», erinnert sich Redinger.

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