Es ist kein Zufall, dass das Dermatologische Ambulatorium des Stadtspitals Triemli an der Herman-Greulich-Strasse im Kreis 4 liegt. Die Strasse ist benannt nach dem Gründer der Schweizer Sozialdemokraten und Kämpfer der Arbeiterbewegung.

Die Arbeiterklasse – sowie die Schicht darunter – hatte auch Max Tièche im Kopf, als er unweit vom heutigen Gebäude seine «Poliklinik für Haut- und Geschlechtskrankheiten» gründete. Vor allem Letztere grassierten damals in der Bevölkerung. Tripper und Syphilis waren bis zur Entdeckung von Penicillin nicht heilbar.

Am gestrigen Medientermin zur 100-Jahr-Feier des Dermatologischen Ambulatoriums skizzierte Stadträtin Claudia Nielsen den aus dem Berner Jura stammenden Tièche als starrköpfigen Kämpfer.

Er muss von Pontius zu Pilatus gerannt sein, bis sich der damalige Stadtrat 1913 dazu bewegen liess, Tièche mit der Eröffnung seiner Klinik zu beauftragen. Ein Segen soll sie für die damaligen Menschen im Arbeiterquartier gewesen sein, die sich nicht ins Unispital am noblen Zürichberg getraut hatten.

Eine Karikatur im Nebelspalter nahm die dazumal neue Klinik auf die Schippe: Auf der einen Bildhälfte vergnügen sich die Männer mit leichten Damen, auf der anderen rennen sie mit gebücktem Kopf ins «Dermi».

Besorgniserregende Zunahme

Geschlechtskrankheiten beschäftigen die Ärzte des heutigen Ambulatoriums noch immer – respektive wieder, wie der Chefarzt, Professor Stephan Lautenschlager ausführte. Lautenschlager ist gerade mal der fünfte Chef in hundert Jahren. Sein Ambulatorium war das erste, das im letzten Jahrzehnt in der Schweiz die Zunahme von sexuell übertragbaren Krankheiten dokumentiert hatte.

Allein im vergangenen Jahr nahmen die Tripper-, respektive Gonorrhö-Fälle um 17 Prozent zu. Sorgen bereiten den Medizinern, dass immer mehr Erreger gegen die bisher eingesetzten Antibiotika Resistenzen zeigen. «Im Moment gibt es noch ein Medikament, gegen das der Gonorrhö-Erreger nicht resistent ist», so Lautenschlager.

Immer mehr Hautkrebsfälle

Vor hundert Jahren praktisch kein Thema war im Gegensatz zu heute der Hautkrebs. Hauttumore machen einen gewichtigen Teil der Diagnosen aus. Ein Körperscanner erleichtert im Ambulatorium die Überwachung von Muttermalen.

Das Gerät fotografiert den gesamten Körper und vergleicht die Aufnahmen mit früheren. Stellt es eine Veränderung auf der Haut fest, schlägt es Alarm. Dann kann der behandelnde Arzt den Fleck genauer unter die Lupe nehmen, und allenfalls chirurgisch entfernen. Melanome sind eine der häufigsten Todesursache bei 20- bis 40-Jährigen.

Für den weniger gefährlichen weissen Hautkrebs stehen weitere, nichtchirurgische Behandlungsmethoden zur Verfügung. So demonstrierte die Belegschaft etwa den Einsatz von Radiotherapie mit «weichen Röntgenstrahlen», die im Vergleich zur Bestrahlung bei anderen Krebsformen nur gering radioaktiv seien. Nach zwölf Behandlungen soll der Tumor nicht mehr sichtbar sein.

Offen für alle

Wie zu Zeiten Tièches, so Lautenschlager, sei das «Dermi» heute für alle Schichten da. 15 428 Patienten behandelte es vergangenes Jahr, viele davon kamen einfach in die offene Sprechstunde. Für Stadträtin Nielsen passt das Ambulatorium deshalb zur städtischen Gesundheitsversorgung: «Sie erbringt ihre Leistungen für alle.»