Er habe etwa einen Monat an diesem Raum gearbeitet, sagt Walter Stalder und blickt auf den Plattenboden im Keller des Alten Schulhauses an der Schlieremer Freiestrasse. «Jede einzelne Platte verlegten wir damals. Doch es hat sich gelohnt. Freizeit Schlieren hat hier ein würdiges Lokal gefunden», resümiert er. Der 77-jährige wurde an der gestrigen Generalversammlung von Freizeit Schlieren, mit rund 800 Mitgliedern einer der grössten Vereine der Region, als Präsident verabschiedet. Der Verein bietet seit 45 Jahren zahlreiche Kurse und Veranstaltungen im Bereich Freizeit, Handwerk, Kunst, Sprachen und Kultur an. Interessengruppen wie etwa fürs Weben, Töpfern, Kerzenziehen, Steinschleifen, Nähen und Schwyzerörgeli-Spielen sind im Verein eingegliedert.

Während 25 Jahren stand Stalder an der Spitze und erlebte den starken Wandel des Freizeitverhaltens aus nächster Nähe. «Die gravierenden Unterschiede zwischen unserem Programm von 1994 und heute sind nicht von der Hand zu weisen», sagt Stalder. Damals seien Kurse wie Strohsterne flechten, Astrologie, Physiognomik, Glasritzen und Krippenfiguren machen sehr populär gewesen. Heute hingegen wollen die Schlieremer lieber Kurse zum Thema Gesundheit besuchen wie etwa Yoga oder Pilates. «Generell laufen Einzelveranstaltungen wie Stadt- oder Firmenführungen besser als regelmässig stattfindende Kurse. Man will sich nicht mehr festlegen», konstatiert Stalder.

Die rückläufigen Mitgliederzahlen der Vereine machten auch vor Freizeit Schlieren nicht Halt. Doch vor drei Jahren erfand sich die Schlieremer Institution neu. Neues Logo, überholtes Programm, moderne Website und professionalisierter Vorstand folgten. «Dies war nur möglich dank meinem Nachfolger Charly Mettier, der mit viel Herzblut und Elan an die Sache herangegangen ist. Ich bin froh, dass ich den Verein einem wie ihm übergeben kann.»

Doch wird auch sein Nachfolger auf Widerstände treffen. So stiegen zwar die Mitgliederzahlen zwischen 2016 und 2019 von rund 700 auf 800. «Der Vorstand entrichtet für ein paar Hundert Franken Entschädigung jährlich derart viel Arbeit, dass die Rekrutierung neuer Vorstandsmitglieder wohl zur Knacknuss werden wird», erklärt Stalder. Niemand wolle mehr gratis arbeiten oder einem Verein seine Zeit zur Verfügung stellen. Dies zeigt auch das Eingehen der IG Familie und der IG Paraplü, die Freizeit Schlieren angegliedert waren. Beide mussten sich auflösen, da der Vorstand zu überlastet und Hilfe aus den Reihen der Mitglieder ausgeblieben war. «Mit Beruf und Familie bleibt nicht mehr viel Zeit für gemeinnütziges Engagement», sagt Stalder.

Unterstützung ist Notwendig

Alleine für den administrativen Aufwand in der Programmierung, der Buchhaltung und der Kommunikation sei eine 20- bis 30 Prozent-Stelle bei Freizeit Schlieren gerechtfertigt, liess der Vorstand bereits vergangenes Jahr verlauten. Auch solle die Entschädigung für die intensive Arbeit des Vorstandes generell erhöht werden. «Wendet man Zeit für den Verein auf, verzichtet man unter Umständen auf bezahlte Arbeitsstunden», so Stalder. Zwar verfügt der Verein derzeit über ein solides Vermögen. «Dies ist jedoch keine Grundlage für eine langfristig faire Entlöhnung.» Eine finanzielle Unterstützung der Stadt scheint Stalder mehr als notwendig, da sein Verein eine Dienstleistungs-Funktion übernehme, die in anderen Gemeinden wie Dietikon und Urdorf von der Gemeinde mitgetragen werde. «Spielt jemand Basketball in einem Klub, geht man seinem Hobby nach. Doch Stadtführungen, Handwerkskurse oder Kerzenziehen, wie wir es anbieten, ist reine Dienstleistung», so Stalder. Daher nehme Freizeit Schlieren auch eine wichtige Funktion im gesellschaftlichen Leben der Stadt ein.

Insbesondere zeigte sich dies 2016, als die Stadt ihren Kulturpreis der Vereinigung verlieh. Die Goldene Lilie hängt seither perfekt ausgeleuchtet im Klubraum im alten Schulhaus. «Dass die Stadt überhaupt auf die Idee kam, diesen prestigeträchtigen Preis einem Verein zu verleihen, hat mich sehr gerührt. Das war der absolute, unangefochtene Höhepunkt meiner Präsidentschaft», sagt Stalder. Der zweite sei wohl das mehrtägige Fest anlässlich des 25. Jubiläums im Jahr 1999 gewesen, sagt Stalder und blättert in der Festzeitung von damals.

Wertschätzung der Stadt wünscht er sich aber auch in finanzieller Form. In denn 1990ern entrichtete die Stadt einen vierstelligen Betrag für den Druck des Kursprogrammes. Ein Zustupf, der dem Spardruck zum Opfer fiel. «Diese Streichung muss ein Fehler gewesen sein. Stadtpräsident Bärtschiger könnte diese Zahlung eigentlich wieder aufnehmen», sagt Stalder scherzhaft.

Bekümmert es ihn, dass er über Jahrzehnte ehrenamtlich organisiert, unterrichtet und im Fall des Klubraums Platten verlegt hat, seine Nachfolger nun aber für einen solchen Einsatz abgegolten werden sollen? «Kein bisschen. Ich habe jede Sekunde, die ich für Freizeit Schlieren eingesetzt habe, gern hergegeben.» Dass es nun eine zeitgemässe Entlöhnung brauche, dafür habe er viel Verständnis.

Neu in der Programmgruppe

Ganz von der Bildfläche verschwinden wird Stalder definitiv nicht. Er werde noch immer als Abwart des Klubraumes, wie er sich selber bezeichnet, agieren. Zudem ist er neu Mitglied der Programmgruppe, die sich mit möglichen Kursen und Besichtigungen beschäftigt. Kurse geben wird er allerdings nicht mehr. Früher unterrichtete er im Verein den Umgang mit Holz, wozu er prädestiniert war. Denn der gelernte Maschinenschlosser bemerkte seine Passion fürs Schreinern bald und wurde bei der heutigen Berufswahlschule Leiter der Schreinerwerkstatt. Diese führte er 37 Jahre lang, bevor er vor 12 Jahren pensioniert wurde.

Was macht Stalder nun mit der zusätzlichen freien Zeit? Er rümpft kurz die Nase, bevor sich sein Mund zu einem Schmunzeln formiert. «Das hat mich meine Frau auch gefragt», sagt er lachend. Er wird wieder ernst und verweist auf seinen Garten, den er gern pflege und eine ausgeklügelte Modelleisenbahn, die er unterhalte. «Langweilig wird mir ganz bestimmt nicht.»