Lehrerstreik
«Wir streiken nicht auf dem Buckel der Kinder»

Die Lehrer fordern eine Entlastung. Ein damit einhergehender Streikaufruf sorgte aber für wenig Anklang an den Schulen.

matthias kessler
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Limmattaler Zeitung

Die Glocke ertönt, Kinderstimmen sind von weitem zu hören, Schritte, viele kleine, einige grosse. Wenig später treffen elf Lehrpersonen, eine nach der anderen, im Singsaal der Schuleinheit Zentral in Dietikon ein. Es ist Mittwoch, kurz nach 12Uhr, die Schule ist aus – zumindest für die Schülerschaft.

Für die Lehrerinnen und Lehrer, die sich im Singsaal treffen, steht eine weitere wichtige Stunde auf dem Plan: Zum Thema «Wo stehen wir mit unseren Forderungen hinsichtlich einer Entlastung?» orientiert Urs Loosli, Dietiker Lehrer und Präsident des Lehrerverbands SekZH. Und fragt: «Was sind wir bereit zu tun, um unsere Forderungen durchzusetzen?»

Eigentlich war die letzte Unterrichtsstunde von gestern Mittwoch, jene von 11bis 12Uhr, kantonsweit für diese Personalversammlung vorgesehen gewesen, was einem Streik gleichgekommen wäre. Dazu aufgerufen hatten neben dem Verband SekZH auch der Zürcher Lehrerverband ZLV und die Gewerkschaft VPOD. Mit der Aktion sollte es darum gehen, auf die hohe Belastung hinzuweisen; eine Lehrperson leistet gemäss Lehrerverbandsstudie 300 Überstunden pro Jahr. Konkret gefordert wird eine Entlastung der Lehrpersonen, eine Reduktion von mindestens zwei Wochenstunden bei den Pflichtpensen.

Auf das Unterrichten konzentrieren

In Dietikon habe man einen Konsens gefunden und darauf verzichtet, die Aktion während der Unterrichtszeit durchzuführen, sagt Thomas Bopp, «Zentral»-Schulleiter. Das Credo der Dietiker Lehrerschaft: «Wir streiken nicht auf dem Buckel der Kinder.»

Für Gerold Schoch, Abteilungsleiter der Schule Dietikon, ist es ein gutes Zeichen, dass die Dietiker Lehrerschaft die Aktion ausserhalb der Unterrichtszeit und somit nicht auf Kosten der Schülerschaft durchgeführt habe. Und es gebe einige Anliegen vonseiten der Lehrpersonen, die er unterstütze, die Forderung nach Entlastung etwa, damit sich die Lehrerinnen und Lehrer wieder hauptsächlich auf das Unterrichten konzentrieren könnten. Einige Forderungen gingen aber auch zu weit.

«Nicht einmal zum Streiken Zeit»

Keine Aktionen im Zusammenhang mit dem Aufruf der Personalverbände gab es an der Schule in Urdorf einerseits, wie Hans Karrer, Leiter Schulverwaltung, erklärt, an der Schule Schlieren andererseits. Eine Schuleinheit habe für sich festgelegt, sagt Abteilungsleiterin Monika Deplazes, die entsprechenden Punkte im pädagogischen Team zu besprechen, bei den anderen Schuleinheiten stehe noch nicht fest, in welchem Rahmen über die Problematik diskutiert werde.

«Wir sind dem Aufruf der Verbände innerlich gefolgt, aber nicht äusserlich», sagt Iris Hochschorner, Schulleiterin an der Sekundarschule Birmensdorf. Die Zeit im November sei intensiv, die Lehrpersonen hätten sehr viel zu tun, und sie wollten ihre Aufgabe bestmöglich wahrnehmen: «Wir haben nicht einmal zum Streiken Zeit», meint sie schmunzelnd. Grundsätzlich sei das Ganze aber eine ernste Angelegenheit, eine Entlastung der Lehrpersonen sei wichtig, und gerade die Information vonseiten der entscheidenden Stellen, was denn nun tatsächlich geplant und umsetzbar sei, lasse zu wünschen übrig.

Eine Aktion an der PSOG

Eine der drei Schuleinheiten der Primarschule Oetwil-Geroldswil (PSOG) habe eine Aktion durchgeführt, hält Schulpräsident Peter Lehmann seinerseits fest. Während einer Lektion habe der Unterricht geruht und die Lehrpersonen hätten sich intensiv der Belastung und der Arbeitssituation gewidmet. Die Betreuung der Kinder sei gewährleistet gewesen.

Er habe Verständnis für die Anliegen der Lehrpersonen, so Lehmann. Die Belastung sei sehr hoch und müsse «unbedingt ernst genommen werden» – es gehe um die Gesundheit der Lehrpersonen. Zudem bestehe die Gefahr, dass bestens qualifizierte Lehrerinnen und Lehrer der Schule den Rücken kehrten, was bei der herrschenden Lehrerknappheit sehr problematisch wäre. Allerdings erachte er den Zeitpunkt und die Art der der Aktion für unpassend. Das Volksschulamt behandle das Projekt «Belastung/Entlastung» mit hoher Priorität. Einiges werde bereits in die Wege geleitet und so rasch als politisch möglich umgesetzt. Zudem sei man auch auf kommunaler Ebene bemüht, im Rahmen der Möglichkeiten die Lehrpersonen zu unterstützen.

Zurück im Singsaal des Zentralschulhauses. Es gehe ihm darum, sagt Verbandschef Loosli, «ein Stimmungsbild» zu erhalten. Für die anwesenden Lehrpersonen steht, wie die folgende Diskussion zeigt, ausser Frage, dass eine Entlastung nottue. Gleichzeitig wird betont, dass man nicht «Spielball der Politik» sein wolle und dass man sich innerhalb der Lehrerschaft «nicht selbst zerfleischen» dürfe.