Dietikon
«Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen»

Ein Waldrundgang mit dem Dietiker Revierförster Felix Holenstein – ein halbes Jahr nach der Sturmnacht vom 13. Juli. Der Förster zeigt sich aber optimistisch: «Die Natur erholt sich schnell».

Katja Landolt
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Die Schrebergärten im Fondli am Tag danach
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Sturmschäden in Dietikon
Ein vom Sturm zerstörter Baum wurde im Juli vor dem Dietiker Stadthaus als Mahnmal aufgestellt
Der Sturm hat die Getreidefelder zerzaust
Am Morgen nach dem Sturm hängt der Hagel noch in den Netzen
Aufräumarbeiten im Röhrenmoos-Wald oberhalb der Hundshütte in Dietikon eine Woche nach dem Sturm
Jahrzehntealte Nussbäume, die sogar den Lothar überlebt haben, wurden entwurzelt
Mit dem Vollernter rücken die Forstarbeiter eine Woche nach dem Sturm dem Holz zuleibe
Eine Woche nach dem Sturm türmt sich am Waldeingang in Dietikon das Sturmholz

Die Schrebergärten im Fondli am Tag danach

Limmattaler Zeitung

Einige junge Bäume hat der Sturm nicht knicken können, sie bloss zu Boden gedrückt. Dort, wo sich die elastischen Stämme am stärksten biegen, hat sich die Rinde gerunzelt. Sie haben dem Sturm getrotzt. Dem Sturm, der heute vor sechs Monaten laut Revierförster Felix Holenstein im Gebiet Röhrenmoos so schlimm gewütet hat wie einst Lothar. Neben den jungen Bäumen türmen sich meterhohe Wände aus Holzstämmen.

«Dietikon war mit Ausnahme von Zofingen der Flecken Schweiz, den es am schlimmsten erwischt hat», sagt Holenstein. War man Ende Juli noch von einem Schaden von 1000 bis 1500 Kubikmeter Holz ausgegangen, die dem Sturm zum Opfer gefallen waren, hat sich die Zahl ein halbes Jahr später auf 3000 bis 4000 Kubikmeter erhöht. «Das entspricht ungefähr dem Doppelten des jährlichen Zuwachses des Dietiker Waldes.»

Mit blauem Auge davongekommen

Rückblick: Kurz und heftig war der Sturm über dem Limmattal in der Nacht vom 12. auf den 13. Juli gewesen. Nur knappe 15 Minuten hatte der Spuk gedauert, die Schäden aber waren enorm: In Dietikon wurden ganze Felder vom Hagel zerzaust, Obst zerschlagen, das Gemüse in den Gärten zerfetzt. Im Röhrenmoos-Wald fielen die Bäume reihenweise um, so wie auch in den Schrebergärten im Fondli. Es kam zu einem Stromunterbruch und aus den Trauben an den Hängen von Weiningen wurde aus einem «Spitzenjahrgang» innert Minuten ein «Totalausfall» – so die ersten Reaktionen.

In den Tagen nach dem Sturm befürchtete auch Holenstein einen grossen finanziellen Schaden, insbesondere wegen fehlender Absatzmöglichkeit. Denn normalerweise wird das Holz im Winter gefällt und dann von den Holzverarbeitern eingekauft. Im Sommer ist die Nachfrage gering. Heute sieht die Welt rosiger aus: «Wir konnten das Holz gut verkaufen und so den finanziellen Schaden begrenzen. Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen», sagt er. Dabei habe das trockene Wetter eine entscheidende Rolle gespielt: Das Holz, das im Sommer voll im Saft ist, ist pilzanfällig und wird schnell schwarz. Die Trockenheit hat diesen Prozess gehemmt.

Trotzdem: Rund 30 Prozent des sägefähigen Holzes wurde wegen der Schäden zu Energieholz, das später in geschnetzelter Form als Heizmaterial dient. Dieser Qualitätsunterschied schlägt sich im Preis nieder. Hatte ein Festmeter sägefähiges Holz im Sommer 120 Franken Wert, waren es beim Energieholz nur 50 Franken. Der finanzielle Schaden für den Waldbesitzer, die Holzkorporation Dietikon, sei der eine, so Holenstein – der emotionale der andere. Die meisten umgestürzten Bäume waren zwischen 80 und 100 Jahre alt. «Der Sturm hat die Arbeit mehrerer Generationen, Waldeigentümern und Förstern innert Minuten zerstört.»

Letzte Aufräumarbeiten in Gang

Auch wenn das Unwetter ein halbes Jahr her ist, dauern die Aufräumarbeiten noch an. «Bis in einer Woche werden die Arbeiten aber abgeschlossen sein», sagt Holenstein. In diesen Tagen würden diejenigen Bäume gefällt, die zwar noch grüne Blätter haben, aber beschädigt sind und demnächst absterben würden. «Wir haben bei der ersten Aufräumrunde nichts gefällt, was noch stand und kein Sicherheitsrisiko dargestellt hat», so Holenstein.

In die Zukunft schaut Holenstein optimistisch. «Die Natur erholt sich schnell», sagt er, stellt dies aber in Relation: «‹Schnell› bedeutet für den Wald ‹in zehn Jahren›.» In den nächsten Monaten werde der Jungwald gepflegt, das heisst, Platz für die jungen Bäume geschaffen und Ergänzungspflanzungen vorgenommen, um die Artenvielfalt zu garantieren. Dass mit dem Sturm die Planung der Förster durcheinander geraten ist, sei nicht schlimm, sagt Holenstein. «Wir sind uns solche Vorfälle gewohnt, sie gehören zu unserem Job. Wir arbeiten in und mit der Natur – da muss einem bewusst sein, dass man nicht alles planen kann.»