Der Anblick dürfte Bähnler-Herzen höherschlagen lassen: Im Hauptbahnhof Zürich sind heute von 15 bis 19 Uhr Oldtimer-Züge zu besichtigen – auch mit Lokführern. Der rote Doppelpfeil «Churchill» ist auf den Gleisen 12 und 13 dabei, ebenso die Lok «Krokodil», ein Dampftriebwagen der Uerikon-Bauma-Bahn und ein alter Triebwagen der Sihltal-Zürich-Üetlibergbahn (SZU).

Anlass für das Stelldichein der alten Züge ist der 100. Geburtstag der Gewerkschaft SEV. Ursprünglich ein Verband der Eisenbahn-Angestellten, ist sie heute fürs Personal aus allen Bereichen des öffentlichen Verkehrs zuständig. Was beschäftigt die öV-Gewerkschafter im Raum Zürich aktuell?

«Die Rekrutierung von Personal gestaltet sich immer schwieriger», sagt Stefan Bruderer. Er ist Co-Präsident der SEV-Sektion Zürich des Lokomotivpersonals und Mitorganisator des dreitägigen Jubiläumsanlasses im Hauptbahnhof.

Gründe für die Rekrutierungs-Probleme seien zum einen die Schichtarbeit, zum anderen auch Aggressionen, denen das Personal in den Zügen ausgesetzt sei. Zwar gebe es mit den SBB eine Abmachung, wonach abends immer zwei Kondukteure pro Zug mitfahren müssten. Doch wegen des Personalmangels werde diese Abmachung nicht immer eingehalten.

Hinzu kämen die von manchen als unsicher eingeschätzten Zukunftsaussichten, Stichwort Digitalisierung. Die Vision von autonom fahrenden Zügen geistert in der Branche herum. «Die SBB wollen die Automatisierung vorantreiben», sagt Bruderer, «aber es wird immer noch Personal in den Zügen geben.» Dazu hätten sich die SBB bekannt. Dennoch führten die genannten Faktoren zu einem Unterbestand an Lokführern. Dies erschwere die Arbeitsbedingungen und führe mitunter zu Zugsausfällen. «Wir laufen am Limit», sagt Bruderer. Auch die Löhne müssten laut dem Gewerkschafter besser sein. Heute belaufe sich der Einstiegslohn für Lokführer nach der Ausbildung auf bescheidene 65'000 Franken pro Jahr.

Trotz der kritischen Punkte bezeichnet Bruderer den kürzlich in Kraft getretenen neuen Gesamtarbeitsvertrag der SBB als besten GAV der Schweiz. So könne dem SBB-Personal aus wirtschaftlichen Gründen nicht gekündigt werden. Auch der 20-tägige Vaterschaftsurlaub sei bemerkenswert. Sein Fazit: «100 Jahre SEV heisst auch 100 Jahre gelebte Sozialpartnerschaft mit den SBB.»

Hoffen auf Vertrag mit der Üetlibergbahn

Die Sozialpartnerschaft im öffentlichen Verkehr ist nicht überall gleich gut, das wird im Gespräch mit SEV-Gewerkschaftssekretärin Edith Graf-Litscher deutlich. So hätten die SZU und die Verkehrsbetriebe Zürichsee und Oberland (VZO) als einzige Verkehrsunternehmen im Raum Zürich keine Firmenarbeitsverträge. Von einer verbindlichen Sozialpartnerschaft wie bei den SBB seien sie daher weit entfernt. Doch aufgrund des kürzlich erfolgten Direktionswechsels bei der SZU hofft Graf-Litscher, dass nun etwas geht.

Vorbildlich funktioniere die Sozialpartnerschaft bei der Aargau Verkehr AG, die 2018 aus der Fusion der Bremgarten-Dietikon-Bahn mit der Wynental- und Suhrentalbahn hervorging. Sie ist für den Betrieb der Limmattalbahn zuständig.

Rechtsstreit um das Hornen der Schiffe

Ein weiteres Thema, das den SEV im Raum Zürich beschäftigt, ist eine Lärmklage gegen mehrere Kapitäne auf dem Zürichsee. Schon vor zwei Jahren sorgte das Hornen der Schiffe für Schlagzeilen. Nun hat ein Anwohner von der Goldküste laut Graf-Litscher Anzeige gegen mehrere Kapitäne der Zürichsee-Schifffahrtsgesellschaft eingereicht. «Wir bekamen deshalb im Juni und Juli einige Rechtsschutzgesuche», sagt die Gewerkschafterin. Die Anzeigen seien für die Kapitäne eine erhebliche Belastung, schliesslich würden Signaltöne zur Sicherheit der Schwimmer und der andern Seenutzer abgegeben. «Für unsere Leute steht die Sicherheit an erster Stelle. Sie setzen die Hornsignale pflichtbewusst ein», sagt die Gewerkschafterin. Die Fälle seien noch hängig.