Urdorf

Wieso dieser Schulleiter aus Tansania die Kantonsschule Limmattal besuchte

Ingrid Wenk-Siefert zeigte Valentine Tarimo den Alltag in der Kantonsschule Limmattal.

Ein tansanischer Schulleiter hat die Kantonsschule Limmattal besucht. Valentine Tarimo verliess dafür Afrika zum ersten Mal überhaupt.

«Wir können viel von Ihnen lernen», sagte Ingrid Wenk-Siefert zum tansanischen Schulleiter, Valentine Tarimo. Letzterer begleitete sie in diesen Tagen durch die Kantonsschule Limmattal und die Schweiz. Er leitet eine Schule in Kisimiri, einem Dorf 60 Kilometer westlich des Kilimanjaro. 960 Schülerinnen und Schüler und 52 Lehrkräfte sind Teil dieser Schule.

Wenk-Siefert ist Biologie- und Chemielehrerin an der Kantonsschule Limmattal und hat Tarimos Besuch initiiert. «Ich lernte ihn im Rahmen einer Weiterbildung an der Secondary and High School in Kisimiri kennen», sagt sie. «Ich wollte, dass er sieht, wie Schule in der Schweiz funktioniert.» Sie habe während ihres Besuchs in Tansania viel lernen können und wollte das Tarimo auch ermöglichen. «Es ist mein erstes Mal, dass ich überhaupt ausserhalb von Afrika bin», sagt Tarimo.

Alle haben bestanden

Valentine Tarimo hat ein ehrgeiziges Ziel. «Wir möchten auch in Bezug auf die nationalen Sekundarschulabschlussprüfungen unter die Top 50 der tansanischen Schulen kommen», sagt er. In Tansania werden die Schulen aufgrund der Ergebnisse ihrer Schülerinnen und Schüler bei den zentralisierten staatlichen Abschlussprüfungen jährlich benotet und in eine Rangliste eingeteilt. Landet eine Schule hoch oben auf der Liste, erhält sie beispielsweise Priorität bei der Zuteilung neuer Naturwissenschaftslehrer. Diese sind im ganzen Land tendenziell Mangelware.

Bei den nationalen Prüfungen fielen vor acht Jahren 75 Prozent der Schülerinnen und Schüler der Schule in Kisimiri durch. «Wir haben entschieden, dass es so nicht weitergehen konnte, und starteten ein Programm», so Tarimo. Zudem hätten sie die Anzahl Ferienwochen für Prüfungskandidatinnen und -kandidaten um acht Wochen reduziert, um mehr Zeit für die Repetition des Stoffes zu schaffen. Die beiden Massnahmen zeigten Wirkung: Vor zwei Jahren bestanden 100 Prozent der Schülerinnen und Schüler die Prüfung und einige stachen gar mit Bestnoten heraus. 2018 waren es nur zwei Prozent weniger. Wie hat der Schulleiter Tarimo das erreicht? «Wir haben der Schülerschaft vermittelt, dass wir an sie glauben.» So wollten sie ihr Selbstbewusstsein steigern. «Wenn die Schüler merken, dass wir ihren Fähigkeiten vertrauen, arbeiten sie härter», sagt Tarimo. Wenk-Siefert zeigt sich beeindruckt. «Das sollten wir in der Schweiz ins Zentrum rücken», sagt sie. Schliesslich stünden die Schülerinnen und Schüler im Zentrum der Bemühungen unserer Arbeit.

Tarimo besucht das Limmattal, um geografische und soziokulturelle Erfahrungen zu sammeln. Ihm fällt am meisten die Pünktlichkeit auf. «Hier ist alles geplant und organisiert. Die Leute sind pünktlich», sagt er. Das wolle er in Kisimiri künftig ähnlich umsetzen. «Wenn die Schülerinnen und Schüler rechtzeitig erscheinen, kann man die Zeit viel effizienter nutzen.» Zudem gibt es noch andere Unterschiede: «Während es bei der Kantonsschule Limmattal um die Ausrüstung mit Laptops oder Tablets geht, müssen wir zur Zeit darauf achten, dass alle Schülerinnen und Schüler überhaupt einen Sitzplatz im Klassenzimmer haben.»

«Wir brauchen Wasser»

Tarimo hat abgesehen von den Leistungen seiner Schüler noch andere Probleme, die es zu lösen gilt. Allen voran die Wasserversorgung. «Wir brauchen Wasser», sagt er. «In unserer Schule sind mehr als 1000 Personen. Wir brauchen unseren eigenen Brunnen.» Eine Lösung ist bereits in Planung, denn unter der Schule befindet sich in 170 Meter Tiefe ein Grundwasservorkommen. Dieses könnte durch eine Bohrung erschlossen werden. Doch ohne Spenden geht das nicht. Tarimo arbeitet hart daran, Sponsoren zu finden. Bisher noch erfolglos. «Wir packen das», ist er sich sicher. Er hat schon vieles durchgesetzt, beispielsweise liess er Abfalleimer auf dem ganzen Schul-Areal befestigen und eine Mensa bauen. «Dort können unsere Schüler und Lehrer gemeinsam ihre Mahlzeiten einnehmen, das unterstütz das Gemeinschaftsgefühl», so Tarimo. Auch die Eltern und die Schülerschaft helfen beim Umbau mit: Sie schleppen Steine, schaufeln Sand oder heben Sickergruben aus. «Wir müssen den Familien beibringen, dass sie als Gesamtes ein Teil der Lösung sind.»

Der Schulleiter ist besonders stolz darauf, dass die Schülerinnen und Schüler gerne lesen. «Wir haben die Lese-Kultur in unsere Schule gebracht.» Die Lehrer hätten ihnen erklärt, dass Bücher der Schlüssel zu Wissen seien und dies der Weg zum Erfolg. «Sobald sie es können, lieben sie es, zu lesen», sagt er.

Tarimo ist glücklich über den Austausch mit Ingrid Wenk-Siefert, mit der er über den Verein Friends of Kisimiri weiterhin in Verbindung steht. «Ich schätze es sehr, dass ich hier sein darf», so Tarimo. Den Friends of Kisimiri sei er unglaublich dankbar. «Sie unterstützen uns immer wieder finanziell und helfen uns, Projekte zu realisieren», sagt der 41-Jährige. Wenk-Siefert findet den Besuch des tansanischen Schuldirektors eine Bereicherung für die Kantonsschule Limmattal. «Im Austausch miteinander kann man sehr viel lernen», sagt sie.

Autorin

Michelle Panza

Michelle Panza

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