Naturschutz
Wie die zusätzlichen Millionen für die Biodiversität zu verwenden sind

Baggern für die Biodiversität: Das ist einer der Vorschläge, die Andreas Hasler von Pro Natura im Köcher hat, damit der Kanton Zürich mit der Umsetzung des Naturschutz-Gesamtkonzepts endlich schneller voran kommt. Auch andere Fachleute sagen, wie die vom Kantonsrat gutgeheissenen zusätzlichen Gelder zu verwenden sind.

Matthias Scharrer
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Das Fördern von Magerwiesen ist einer der Handlungsschwerpunkte, mit denen die Artenvielfalt zu erhalten ist.

Das Fördern von Magerwiesen ist einer der Handlungsschwerpunkte, mit denen die Artenvielfalt zu erhalten ist.

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Jahrzehntelang fristete der Naturschutz finanziell ein Mauerblümchendasein. So schrieb der Zürcher Regierungsrat 2015 in einer Zwischenbilanz zum 20 Jahre zuvor erlassenen kantonalen Naturschutz-Gesamtkonzept: «Um die angestrebten Ziele erreichen zu können, sind massgeblich mehr Mittel nötig.» Fünf Jahre später ist es soweit: Der Kantonsrat macht für den Naturschutz deutlich mehr Geld locker. Er sprach sich diese Woche dafür aus, künftig zwischen 40 und 80 Millionen Franken pro Jahr in den Natur- und Heimatschutzfonds einzulegen. Aktuell sind es maximal 30 Millionen. Was soll mit den zusätzlichen Millionen geschehen?

Andreas Hasler ist Geschäftsleiter von Pro Natura Zürich und GLP-Kantonsrat. Er zählt zu den Machern der Natur-Initiative, die den Anstoss zur Aufstockung der Naturschutz-Gelder gab. «Wir haben grossen Nachholbedarf», sagt Hasler.

So wären gemäss Naturschutz-Gesamtkonzept 4000 Hektaren artenreiche Magerwiesen nötig. Vorhanden seien, je nach Zählweise, 200 bis 600 Hektaren, wie der Kanton 2015 bilanzierte. Nicht viel besser sieht es bei den Mooren aus: Nötig wären 3100 Hektaren hochwertige Moore, vorhanden seien 1800 Hektaren, wovon nicht alle hochwertig seien. Und statt der angepeilten 1000 Hektaren lichten Waldes gibt es davon laut Baudirektion kantonsweit 570 Hektaren, um nur einige Beispiele zu nennen.

Massnahmen im eigenen Garten

Auch privates Engagement könne helfen, betont Hasler. So trage es zur Biodiversität bei, wenn man im Garten einheimische Hecken pflanze, Stein- oder Holzhaufen liegen lasse, Wiesenblumenmischungen ansähe und keine Pestizide einsetze. Auch Tierfallen gelte es zu vermeiden, etwa, indem man über Kellerfenster-Schachten ein feinmaschiges Gitter platziere, sodass keine Kleintiere in den Abgrund stürzen. «Das alles kostet fast nichts», so der Pro-Natura-Chef.

Win-win-Situationen für Natur und Landwirtschaft

Um grossflächig etwas zu bewirken, seien aber oft Tiefbau-Massnahmen nötig. «Und das geht schnell ins Geld», sagt Hasler. So könne es angezeigt sein, die oberste Bodenschicht abzutragen, um eine Magerwiese zu schaffen. Mit der weggebaggerten Erde liessen sich andernorts Fruchtfolgeflächen aufwerten, sodass die Landwirtschaft profitiere.

«Natürlich wollen wir für den Naturschutz nicht den ganzen Kanton Zürich umgraben», sagt Hasler. «Aber teils ist dies sinnvoll und schafft eine Win-win-Situation.»

Auch zur Aufwertung von Moorlandschaften brauche es bisweilen bauliche Eingriffe. Bei vielen vertrockneten Mooren gebe es Entwässerungsgräben aus der Zeit, als noch Torf zum Heizen abgebaut wurde. Abhilfe schaffen können laut Hasler in den Boden versenkte Bretterwände: «Sie verhindern, dass zu viel Wasser abfliesst.»

Die Renaturierung von Fliessgewässern gehe ebenfalls schnell ins Geld. Hierbei sei der Nachholbedarf besonders gross: Gesetzlich vorgegeben ist, dass der Kanton Zürich 400 Kilometer Fliessgewässer renaturiert. Umgesetzt seien davon erst 10 Kilometer.

Artenvielfalt ist auch für den Menschen überlebenswichtig - diese Einsicht ist mittlerweile politisch breit abgestützt: Zur Mehrheit für mehr Naturschutz-Gelder trugen im Kantonsrat sowohl die links-grünen Parteien als auch die FDP, die CVP und die EVP bei.

«Wir haben eine Aussterbeschuld», sagt FDP-Kantonsrat Stephan Weber aus Wetzikon. «Viele Pflanzen und Lebewesen verkümmern, weil die Vernetzung fehlt.» Deshalb brauche es nun vor allem Massnahmen zur Vernetzung und Aufwertung von Standorten, die für die Biodiversität wichtig seien: Trockenwiesen, Moore und Auenwälder.

Daraus dürfe aber keine Konkurrenz zur Landwirtschaft entstehen: «Nur, wenn man das in gegenseitigem Einvernehmen macht, wird es ein Erfolg», so Weber.

Es müssten auch keine wertvollen Landwirtschaftsflächen geopfert werden. Um Trockenwiesen zu schaffen, gelte es zuerst Flächen zu nutzen, die für Bauern ohnehin nicht so lukrativ seien, etwa an Hanglagen. Mit den aufgestockten finanziellen Mitteln könnten auch mehr Pflegeaufträge an Landwirte erteilt werden, die Land ökologisch bewirtschaften.

Gemeinden brauchen Unterstützung

SP-Kantonsrat Jonas Erni, Komiteemitglied der Natur-Initiative und Vorstandsmitglied des WWF Zürich, sieht ebenfalls Chancen für die Bauern: «Die Hälfte der Gelder wird in die Landwirtschaft fliessen», sagt der Umweltingenieur. Zudem sei es wichtig, dass der Kanton die Gemeinden beratend unterstütze, wenn sie ökologisch hochwertige Flächen unter Naturschutz stellen.

Die Stadt Wädenswil etwa, in der Erni als Stadtrat amtet, habe erst seit diesem Jahr eine eigene Umweltfachstelle. Und viele kleinere Gemeinden seien noch mehr auf qualifizierte Beratung angewiesen.

Nicht zuletzt solle der Kanton auch auf seinen eigenen Flächen mit gutem Beispiel vorangehen und für ökologische Aufwertungen sorgen. Neben Massnahmen für Trockenwiesen, Moore und Biodiversität im Wald nennt Erni auch die Förderung von Obstgärten, Hecken und Saumbiotopen als wichtige Ziele.

Der Regierungsrat mit dem für Umweltfragen zuständigen Baudirektor Martin Neukom (Grüne) will nun vorwärts machen und das Naturschutz-Gesamtkonzept rascher umsetzen. Ein Sprecher Neukoms nennt beispielsweise den Erhalt und die Förderung der Qualität von Naturschutzgebieten durch flächendeckende Pflege sowie das Bekämpfen von Neophyten als Verwendungszweck für das zusätzliche Geld – nebst dem Einsatz für Magerwiesen, Moore, lichte Wälder, Naturwaldreservate und Gewässer-Renaturierungen.

Lichterer Wald auf der Lägern

Bereits fürs kommende Jahr sei etwa eine grössere Moorregeneration im Moorgebiet Wildert in Illnau-Effretikon sowie die Auslichtung einer weiteren Waldfläche am Lägerngrat in Otelfingen geplant.

Mit einer Fonds-Einlage von 40 bis 60 Millionen Franken pro Jahr könnten laut Regierungsrat die Ziele aus dem kantonalen Gesamt-Naturschutzkonzept bis 2035 «voraussichtlich zu gut 70 Prozent erreicht werden». Bis dann hätte das Konzept 40 Jahre auf dem Buckel.